Das Antidoping-Gesetz steht in der Kritik

Dopinglabor Erfurt - Blutbeutel im Kuehlschrank

Nach Urteil gegen Erfurter Dopingarzt

Das Antidoping-Gesetz steht in der Kritik

Von Hajo Seppelt, Sebastian Krause und Jörg Winterfeldt

Das Münchner Verfahren zur Operation Aderlass zeigt die Wirksamkeit des neuen Gesetzes. Fachleute kritisieren, es sei ein Ausnahmefall und fordern, die Defizite zu beseitigen.

Juristen in Deutschland haben das Münchner Verfahren zur Operation Aderlass mit Spannung verfolgt. Das zugrunde liegende Antidoping-Gesetz ist 2015 eingeführt worden. Und nie zuvor hatte es in einem ähnlich umfangreichen Tatkomplex wie bei dem Doping-Netzwerk um den Erfurter Arzt Mark Schmidt seine Wirksamkeit beweisen müssen.

Die Hauptverhandlung hat gezeigt, dass ein wesentliches Augenmerk der Verteidigerstrategie darauf lag, die Grundlagen in Frage zu stellen und anzugreifen. 

Erstes Fazit positiv

Nach den erstinstanzlichen Urteilen fällt eine erste Bestandsaufnahme positiv aus.  "Wir werden keine Revision einlegen, wir sind mit dem Urteil zufrieden“, sagte der Münchner Oberstaatsanwalt Kai Gräber der ARD-Dopingredaktion, "ich halte es schon für ein wichtiges Signal, das hier aus München gesendet worden ist. Zum einen hat man gesehen, dass mit Hilfe der staatlichen Ermittlungsbehörden solche Verfahren möglich sind, und auch dann solche Verurteilungen erzielt werden können. Es ist auch ein Zeichen an die Szene. Man sieht, es kommt etwas raus.“

Auch das Strafmaß für den Hauptangeklagten Mark Schmidt, der eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Monaten sowie drei Jahre Berufsverbot erhielt, wertet der Ankläger Gräber positiv. "Es ist immerhin die erste Verurteilung eines Arztes wegen des unerlaubten Verwendens von verbotenen Methoden nach dem Anti-Doping-Gesetz“, sagt Gräber.

Dass einige prominente Doper wie etwa die früheren Radprofis Alessandro Petacchi, Danilo Hondo und weitere öffentlich nicht namentlich genannte, profitiert haben und nicht strafrechtlich verfolgt wurden, liegt an der späten Einführung des Gesetzes 2015. Vorher waren ihre Doping-Handlungen nicht strafbar.

Schwächen identifizieren

Derzeit wird das Anti-Doping-Gesetz vom Gesetzgeber auf seine Effektivität überprüft. Dabei gilt es auch, die Schwächen zu identifizieren. Auffällig ist etwa, dass es zu den angestrebten Verfahren im Profisportbereich kaum gekommen ist. Es gab im Wesentlichen nur zwei große Verfahren: Neben dem Münchner Aderlass-Prozess noch die Verurteilung des Profiboxers Felix Sturm Ende April 2020. Sturm wurde wegen Steuerhinterziehung in sechs Fällen, versuchter Steuerhinterziehung in zwei Fällen und eines Verstoßes gegen das Antidoping-Gesetz zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.

Fachleute vermuten, dass die geringe Verfahrensquote nicht darauf zurückzuführen ist, dass es weniger Dopingfälle gegeben haben könnte. Vielmehr führen sie es auf Defizite des Gesetzes und seiner Anwendung zurück. Gemeinsam mit der Leipziger Kollegin Elisa Hoven hat der Augsburger Strafrechtler Michael Kubiciel das Gesetz im Auftrag der Bundesregierung evaluiert. Der Bericht ist im November vorgelegt worden.

"Köchelt auf mittlerer Flamme"

"Die Operation Aderlass ist in der kurzen Geschichte des Anti-Doping-Gesetzes ein sehr außergewöhnliches Verfahren, weil zum ersten Mal eine ganze Struktur zur Anklage gebracht worden ist und dass man mit einem Whistleblower hinter diese Strukturen schauen konnte“, sagt Kubiciel. Er schränkt aber ein: "Das Antidoping-Gesetz köchelt auf mittlerer Flamme. Es werden viele kleine Fische abgefangen, während die großen Verfahren gegen Netzwerke oder wegen Selbstdopings eben nicht geführt werden.“

Die Wissenschaftler haben für ihre Evaluierung 500 Akten von den Staatsanwaltschaften erhalten. Ihre Schlussfolgerungen sind verheerend: "Bislang werden viele Fälle wegen Dopings im Kraftsport geführt, weil schon wegen relativ geringer Mengen von Dopingmitteln Strafverfahren eingeleitet werden“, sagt Kubiciel, "gleichzeitig scheint es, dass viele Staatsanwälte sich scheuen, Verfahren wegen des Selbstdopings tatsächlich zum Abschluss zu bringen. Es ist jedenfalls auffällig, dass diese Verfahren fast immer eingestellt werden mit Begründungen, die uns nicht immer oder sogar nur selten überzeugt haben.“

Um Abhilfe zu schaffen, haben die Wissenschaftler Verbesserungsvorschläge eingereicht. Einerseits sollte die Dopingmittel-Mengen-Verordnung so angepasst werden, dass nicht wegen kleinster Mengen sofort die Staatsanwaltschaften ausrücken müssen. Das würde Ressourcen freisetzen. Und um Selbstdoping zuverlässiger verfolgen lassen zu können, sollen die Einschränkungen gestrichen werden. Selbstdoping ist bisher nur für Sportler strafbar, die entweder in einem Testpool gelistet sind (Kaderathleten) oder die mit ihrem Sport Einnahmen von nicht unerheblichem Umfang erzielen.

Bizarre Ergebnisse

Kai Gräber

"Das kann zu bizarren Ergebnissen führen“, sagt Kubiciel, "wenn etwa bei den Judo-Meisterschaften in Deutschland ein Testpoolathlet gegen einen Nicht-Testpoolathlet kämpft und beide würden dopen, würde sich der eine strafbar machen und der andere nicht.“ Auch habe es sich in der Praxis als sehr schwierig erwiesen, die Verdienstsituation vieler Athleten zu ermitteln, so dass oft von einer Strafverfolgung abgesehen werde.

Dem Praktiker Gräber wäre die Einführung einer Kronzeugenregelung am wichtigsten. Und im Münchner Urteil gegen den Arzt Schmidt hätte er sich vor allem in einem Aspekt noch eine Strafschärfung vorgestellt: "Ich hätte ein längeres Berufsverbot für angemessen erachtet. Er hat immerhin gegen seine Pflichten als Arzt massiv verstoßen.“

Stand: 25.01.2021, 09:59

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