Kanute Fazloula darf auf Olympia hoffen

Saeid Fazloula

Kehrtwende des Weltverbandes

Kanute Fazloula darf auf Olympia hoffen

Von Peter Wozny, Josef Opfermann und Jörg Mebus

Einen Tag nach der Berichterstattung der ARD über den scheinbar aussichtslosen Kampf des Kanuten Saeid Fazloula in einer sportpolitischen Farce hat der Weltverband eingelenkt. Die ICF will nun doch einen Olympiastart Fazloulas im Flüchtlingsteam unterstützen.

Als Saeid Fazloula von der Kehrtwende des Weltverbandes erfuhr, habe er „einfach mal zehn Minuten geweint“. Freude und Erleichterung brachen sich Bahn bei dem 28 Jahre alten Kanuten, der sich plötzlich doch wieder Hoffnungen auf einen Olympia-Start im Flüchtlingsteam machen darf. „Dieser Weg war richtig lang und richtig hart, fünf lange Jahre“, sagte Fazloula.

Dass sich die für ihn zuständige International Canoe Federation doch noch einmal bewegen würde, war keine Selbstverständlichkeit. „Ich habe in den letzten Wochen hinter den Kulissen intensiv für meine Position und die des deutschen Verbandes geworben, dass man die Regeln auch anders interpretieren kann“, sagte Thomas Konietzko, der Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) und Vizepräsident des Weltverbandes ICF, der ARD: „Letztlich ist mir eine Mehrheit des Boards gefolgt, und wir haben uns jetzt entschieden, dass wir einen Start von Saeid im Flüchtlingsteam beim IOC unterstützen werden.“ Das habe das Internationale Olympische Komitee bereits schriftlich.

ICF-Vizepräsident Konietzko: "Wir werden Saeid unterstützen" Sportschau 30.09.2020 03:49 Min. Verfügbar bis 30.09.2021 Das Erste

Neues Regelwerk als Ziel

Nach der Berichterstattung der ARD-Sportschau am vergangenen Sonntag über die sportpolitische Farce, die den iranischen Flüchtling Fazloula auf dessen Weg ins IOC-Flüchtlingsteam ausgebremst hatte, war der Druck auf die ICF-Führung noch einmal gestiegen. In einem ersten Schritt hat der Weltverband nun Fazloulas Fall und seine eigenen Paragrafen neu bewertet, in einem zweiten Schritt will er ein neues Regelwerk schaffen.

Flüchtlinge sollen künftig nicht mehr wie bislang Fazloula als herkömmliche Nationenwechsler behandelt werden, die für den Schritt in eine neue sportliche Heimat eine Erlaubnis vom abgebenden Verband benötigen. Sie sollen wie Flüchtlinge behandelt werden. Nach Athleten wie Fazloula soll aktiv gesucht, ihre sportliche Eignung dann in einem Trainingslager überprüft werden, bevor der Weltverband sie dem IOC als Mitglied des Flüchtlingsteams vorschlägt.

„Sportpolitik ist manchmal kompliziert“

Die ICF hatte Fazloula, obwohl der Wahl-Karlsruher einen offiziellen UNHCR-Pass besitzt, nie als Flüchtling anerkannt. Mehr noch: Sie sprach ihm aktiv diesen Status ab, offenbar, um es sich nicht mit dem Iran zu verscherzen. ICF-Vize Konietzko, der nach eigener Darstellung in den unrühmlichen Prozess innerhalb des Weltverbandes aufgrund von Compliance-Richtlinien nicht involviert war (als deutscher Verbandspräsident galt er als befangen), umschrieb am Montag im Gespräch mit der ARD noch einmal die Dimension des sportpolitischen Irrsinns. ICF-Generalsekretär Simon Toulson, so Konietzko, habe die entscheidenden Informationen, die den Weltverband dazu bewogen hatten, Fazloula nicht als Flüchtling anzuerkennen, ausgerechnet im Iran eingesammelt – dem Land, das Fazloula vor fünf Jahren über die Balkanroute fluchtartig verlassen hatte. Nachdem er am Rande der WM ein Selfie vor dem Dom in Mailand gemacht hatte, warf ihm das iranische Regime eine Abkehr vom Islam vor. Darauf steht im Iran die Todesstrafe. „Sportpolitik ist manchmal kompliziert“, sagt Konietzko.

Das IOC ist am Zug

Nun liegt das olympische Schicksal Fazloulas mehr denn je in den Händen des IOC. Die Herren der Ringe hatten in diesem Fall bislang die Hände in den Schoß gelegt und die ICF mit der schwierigen Thematik allein gelassen. Ein weiterer Skandal im Skandal, handelt es sich doch beim Flüchtlingsteam um das Prestigeprojekt schlechthin des IOC, das in Belangen wie diesen immer das letzte Wort sprechen dürfte. Die Dachorganisation kann als Besitzerin der Spiele im Alleingang über das Startrecht aller Olympioniken entscheiden– egal, ob Funktionär, Trainer, Volunteer oder eben Athlet.

Ob sich das IOC im Fall Fazloula nur von der sportpolitischen Zeitbombe Iran fernhalten wollte, ist ungewiss. Dass der Ringeorden dem renitenten Fazloula nun aus Prinzip oder aus sportpolitischem Kalkül die Mitgliedschaft im Flüchtlingsteam für die Spiele im kommenden Jahr in Tokio verweigern könnte, glaubt zumindest Konietzko nicht: „Das IOC hat den Standpunkt der ICF bis jetzt akzeptiert, und ich glaube, es wird auch den neuen Standpunkt unterstützen. Ich glaube, dass von der Seite des IOC keine Gefahr droht, dass ein Start von Saeid noch verhindert wird.“ Das IOC hatte in einem Statement gegenüber der ARD angekündigt, im Falle eines Sinneswandels innerhalb der ICF den Fall Fazloula "zu überdenken".

Stand: 29.09.2020, 09:24

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