Lauter Ahnungslose im Gewichtheben-Skandal

Gewichtheben bei Olympia

Nach Untersuchungsbericht zu Korruption im Weltverband

Lauter Ahnungslose im Gewichtheben-Skandal

Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann, Nick Butler, Bettina Malter und Jörg Winterfeldt

Internationales Olympisches Komitee, Welt-Anti-Doping-Agentur oder die Buchprüfer von der KPMG – sie alle wollen über Jahre nichts von den Machenschaften des Gewichtheber-Präsidenten Tamás Aján gemerkt haben – trotz mancher Hinweise.

Am vergangenen Sonntag trafen sich die Sportfunktionäre, die so etwas wie das Aufräumkommando des Gewichtheber-Weltverbandes bilden, zu einer Videokonferenz. Der Vorstand wollte darüber beraten, wie er den Scherbenhaufen möglichst geräuschlos zusammenkehren kann, den der nach Jahrzehnten der Misswirtschaft und Korruption widerwillig aus dem Präsidentenamt geschiedene Ungar Tamás Aján hinterlassen hat. In der Runde der knapp zwei Dutzend obersten Gewichtheber-Verwalter soll es äußerst lebhaft und lautstark zugegangen sein, denn die Exekutive ist in zwei tief verfeindete Parteien gespalten: auf der einen Seite die große Masse der Aján-Protegés, die bangt, dem einstigen Herrn und Gebieter in die Verbannung oder gar vor Gericht folgen zu müssen. Auf der anderen: das kleine Häuflein der Aufrechten, das nach jahrelanger Unterdrückung und einigen Fehlversuchen zum Sturz des Patrons seine Stunde gekommen sieht.

Hauptstreitpunkt bilden zwei Enthüllungsberichte des als Sonderermittler eingesetzten kanadischen Rechtsprofessors Richard McLaren, genau genommen nur einer davon. Während der Jurist den anderen großen Report öffentlich publiziert hat, landete ein weiterer aus nicht bekannten Gründen nur bei einem erlesenen Quartett aus dem Vorstand, einer so genannten Aufsichts- und Integritätskommission. Wohl aus Furcht, die womöglich noch explosiveren Inhalte würden sonst umgehend an Medien geleakt.

Nun steht die Führungsriege vor einem Dilemma: Was passiert, wenn über das verheerende, quasi-diktatorische Vermächtnis Ajáns ein Großteil von dessen Nutznießern demokratisch mitentscheiden darf? Die Gemengelage spricht dafür, dass in der International Weightlifting Federation (IWF) gerade der erste Skandal der Post-Aján-Ära prächtig gedeihen darf: die klammheimliche Beerdigung eines brisanten Erbes durch die dankbaren Erben.

Netzwerk des Wegsehens - die Reaktion von IOC und WADA auf den Gewichtheberverband sport inside 24.06.2020 10:23 Min. Verfügbar bis 24.06.2021 WDR

Geheime Konten

Die Machenschaften von Tamás Aján hatte der ARD-Film "Der Herr der Heber" im Januar aufgedeckt: Vertuschung von Dopingproben, Vetternwirtschaft, Korruption. Der Ungar Aján hatte sich über Jahrzehnte einen olympischen Sportverband nach seinen Ideen und zu seinem Vorteil zurechtgeschmiedet und notfalls über Wohl und Wehe ganzer Gewichtheber-Nationalteams bei Olympia entschieden. Anfang Juni hatte McLaren seinen Report vorgelegt, der wesentliche Teile der ARD-Recherche bestätigte und auf neue brisante Vorgänge stieß – wie zum Beispiel auf geheime Konten mit exklusivem Zugriff allein für Aján. Zu einigen davon, so heißt es aus gut informierten Kreisen, habe noch immer niemand in der IWF Zugang.

Támas Aján

Hat hohe Geldzahlungen bevorzugt in bar kassiert: Ex-Gewichtheber-Präsident Tamás Aján.

Unter Aján, der mit Vorliebe und selbst bei hohen Geldzahlungen mit handschriftlich ausgefüllten Quittungen die Verschiebung von Bargeld protokollierte, verschwanden McLaren zufolge auch Bücher, in denen solche Bargeldgeschäfte aufgezeichnet waren. Über den Verbleib von mindestens 10,4 Millionen Dollar fehle jeder Hinweis. Auch für die deutschen Athleten ein Schock: "Aján hat unseren Weltverband, unseren ganzen Sport nicht nur der Lächerlichkeit preisgegeben", sagte Simon Brandhuber, ein mehrfacher WM-Teilnehmer am Rande seines Trainings in Leimen der ARD-Dopingredaktion, "es ist ja eine Farce, was da getrieben wurde, und wir stehen jetzt am Abgrund.”

Auch unter den Athleten ist die Kernfrage, wie auf der großen Plattform der olympischen Familie mit einer global zum Wächter berufenen Welt-Anti-Doping-Agentur sowie unter den Augen international renommierter Buchprüfer der KPMG so ein eigenwilliger Geschäftsbetrieb trotz zahlreicher Alarmsignale über Jahrzehnte ungeahndet betrieben werden konnte. Viele sind fassungslos – auch über die nun von potenziellen Kontrollinstanzen wie dem IOC, in dem Aján lange Jahre als treues Mitglied saß, vorgetragene Fassungslosigkeit. "Wir sind zutiefst besorgt und schockiert von diesem Bericht, vor allem über das Ausmaß der Aktivitäten dort”, sagte Thomas Bach, der IOC-Präsident.

Hilfe von den Ringe-Experten

Manche Fachleute trauen da ihren Ohren kaum. Mark Pieth, Strafrechtler an der Universität Basel aus der Schweiz, also dem Land, in dem die IWF ihren juristischen Sitz hat, hat die IOC-Aussagen zu den Vorwürfen gegen die IWF genau verfolgt. "Wenn das IOC sich jetzt geschockt gibt, ist das doch sehr erstaunlich, hatte man doch vor zehn Jahren eigentlich Einblick", sagt er, "man wusste, was gespielt wird, und hat gesagt: Wir sind nicht zuständig. Das ist nicht unser Problem, sondern das Problem dieses Gewichtheber-Verbandes. Also: Es tönt etwas hohl.”

Seltsam mutet für Betrachter die Reaktion Bachs auch vor dem Hintergrund der zahlreichen Verstrickungen von ehemals führendem IOC-Personal in den Betrieb der IWF unter Aján an. Der Schweizer Rechtsanwalt François Carrard galt einst als Schwergewicht im Kreis der Olympier, denn als Generaldirektor unterstand ihm die gesamte Verwaltung. Seit seinem Ausscheiden nutzt er seine weitreichenden Kontakte in den Weltsport gewinnbringend mit seiner Kanzlei. Für die IWF leitete er ausgerechnet jene beiden Wahlkongresse 2013 und 2017, die laut dem Bericht des Sonderermittlers McLaren von massivem Stimmenkauf zum Wohle Ajáns geprägt waren. Der ehemalige medizinische Direktor des IOC, Patrick Schamasch, diente Aján treu während der Ära der Dopingvertuschung in seiner Funktion als Vorsitzender der IWF-eigenen Anti-Doping-Kommission.

Stand: 24.06.2020, 19:59

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