Erneuter Skandal im Gewichtheben: IOC droht mit Olympia-Ausschluss

Durch ARD-Recherchen des Dopings überführt: Thailands Olympiasiegerin Rattikan Gulnoi

ARD-Doku "Herr der Heber"

Erneuter Skandal im Gewichtheben: IOC droht mit Olympia-Ausschluss

Von Nick Butler und Jörg Winterfeldt

Nach einer zynischen Personalentscheidung am Dienstag droht das Internationale Olympische Komitee dem Chaos-Verband der Gewichtheber offen mit dem Rauswurf aus dem olympischen Programm.

Mit strammen Schritten steuert der Weltverband der Gewichtheber (IWF) auf seinen Ausschluss aus dem olympischen Programm zu. Für die Verschärfung der Krise im skandalgebeutelten Verband sorgten die Vorstandsmitglieder bei einer Online-Sitzung am Dienstag (13.10.2020): Sie beschlossen, die Interimspräsidentin Ursula Papandrea aus den USA abzusetzen. Statutenmäßiger Nachfolger und Nutznießer ist ausgerechnet der umstrittene erste Vizepräsident Intarat Yodbangtoey aus Thailand. Er steht unter starkem Verdacht, sich der Bestechung und der Beteiligung am Doping schuldig gemacht zu haben.

Umgehend meldete das Internationale Olympische Komitee sich am Mittwoch zu Wort. Die Herren der Ringe in Lausanne seien "sehr besorgt über die verbreitete Entscheidung". Insbesondere über die "Art und Weise, wie die Entscheidung getroffen wurde, und den gewählten Ersatz". Mit ungewöhnlich klaren und scharfen Formulierungen drohten die Olympier den Gewichthebern unverhohlen in ihrer Pressemitteilung: Sie behielten sich abhängig von künftigen Entwicklungen weitere Maßnahmen vor, darunter "die Überprüfung des Platzes von Gewichtheben im Programm der Olympischen Spiele in Paris 2024".

Der Weltverband IWF hat damit nach einem chaotischen Jahr den nächsten Tiefpunkt erreicht. Im Januar hatte der ARD-Dokumentarfilm "Herr der Heber" die Machenschaften des langjährigen Präsidenten Tamas Ajan einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt: Ihm wurden Korruption, Vetternwirtschaft und Dopingverschleierung vorgeworfen. Ajan trat im April zurück, zwei Monate bevor ein unabhängiger Bericht fast alle ARD-Vorwürfe sowie neue Behauptungen über Wahlmanipulation und fehlendes Geld bestätigte.

Schwer belasteter thailändischer Generalmajor

Nach Jahrzehnten autokratischer Ajan-Herrschaft wurde die Amerikanerin Papandrea damit betraut, bis zu Neuwahlen übergangsweise die Geschicke der IWF zu lenken und grundsätzliche Reformen auf den Weg zu bringen. Am Dienstag dann beschloss der Vorstand des Verbandes mit großer Mehrheit, "die Ernennung zu widerrufen". Als erster Vizepräsident rückte Yodbangtoey zum Interimsherrscher auf.

Abgesetzt: IWF-Interimspräsidentin Ursula Papandrea

Abgesetzt: IWF-Interimspräsidentin Ursula Papandrea (neben dem geschassten Skandal-Präsidenten Tamas Ajan).

Nach ARD-Informationen stimmten 14 der 17 derzeitigen Vorstandsmitglieder für die Absetzung Papandreas, die übrigen drei enthielten sich. Die Amerikanerin, die zu der Sitzung eingeladen war, aber nicht daran teilnehmen wollte, bezweifelte gegenüber der ARD, dass die Abstimmung über ihre Streichung legitim im Sinne des im Juni erteilten Mandats sei. Sie werde sich juristischen Rat einholen: "Wenn sie mich unter den richtigen Bedingungen absetzen wollen, dann bin ich bereit, mit ihnen darüber zu diskutieren.“

In einer heute vom IWF-Vorstand versendeten Pressemitteilung dankte das Gremium Papandrea für ihren "Beitrag in den vergangenen Monaten" und "zählte auf ihre anhaltende Unterstützung als Vizepräsidentin". Es wurde kein Grund für ihre Absetzung genannt. Es gilt aber als sicher, dass ein Hauptstreitpunkt der vergangenen Monate den Unmut der alten Ajan-Gefolgschaft hervorrief: eine Regel, die die Olympia-Teilnahme von Ländern mit den schlechtesten Doping-Bilanzen einschränkt.

Aufstand der Ausgeschlossenen

Sieben der 19 amtierenden Exekutivdirektoriumsmitglieder stammen aus Nationen, die im Gewichtheben entweder von den Spielen in Tokio im nächsten Jahr ausgeschlossen sind, oder wegen wiederholter Verstöße nur eine begrenzte Anzahl von Athleten entsenden können.

Nun soll der Wolf in der IWF die Schafe hüten. In der Pressemitteilung des Exekutivkomitees, die noch nicht auf der IWF-Website veröffentlicht wurde, heißt es weiter: "Generalmajor Yodbangtoey Intarat führte den Vorsitz der Sitzung, und um die Governance-Reformen zu beschleunigen, wird er unverzüglich den IWF-Verfassungsreform- und Wahlkongress für Ende März 2021 einberufen.“

Auch wurde bekannt gegeben, dass der Australier Sam Coffa, ein 84-jähriger altgedienter Beamter, der zuvor ein langjähriger Unterstützer von Tamas Ajan war, zum neuen Vorstandsmitglied ernannt wurde. Der Anfang des Jahres von Papandrea als Berater berufene Coffa gilt nun als ein Schlüsselarchitekt ihres Sturzes.

Der Präsident des Bundes Deutscher Gewichtheber, Christian Baumgartner, bezeichnete die Entwicklungen als "unglaublich". Gegenüber der Dopingredaktion der ARD fügte er hinzu: "Man kann diese Entscheidung aus jedem Blickwinkel betrachten, und es könnte nicht schlimmer sein.“ Seiner Meinung nach sei nun "sofortiges Handeln" notwendig, um "die Position des Gewichthebens in der olympischen Familie zu sichern".

"Bestechungsgeld in bar verteilt"

Der neue mächtige Mann Yodbangtoey war eine Schlüsselfigur im thailändischen Gewichtheben in einer Zeit, die von Dopingskandalen im Land geprägt war. Beide Olympiasiegerinnen des Landes bei den Spielen in Rio 2016, Sopita Tanasan und Sukanya Srisurat, sind inzwischen positiv getestet worden. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London fungierte Yodbangtoey sogar als persönlicher Trainer der Bronzemedaillengewinnerin Rattikan Gulnoi. Gegen sie wurde ein Verfahren eingeleitet und sie droht ihre Medaille zu verlieren, nachdem sie gegenüber ARD-Reportern vor versteckter Kamera zugegeben hatte, gedopt zu haben.

Der kanadische Jurist Richard McLaren

Der Jurist Richard McLaren hatte der langjährigen IWF-Führung Korruption und Vertuschung vorgeworfen.

In einem unabhängigen Untersuchungsbericht zu den IWF-Skandaljahren unter Ajan, den der kanadische Anwalt Richard McLaren im Juni vorgelegt hat, musste sich der Thailänder Intarat direkt der Korruption beschuldigen lassen. Ein Zeuge erzählte den Ermittlern, dass ein Wahlmakler ausgesagt habe, er habe 2017 während des IWF-Wahlkongresses in Thailand, bei dem Intarat in sein Amt als Vizepräsident gewählt worden war, "aus einer in seinem Besitz befindlichen Tasche ein Bestechungsgeld in Höhe von 5.000 US-Dollar in bar verteilt".

Yodbangtoey bestreitet das Fehlverhalten. Der Weltverband IWF, in dessen Vorstand er einflussreich weiter sitzen durfte, reagierte auf den Bericht nach alten Ajan-Mustern: Seit der Veröffentlichung im Juni wurden weder Disziplinarmaßnahmen noch Folgeuntersuchungen eingeleitet.

Stand: 14.10.2020, 18:40

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