Das Fiasko im Fall Russland offenbart das Scheitern des Anti-Doping-Systems

Historisches Versagen

Das Fiasko im Fall Russland offenbart das Scheitern des Anti-Doping-Systems

Russland erhält eine weitere Chance, obwohl es die Frist zur Öffnung seines Anti-Doping-Labors für internationale Kontrolleure verstreichen ließ. Die gesamte Angelegenheit steht exemplarisch für ein Anti-Doping-System, dem sowohl die Fähigkeit als auch der Wille zu echten Reformen fehlen. Eine Analyse von Nick Butler und Hajo Seppelt.

Eigentlich steckt das Leben voller Überraschungen. Allein die Mitteilung vom 21. Dezember, dass Kontrolleure der Welt-Anti-Doping Agentur (WADA) unverrichteter Dinge und ohne die versprochenen Daten aus dem Moskauer Labor heimreisen mussten, gehört eher nicht in diese Kategorie.

Dopingproben lagern in Kuehlschrank in Moskauer Kontrolllabor

Dopingpoben lagern in einem Kuehlschrank im Moskauer Kontrolllabor.

Für die Verzögerung beriefen die Russen sich auf ihre Rechtsvorschriften: Der Zugang war nicht gewährt worden mit der Begründung, die Ausrüstung des WADA-Teams sei nicht zertifiziert gewesen. Ein zuvor nie erwähnter, plötzlich aber verdächtig hilfreicher Einwand. Also verstrich ein auf den 31. Dezember festgelegtes Ultimatum der Anti-Doping-Jäger fruchtlos. Eine Woche darauf, es begab sich zu der Zeit, als die Russen ihr Weihnachtsfest begingen, wurde angekündigt, dass eine weitere Inspektionsreise erfolgen werde. Ganz so, als habe es nie eine Deadline gegeben.

McLaren: "Daten aus Moskau könnten Hunderte Dopingfälle offenlegen" Sportschau 18.01.2019 05:36 Min. Verfügbar bis 18.01.2020 Das Erste

Dabei hatte die WADA wiederholt gewarnt, dass die russische Anti-Doping-Agentur (RUSADA) erneut suspendiert werden würde, hielte sie den Silvester-Termin nicht ein. Nach der Kehrtwende jedoch verweist die WADA auf „internationale Standards“ und rechtliche Anforderungen. Russland also solle noch einige wenige zusätzliche Tage eingeräumt bekommen, die Anforderungen zu erfüllen.

Das Moskauer Dopingkontrolllabor der RUSADA

WADA-Inspektoren verlangen Zugang zum Moskauer Dopingkontrolllabor.

Kritiker als „Lynchmob“ abgetan

Alsbald folgte ein zunehmend lauter werdender Sturm der Entrüstung westlicher Sportler. Er nötigte den Gründungspräsidenten der WADA, Dick Pound, schweres Geschütz aufzufahren. Der Mann mit dem Hang zur drastischen Formulierung, kanzelte die Kritiker am erneuten Einknicken seiner früheren Organisation kurzerhand als „Lynchmob“ ab.

Dabei agiert die WADA, wie viele politische Organisationen, gern erstaunlich ambivalent: sich rigoros auf die Rechtslage berufen, wenn es ihr in den Kram passt, und gleichzeitig gern Fünfe gerade sein lassen, wenn das gerade konveniert, etwa als sie die RUSADA im September wieder zuließ, obwohl längst nicht alle Voraussetzungen dafür erfüllt waren.

In einer Sitzung des Compliance-Komitees der WADA Mitte Januar werden die Daten, sofern sie dann denn wirklich vorliegen, bewertet. Danach wird eine Empfehlung bezüglich der erneuten Suspendierung ausgesprochen, über die das Exekutivkomitee eine Woche darauf beraten wird.

Allein: Die WADA wird bis dahin jedoch nur eine sehr grobe Analyse der Daten durchgeführt haben können. Die eingehende Untersuchung, ob Daten manipuliert wurden, wird wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.

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Dementsprechend wird sich der gesamte Prozess bis in den Sommer hinziehen. Sollte man nicht bis zum Abschluss der Analyse erklären, dass Russlands Anti-Doping-Agentur erneut nicht regelkonform ist? Selbst wenn es sich dabei um eine weitgehend symbolische Strafe handelte.

Richard McLaren, der Leiter der Sonderkommission der WADA, der 2016 den vernichtenden Bericht über staatlich gefördertes Doping bei den olympischen Winterspielen in Sotschi verfasst hat, erklärte gegenüber der ARD, dass mit den vollständigen elektronischen Daten Verfahren gegen 600 russische Sportler abgesichert werden könnten.

Geschieht dies tatsächlich, verdiente die WADA ein Lob für einen äußerst gelungenen Spagat.

Aber erwartet ernsthaft irgendjemand, dass Russland jetzt mitspielen wird? Warum sollte es?

Russisches Doping - Strich darunter?

Der Präsident des Internationale Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, erklärte am Neujahrstag, dass es nun an der Zeit sei, einen „Strich unter dieses schädliche Kapitel zu ziehen“. Ob absichtlich oder nicht, stellte er den Russen damit einen Persilschein aus: dass man sie wieder aufnehmen würde, wie auch immer sie sich verhielten.

IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Staatschef Putin

Oft zu sehen in vertrautem Umgang: IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Staatschef Putin.

Unterschiedliche Gruppen in Russland verfolgen unterschiedliche Ziele. Es wurden jedoch schon viele Verzögerungsspielchen gespielt, damit sich der Fall weiter hinzieht. Einige vermuten, dass den WADA Kontrolleuren im letzten Monat zunächst nur deshalb Zugang gewährt wurde, damit man sich ein Bild von deren Strategie machen kann und weiß, welche Beweise verschwinden müssen.

Man wird sehen...aber wahrscheinlich doch eher nicht. 

Russland ist einfach zu mächtig. Viele Sportverbände hängen sehr stark vom Putin-Regime ab, wenn es in einem zunehmend fragilen Marktumfeld um die Vergabe lukrativer Werbe- oder Veranstaltungsverträge geht.

Der Anschein einer Suspendierung

Bachs IOC agiert dabei als Vorreiter. Als der McLaren-Bericht veröffentlicht war, sprach sich das IOC gegen eine pauschale Sperre aller russischen Sportler bei den Spielen in Rio 2016 aus. In Brasilien attackierte das IOC die WADA, als die eine Suspendierung vorschlug. Der Druck gipfelte letztendlich in der Kehrtwende der Welt-Anti-Doping-Agentur im September.

Bei den Winterspielen in Pyeongchang im vergangenen Jahr bedachte das IOC Russland lediglich mit dem Anschein einer Suspendierung. Mehr eine Art Etikettenschwindel, bei dem das Team unter der Bezeichnung „Olympische Athleten aus Russland“ antreten durfte. Die Russen hätten sogar schon bei der Schlussfeier wieder mit der eigenen Landesfahne einlaufen können, wären während der Spiele nicht zwei weitere Doping-Fälle in ihrer Delegation aufgedeckt worden.

Die noch nicht aufgehobenen Suspendierungen des Internationalen Paralympischen Komitees und des Internationalen Leichtathletikverbandes waren die einzigen durchweg konsequenten Reaktionen von Sportverbänden.

Betrüger nur selten überführt

Doping ist natürlich nicht allein ein russisches Problem. Jeder weiß, dass in den vergangenen 40 Jahren nur ein Bruchteil aller gedopten aktiven Athleten erwischt wurde. Wenn Sportler des Dopings überführt werden, führen sie oft mildernde Umstände an, um Sanktionen möglichst minimal zu halten. Bisweilen werden solche Verfahren nicht einmal öffentlich gemacht. In vielen Sportarten wie Fußball, Basketball, Tennis und Boxen besteht nur geringer Jagdinstinkt, Doper zu entlarven. Schmerzmittel, Asthmamedikamente, Kortison und die Medizinischen Ausnahmegenehmigungen (TUE‘s), bei denen Sportler einen Antrag auf Erteilung einer ärztlichen Erlaubnis zur Einnahme eines eigentlich verbotenen Wirkstoffs stellen können, schreien geradezu nach Missbrauch.

Im Fall Russlands wurden jedoch, bei aller Komplexität aufgrund des Verschwindens positiver Proben, eklatante Betrügereien in einem bisher ungeahnten Ausmaß aufgedeckt. Der Sport hatte eine einzigartige Gelegenheit zu zeigen, dass Doping nicht toleriert wird.

Die nur schwachbrüstige Reaktion sagt alles...

Stand: 15.01.2019, 21:03

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