Tokio 2020: Droht Russen der Olympia-Ausschluss?

Russische Athleten starteten zuletzt unter neutraler Flagge

WADA-Entscheidung

Tokio 2020: Droht Russen der Olympia-Ausschluss?

Von Wigbert Löer und Hajo Seppelt

Zu Manipulationen und Vertuschung russischer Dopingfälle hat die ARD-Dopingredaktion den zuständigen Komitee-Chef der WADA befragt. Jonathan Taylor deutet an, dass Russland diesmal harte Konsequenzen befürchten muss.

Es sind turbulente Wochen für den Weltsport, im Mittelpunkt steht mal wieder Russland. Oder, genauer: Russlands Umgang mit Betrugsvorwürfen. Seit den ersten Enthüllungen der ARD-Dopingredaktion im Dezember 2014 müssen sich Sportverbände und die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA mit der Frage auseinandersetzen, was die richtige Antwort auf Manipulation und Vertuschung ist. Welche Strafen sind angemessen, wenn ein Land den sportlichen Wettbewerb heimlich manipuliert oder, wie offenbar jetzt, die Aufklärung von Staatsdoping hintertreibt?

Der aktuelle Vorwurf wiegt schwer: Das Land habe Tausende Testresultate von Athleten verfälscht. Das sagte einer, der es wissen muss, nämlich der Chef der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA. Die ARD-Dopingredaktion hatte nun Gelegenheit, darüber mit Jonathan Taylor zu sprechen. Der britische Jurist Taylor leitet das Compliance Review Committee (CRC) der WADA. Dieses Gremium ist unter anderem für den Fall Russland zuständig. Taylor erläuterte die Hintergründe zu dem, was in diesen Tagen passiert – und mit welchen Konsequenzen Russland rechnen muss.

Der Sportminister wiegelt ab

Die Russen haben Anfang 2019 Labordaten mutmaßlicher Dopingfälle zur Überprüfung an die WADA gegeben, die das Ausmaß des staatlichen Dopingprogramms von 2012 bis 2015 belegen sollten. Die WADA zweifelt aber nun an der Echtheit der gelieferten Daten. Der russische Sportminister Pawel Kolobkow hält dagegen: Niemand habe irgendetwas gelöscht, Manipulationen gebe es nicht. Kolobkow spricht nur von „technischen Problemen“, und die würden Computerexperten in Kürze klären.

Als „nicht authentisch und nicht vollständig“ bezeichnet jetzt WADA-Mann Jonathan Taylor im ARD-Interview die russischen Labordaten. Er sagt: „Es wurden einige Änderungen vorgenommen.“ WADA-Experten würden jetzt mit russischen Experten zusammentreffen. Danach gehe ein Bericht an ihn und seine Kollegen im Compliance Review Committee. Dessen Mitglieder treffen sich dann an diesem Sonntag (17. November 2019). Sie werden den Fall beraten – und noch an diesem Tag Empfehlungen an das Exekutiv-Komitee der WADA geben.

Der WADA-Mann hat auch die Drahtzieher im Blick

Taylor macht deutlich, dass es dabei nicht nur um die Bewältigung der Vergangenheit geht. Es werfe auch „einen Schatten auf aktuelle Athleten“, wenn deren Daten „nicht einwandfrei“ seien. Als Empfänger möglicher Sanktionen sieht Taylor keineswegs nur die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA. Konsequenzen müssten ausreichend sein, um die RUSADA, „aber auch diejenigen zu überzeugen, die die RUSADA unterstützen, ihren Verpflichtungen nachzukommen“. Damit dürfte der WADA-Komitee-Chef die staatlichen Unterstützer des russischen Doping- und Dopingvertuschungsprogramms meinen, die Drahtzieher im Sportministerium also und die Helfer aus dem Geheimdienstapparat. In der Vergangenheit, etwa während der Olympischen Winterspiele in Sotschi, hatten russische Agenten Manipulationen aktiv unterstützt.

Taylor will, sofern die WADA vom Vergehen Russlands überzeugt ist, auch ein Exempel statuieren. Der „Zweck der Konsequenzen“ bestehe darin, „die Menschen dazu zu zwingen, den Standard einzuhalten und jene Menschen abzuschrecken, die mit dem Gedanken spielen, den Standard nicht einzuhalten“. Es gehe letztlich auch darum, „Menschen abzuschrecken“. Von Seiten des zuständigen WADA-Komitees CRC, dem er vorsitzt, schloss Taylor eine milde Reaktion aus: Sollten die Experten feststellen, „dass die Daten manipuliert wurden, dann können sie mit einer harten Empfehlung seitens des CRC rechnen“.

Das ausführliche Interview mit Komiteechef Taylor über den Fall Russland Sportschau 15.11.2019 08:50 Min. Verfügbar bis 15.11.2020 ARD

Eine Sperre russischer Sportler und Funktionäre ist möglich

Eine „harte Empfehlung“ – laut Taylor kann diese darin bestehen, dass keine internationalen Sportveranstaltungen mehr in Russland stattfänden. Ebenso könnten Funktionäre Russlands und auch Athleten von „internationalen Events“ wie den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Eine Olympia-Sperre russischer Sportler bezeichnet Taylor wörtlich als „eine der Konsequenzen, die gemäß dem Standard vorgeschlagen werden könnten“. Und er sagt: „Wenn die Fakten ausreichen, wenn diese es rechtfertigen, dann wird das CRC eine entsprechende Empfehlung aussprechen.“

Sollte sich die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA als unschuldig erweisen, ist Russland als Sportnation dadurch aber nicht automatisch vor Strafen geschützt. Taylor: „Wenn man darüber nachdenkt, ist es das Gleiche wie bei einem Athleten. Ein Athlet kann sagen, ‚na ja, es war ja mein Arzt, der mir das Medikament oder das Ergänzungsmittel gab‘. Der Athlet ist aber immer noch verantwortlich. Das Gleiche gilt für die RUSADA.“

Test für die Tauglichkeit des Anti-Doping-Systems

Die Möglichkeit, dass der Fall Russland am Ende vor dem Sportgericht landet, besteht ungeachtet dessen. Die RUSADA könne akzeptieren, was die WADA entscheide, „in diesem Fall werden die Konsequenzen gültig und jeder muss ihnen Folge leisten“, sagt Jon Taylor. „Oder die RUSADA kann die Mitteilung bestreiten und sagen: ‚Unser Verhalten ist nicht nonkonform‘, oder: ‚Die Konsequenzen sind nicht fair‘.“ In diesem Fall könne die WADA den Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) bringen.

Der WADA-Mann Jon Taylor sieht im Fall Russland eine Art Test für die Tauglichkeit des Anti-Doping-Systems. Dabei ist er guten Mutes. „Wenn die Fakten für sich sprechen, dann erwarte ich, dass die Empfehlung schwerwiegend sein wird. Ich erwarte, dass das Exekutivkomitee der WADA sie befürworten wird. Und wenn es Streitigkeiten geben wird, erwarte ich, dass der CAS diese Regeln aufrechterhalten wird.“

Stand: 15.11.2019, 08:32

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