Interims-Präsidentin beantragt Ausschluss von Aján

Gewichtheben - Machtkampf im Weltverband Sportschau 11.04.2020 07:00 Min. Verfügbar bis 11.04.2021 Das Erste Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann und Nick Butler

Machtkampf im Gewichtheben spitzt sich zu

Interims-Präsidentin beantragt Ausschluss von Aján

Von Nick Butler, Grit Hartmann, Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Seit Ende Januar darf Tamás Aján die Amtsgeschäfte als Präsident des Gewichtheber-Weltverbandes nicht mehr allein führen. Er tat es anscheinend trotzdem - auf rüde Art und Weise. Interims-Präsidentin Ursula Papandrea lässt es deshalb nun auf den ultimativen Machtkampf ankommen.

Der Machtkampf im Gewichtheber-Weltverband IWF spitzt sich zu. Am Freitagabend (10.04.2020) stellte Interimspräsidentin Ursula Papandrea innerhalb der IWF-Exekutive einen Antrag auf den kompletten Ausschluss des bereits suspendierten Amtsinhabers Tamás Aján. In einer E-Mail an Aján und ihre Vorstandskollegen erhob die Funktionärin aus den USA schwere Vorwürfe gegen den 81 Jahre alten Ungarn: Er soll in den vergangenen Wochen, also im Zeitraum seiner Suspendierung, unter anderem unerlaubte Amtsgeschäfte geführt und Papandrea massiv bedroht haben.

"Meines Erachtens sind Sie nicht länger geeignet, die Organisation zu repräsentieren oder zu führen", schrieb Papandrea an Ajàn gerichtet. Sie schloss ihre Mail, die der ARD-Dopingredaktion vorliegt, mit der Aufforderung zur Abstimmung: "Die Mitglieder des Exekutivausschusses werden gebeten, durch Beantwortung dieser E-Mail abzustimmen: A. Ja, Präsident Tamas Aján als Amtsträger der Exekutive abzusetzen. B. Nein, Präsident Aján nicht als Amtsträger der Exekutive abzusetzen."

Gewichtheben-Skandal: IWF-Vize Ursula Papandrea kritisiert Tamás Aján

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Sollte eine Mehrheit des inklusive Aján 21 Mitglieder zählenden IWF-Regierungsgremiums sich für einen Ausschluss des langjährigen Alleinherrschers aus der Exekutive aussprechen, hätte dieser Beschluss zunächst bis zum nächsten, noch nicht angesetzten IWF-Kongress Gültigkeit. Die Vollversammlung müsste dann abschließend entscheiden.

Papandrea beruft sich auf Paragraf 8.4.3 der IWF-Statuten, demzufolge der Kongress den Ausschluss eines Amtsträgers beschließen kann, wenn dieser "die Interessen der IWF vernachlässigt oder gefährdet oder in einer Weise gehandelt hat, die der Kongress als unwürdig für die IWF erachtet". Ihrer Meinung nach sind die Voraussetzungen für diesen Schritt mehr als erfüllt. Papandreas Vorwürfe beschreiben Vorgänge, wie sie selbst in der skandalerprobten Familie der olympischen Fachverbände Seltenheitswert haben dürften.

"… unter Androhung einer gewaltsamen Verhaftung"

Seit Aján Ende Januar wegen der in der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping – Der Herr der Heber" nachgezeichneten Verdachtsmomente gegen Aján und die IWF (u.a. Untreue, Vertuschung von Dopingfällen, Vetternwirtschaft) durch die Exekutive entmachtet wurde, soll der Ungar laut Papandrea unter anderem folgende Fehltritte begangen haben:

  • Ajan habe den IWF-Generalsekretär angewiesen, "ohne mein Wissen Geld vom Schweizer Konto nach Budapest zu überweisen".
  • "Sie haben mich unter Androhung einer gewaltsamen Verhaftung durch die Polizeibehörden am 3. März 2020 aus dem Büro des IWF-Sekretariats während meines Besuchs dort entfernt."
  • "Sie haben sich in meine alleinige Entscheidung eingemischt, Vorstandssitzungen in Bukarest abzuhalten."
  • "Sie leiteten ohne meine Zustimmung eine Sitzung mit den Rechnungsprüfern ein und begannen die Sitzung eine Stunde vor der mir angegebenen Zeit."

Doch es waren wohl Ajáns Drohungen, die das Fass zum Überlaufen brachten. Die Text-Nachrichten der angsterfüllten Papandrea, die sie während ihres Besuchs der IWF-Zentrale in die WhatsApp-Gruppe der Exekutivmitglieder schickte, sprechen Bände. "Dr. Aján hat angerufen und gedroht, mich zu verhaften", schrieb Papandrea, "mir wurde gesagt, ich sei niemand und er der Präsident." Sie werde bei der US-Botschaft um Schutz ersuchen: "Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Ich habe Angst, dass er jemanden zu meinem Hotel schickt."

Die ARD-Dopingredaktion, der der Chatverlauf vorliegt, erfuhr außerdem, dass Aján den Ermittlern der von Richard McLaren geleiteten IWF-Untersuchungskommission, die Papandrea an jenem Tag begleiteten, nur eingeschränkten Zugang zu den Computern im Budapester Büro gewährte.

 "Er ist noch immer im Büro"

Papandrea hatte schon vor dem Verfassen ihrer Mail der ARD mitgeteilt, sie wolle "der Wahrheit auf den Grund zu gehen". Dabei setze sie auf McLaren. Der Untersuchungszeitraum des renommierten kanadischen Ermittlers ist wegen der Corona-Krise um mehrere Wochen bis Juni ausgedehnt worden. Ein anderes Vorstandsmitglied des Weltverbandes, der Russe Maxim Agapitow, sagte der ARD: "Die Exekutive hatte gemeinsam entschieden, dass er (Aján, d. Red.) erst einmal zur Seite tritt während der Untersuchung, aber er hält sich nicht daran. Er ist noch immer im Büro, unterschreibt Dokumente. Das ist nicht gut."

Schon Ende Januar in der ersten Krisensitzung des IWF-Vorstands in Katar nach Ausstrahlung der Sendung hatte Aján deutlich gemacht, dass er das Feld nicht kampflos räumen wird. Auch hier agiert er mit Drohungen. Aján betonte laut Sitzungsprotokoll, das der ARD-Dopingredaktion vorliegt, dass er, sollte er "gedemütigt" werden, "ernsthaft darüber nachdenken" werde, den Verband zu verlassen - gemeinsam mit dem kompletten Verwaltungsapparat. Sein Weggang, behauptete Aján, könnte zu einer "Vernachlässigung" des Gewichthebens durch das Internationale Olympische Komitee führen.

Stand: 11.04.2020, 09:00

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