Der Präsident beklagt sich, den Hebern droht Olympia-Bann

Nach ARD-Doku: IWF-Präsident fürchtet Olympia-Bann für Gewichtheben Sportschau 19.01.2020 05:10 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 Das Erste

Skandale im Gewichtheben

Der Präsident beklagt sich, den Hebern droht Olympia-Bann

Von Hajo Seppelt, Nick Butler, Jörg Mebus und Wigbert Löer

Nach Enthüllungen der ARD-Dopingredaktion stürzt das Gewichtheben in eine tiefe Krise. Die Reaktionen können Tamas Ajan, dem Herrn der Heber, nicht gefallen – die neuen Recherchen auch nicht.

Am kommenden Mittwoch trifft sich das Exekutiv-Komitee des Weltverbandes der Gewichtheber. Der Termin ist kurzfristig angesetzt, in Doha, Katar. Wenn die Spitzenfunktionäre in dem Fünf-Sterne-Hotel "The Torch" zusammenkommen, werden sie vor einem Scherbenhaufen stehen. Viel ist zusammengestürzt in ihrer ur-olympischen Sportart, kaputt, beschmutzt, kaum mehr zu gebrauchen.

IWF-Präsident Tamas Ajan steht im Zentrum zahlreicher Korruptionsvorwürfe

IWF-Präsident Tamas Ajan steht im Zentrum zahlreicher Korruptionsvorwürfe

Ob das Treffen in der Wüste weiterhelfen wird, ist fraglich. Denn ausgerechnet der Mann, der nach derzeitigem Kenntnisstand die Hauptverantwortung für die größte Krise in der Geschichte des Sports und für den Verlust jedweder Glaubwürdigkeit trägt – er beansprucht nun offenbar noch, den zerstörten Verband höchstpersönlich wieder aufzubauen. Sein Name ist Tamás Aján. Der Präsident des Weltverbandes.

Das IOC reagiert gleich doppelt

Vor zwei Wochen hat die ARD-Dopingredaktion eine Reihe unhaltbarer Zustände aufgedeckt. Es geht um Sportbetrug und Korruption, um Manipulation und Vetternwirtschaft, um verschwundene Millionen und Dopinggeständnisse, sogar um das Dopen von Kindern. Manches war dem Internationalen Olympischen Komitee bekannt. Anderes erfuhren der IOC-Präsident Thomas Bach und seine Mitstreiter vom deutschen Fernsehen.

Am IOC-Sitz in Lausanne ist man plötzlich betriebsam. Gleich zwei seiner Kommissionen hat das Komitee beauftragt, die eine für Ethik, die andere für Disziplin. Sie sollen jetzt von Grund auf durchleuchten, was sich die Kollegen Gewichtheber über Jahre herausgenommen haben.

Hohe Posten, gut bezahlt

Beginnen können sie ganz oben in dem Fachverband der Kraftsportler, beim Chef, dem 81-jährigen Ungarn Tamás Aján. Dieser Herr, seit 50 Jahren in der IWF tätig, führt den Weltverband seit zwei Jahrzehnten als Präsident. Aján agiert als Ehrenamtler und kassiert trotzdem etwa 270.000 Euro pro Jahr. Als hauptamtlicher Generaldirektor ist sein Schwiegersohn installiert.

Es ist Aján, der so viel weiß, finanziell von seinem Posten profitiert und im Verband so lange schon die alles entscheidende Person war. Einigermaßen fragwürdig, dass er nun der Retter sein soll, der das Gewichtheben aus dem tiefen Tal holt, in das es unter seiner Regie gefallen ist.

IOC-Mitglied hält Olympia-Ausschluss für logisch

Tief ist dieses Tal tatsächlich, das zeigt sich auch nach der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping - Der Herr der Heber“. Es droht jetzt nämlich der ganz große Einschnitt – ein Olympia-Verbot. Dick Pound, dienstältestes IOC-Mitglied und einst Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, sagte der ARD nun: "Bei all diesen Tatsachen kann eine der logischen Antworten nur lauten, Gewichtheben zumindest kurzfristig aus dem olympischen Programm zu nehmen und so lange zu suspendieren, bis es zur Zufriedenheit des IOC zeigt, dass es den olympischen Werten entspricht."

Den "olympischen Werten" entspricht die jahrelange erfolgreiche Dopingvertuschung wohl eher nicht. Sie wurde zum Beispiel in Thailand praktiziert, von Rattikan Gulnoi, einer Heberin, die auch von Tamás Ajáns heutigem Stellvertreter gecoacht wurde. Gulnoi erklärte in der ARD-Doku vor versteckter Kamera, wie sie gespritzt und pausiert und wieder gespritzt und wieder pausiert hatte – und dabei niemals aufgefallen war. Sie gewann eine Bronzemedaille bei Olympia, die ihr jetzt, nach der Beichte, aberkannt werden könnte.

Erst Anschuldigung, dann Entschuldigung

Das Polizeiprotokoll vom Verhör der Olympia-Dritten 2012 Rattikan Gulnoi aus Thailand.

Das Polizeiprotokoll vom Verhör der Olympia-Dritten 2012 Rattikan Gulnoi aus Thailand.

Die Athletin behauptete nach dem ARD-Film der thailändischen Polizei gegenüber – das Protokoll liegt der Dopingredaktion vor -, sie habe niemals verbotene Substanzen genommen. Vielleicht glaubt die lange erfolgreiche Sportlerin, dass der ARD kein Audio-Mitschnitt ihrer Aussagen vorliegt. Da läge sie allerdings falsch.

Rattikan Gulnoi hielt es gegenüber der Polizei offenbar auch für richtig, sich beim Gewichtheberboss Tamás Aján zu entschuldigen. Damit kann dieser ab sofort auf eine frühere Heberin verweisen, die erst glaubwürdig Doping gesteht und dann, aus welchen Gründen auch immer, zurückrudert.

Ansonsten hat Aján sich beklagt, bitterlich. "Mein Leben, 50 Jahre Arbeit, wurden von dieser Dokumentation zerstört", sagte der Präsident, legte ansonsten aber öffentlich nichts vor, was die berichteten Sachverhalte widerlegen könnte.

Stand: 19.01.2020, 11:55

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