Korruptionsverdacht: Gewichtheber-Präsident Aján droht Strafverfolgung

Gewichtheber-Präsident Támas Aján aus Ungarn droht Strafverfolgung

"Geheimsache Doping - Der Herr der Heber"

Korruptionsverdacht: Gewichtheber-Präsident Aján droht Strafverfolgung

Von Nick Butler, Grit Hartmann, Hajo Seppelt und Sebastian Münster

Schwarze Kassen, Ablasshandel für ganze Länder, eine "Kultur der Korruption" und Doping ohne Ende: Der Ungar Tamas Ajan, Präsident des Weltverbandes IWF, hat die traditionsreiche Sportart Gewichtheben an den Rand des Abgrunds geführt. Recherchen der ARD-Dopingredaktion werfen die Frage auf: Wie konnte es so weit kommen?

Tamás Aján, soviel lässt sich sagen, kennt sich aus in der wundersamen Welt olympischer Sportfunktionäre. Der 80 Jahre alte Ungar war zehn Jahre lang stimmberechtigtes Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees IOC, gehörte fast zwei Jahrzehnte dem Gründungsrat der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA an. Seit 1970 bekleidet er Führungspositionen im Gewichtheber-Weltverband IWF, wurde zunächst Vizepräsident, dann Generalsekretär (ab 1976) und schließlich Präsident (seit 2000). Bis heute verfügt Aján im Weltsport über ein äußerst leistungsfähiges Netzwerk. An der Spitze der traditionsreichen Sportart, die seit 1896 olympisch ist, hat er zahllose Scharmützel und Affären unbeschadet überstanden.

Doch nun setzen Recherchen der ARD-Dopingredaktion Aján mehr denn je unter Druck. Er muss nach undurchsichtigen Finanzgeschäften strafrechtliche Konsequenzen fürchten, während die Lage für seine IWF im Kampf gegen den drohenden Absturz in die Bedeutungslosigkeit immer prekärer wird.

Geheimsache Doping - der Herr der Heber Sportschau 18.04.2020 45:00 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 Das Erste

Die ARD dokumentiert die im olympischen Sport beispiellosen Affären und Verfehlungen:

Die fehlenden Millionen

Wie jeder andere olympische Weltverband erhält auch die IWF vom Internationalen Olympischen Komitee IOC üppige Zuwendungen aus den gewaltigen olympischen Vermarktungsgewinnen. Über einen Zeitraum von 17 Jahren seit 1992 flossen mehr als 23 Millionen Dollar auf zwei Schweizer IWF-Bankkonten, die allerdings in den Verbandsbilanzen nicht aufgeführt waren. Für diese Konten war, als sie im Jahr 2009 entdeckt wurden, allein Tamás Aján zeichnungsberechtigt. Nach ARD-Recherchen ist der Verbleib von mindestens 5,5 Millionen Dollar ungeklärt, inklusive Zinsen dürfte die tatsächliche Summe noch wesentlich höher liegen.

Verschwundene Millionen Sportschau 04.01.2020 01:32 Min. Verfügbar bis 04.01.2021 Das Erste

Die ARD-Dopingredaktion ließ alle vorliegenden Dokumente zu diesem Fall von Mark Pieth überprüfen, einem Professor für Strafrecht an der Universität Basel. Bei Aján und der IWF, die ihren Geschäftssitz in Lausanne hat und demnach Schweizer Recht unterliegt, sieht er in seinem Gutachten den Anfangsverdacht für drei Straftaten als gegeben an: Falsch-Beurkundung, ungetreue Geschäftsbesorgung und Veruntreuung. Bei allen dreien handelt es sich dem Kurzgutachten zufolge um Tatbestände, die Freiheitsstrafe nach sich ziehen können. Keines der möglicherweise vorliegenden Delikte sei verjährt. Zudem handelt es sich laut Pieth um Offizialdelikte. Das heißt, sie müssen von der Staatsanwaltschaft auch ohne Anzeige verfolgt werden.

Pieth hat Erfahrung mit den Big Playern im Weltsport, war Chef der Reformkommission des Fußball-Weltverbandes FIFA, dem er Korruption und Intransparenz attestierte. Zum IWF-Fall sagt er: "Das, was ich hier gesehen habe, erscheint mir doch sehr, sehr dreist. Dreister als das, was ich bei der FIFA gesehen habe.“ 

Aján ließ ARD-Fragen zu fehlenden Geldern unbeantwortet. Ein Sprecher des IOC gab an, dass man nach den damaligen Regeln nicht befugt war, in "interne" Angelegenheit eines Weltverbandes einzugreifen. Warum die Strafverfolgungsbehörden nicht über den Fall informiert worden sind, ließ das IOC offen. 2012 hatte auch der in der Schweiz ansässige Internationale Sportgerichtshof CAS die Auffassung vertreten, dass Ermittlungen zum Verbleib der Millionen nicht in seiner Zuständigkeit lägen - obwohl das Geld aus der Kasse des IOC stammte.

Stand: 05.01.2020, 10:00

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