Annet Negesa: Furcht vor Rückkehr nach Uganda

Die ehemalige Topläuferin Annet Negesa lebt heute in Berlin

Kastration von Spitzenläuferinnen

Annet Negesa: Furcht vor Rückkehr nach Uganda

Von Jörg Winterfeldt, Shea Westhoff, Wigbert Löer und Hajo Seppelt

Im September hat die ARD den tragischen Fall der früheren Mittelstrecklerin Annet Negesa öffentlich gemacht. Wie geht es der Whistleblowerin inzwischen? Und wie reagieren der Leichtathletik-Weltverband und sein Chefmediziner auf die Vorwürfe?

Sie lebt jetzt in Berlin, wo genau soll niemand erfahren. Annet Negesa hat sich getraut, hat ihr Schicksal erzählt, vor zwei Monaten in der ARD-Dokumentation „Kampf ums Geschlecht“. Sie kam mit hyperandrogener Veranlagung auf die Welt, ihr Körper produzierte überdurchschnittlich viele männliche Sexualhormone.

Die Frau aus Uganda lief Mittelstrecke, 800 Meter, und wurde Afrikanische Meisterin. 2012 sollte sie zu den Olympischen Spielen nach London fahren. Doch dann bekam sie Startverbot. Ihr Körper produziere zu viel Testosteron, sie solle sich, hätten ihr die Ärzte gesagt, operieren lassen. Annet Negesa ließ sich operieren. Sie vertraute den Ärzten, bekam innenliegende Hoden entfernt, ohne dass ihr das klar war, wie sie sagt. Der chirurgische Eingriff, eine Kastration, sollte ihr die Fortsetzung einer hoffnungsvollen Karriere ermöglichen. Tatsächlich bedeutete er deren Ende.

Im Weltleichtathletikverband, der IAAF, die sich inzwischen „World Athletics“ nennt, ist man sich weiterhin keiner Verantwortung bewusst. Doch im Sport und nicht nur dort werden Stimmen laut, die Aufklärung fordern. Sie wollen wissen, welche Rolle der Weltverband gespielt hat.

War Negesa ein Versuchskaninchen?

Nach Negesas Darstellung lud sie der französische Arzt Stephane Bermon 2012 zu Voruntersuchungen nach Nizza ein. Bermon war damals Mitglied der Medizinischen Kommission der IAAF, heute amtiert er als ihr Medizinischer Direktor. „Sie brachten mich in einen Raum, und dort steckten sie mich für ein paar Minuten in eine Maschine“, erinnert sich Negesa der ARD gegenüber an den Besuch in Südfrankreich. „Danach kam ich in einen anderen Raum für weitere Untersuchungen, sie vermaßen meine Brust.“

Der IAAF-Arzt Bermon ist Mitautor einer Studie über Hyperandrogenismus, die im Jahr drauf veröffentlicht wurde. Darin geht es um vier Sportlerinnen, die sich der gleichen Operation wie Negesa unterzogen haben. Die Namen der vier Frauen sind in der Studie nicht genannt. Waren die Athletinnen Versuchskaninchen? Und war Annet Negesa eines von ihnen?

Negesa weiß nicht, ob sie Teil dieser Studie war. Sie erreichte nach ihrer Operation nicht im Ansatz ihre früheren Zeiten und hat bis heute mit körperlichen und psychischen Problemen zu kämpfen.

Ein Arzt, der erstmal nichts von seiner eigenen Studie wissen will

Die Gynäkologin Greta Dreyer von der Universität Pretoria betreute vor einigen Jahren die bekannteste hyperandrogene Läuferin, die Südafrikanerin Caster Semenya. Dreyer schilderte in einer Verhandlung vor dem Sportgerichtshof Cas, dass die IAAF „klar gemacht hat, dass ihre bevorzugte Behandlungsweise für eine Leistungssportlerin mit Belegen für Hyperandrogenismus Gonadektomie oder Kastration ist“.

Stephane Bermon und die IAAF, sie könnten sicher einiges aufklären. Vor wenigen Tagen trat der der Chefmediziner des Verbandes in Düsseldorf bei einem Ärztekongress auf. Fragen der ARD waren bis dahin von ihm unbeantwortet geblieben. Nach Ausstrahlung der Dokumentation hatte die IAAF in einer Pressemitteilung erklärt, dass Bermon Negesa nie getroffen und dass weder der Arzt noch der Verband Negesa oder anderen Athletinnen Operationen empfohlen oder sie dazu gezwungen hätten.

In Düsseldorf wollten wir wissen, wie Bermon und die weiteren Autoren der Studie gesunden Athletinnen eine Kastration vorschlagen konnten. Seine Antwort überraschte. Bermon sagte: „Ich habe keine Studie durchgeführt.“

Erst Abwiegeln, dann Anwalt

Wir zeigten dem IAAF-Mediziner einen Ausdruck der Studie, auf der sein Name steht. Daraufhin mühte sich Bermon, seinen Beitrag kleinzureden: Er sei nur Co-Autor des wissenschaftlichen Werkes gewesen.

Sportlerinnen zeigen sich solidarisch

Geht es nach einer Gruppe französischer Spitzensportler, so würde man Verhalten und Motive von Ärzten wie Bermon genauer unter die Lupe nehmen. Die Athleten haben nach Ausstrahlung der ARD-Dokumentation, die in mehreren Ländern, so auch in Frankreich, Verbreitung fand, einen offenen Brief an Sportverbände und Politiker verfasst. Die Freestyle-Skifahrerin Marie Martinod, die bei Olympischen Spielen zweimal Silber gewann, sagt, sie habe „den Eindruck einer übergeordneten Instanz“ gehabt, „die es sich erlaubte, Menschenversuche zu machen“. Das habe sie „schockiert“. Benjamin Lang, Vizeweltmeister im Rudern, nennt Kastrationen wie jene, die bei Annet Negesa durchgeführt wurde, einen „Angriff“. So etwas sei, sagt er, „reine Gewalt“.

In dem offenen Brief fordern die Sportler, den Vorwürfen nachzugehen und Athleten zu schützen. Sie gehen dabei auch auf die mitunter harten Folgen von Kastrationen ein. „Neben dem Verlust ihres Rechts, ihre Leidenschaft auszuüben haben diese Athleten ihr Recht auf Arbeit verloren. Sie verlieren nicht nur ihre Identität, sondern ertragen auch täglich einen verstümmelten Körper“, schreiben die Sportlerinnen und Sportler. Sie sprechen die Gesundheits- und die Sportministerin der französischen Regierung direkt an. „Wir verlangen von Ihnen, (…) eine Untersuchung einzuleiten, um zu ermitteln, ob (…) französische Mediziner (…) an wissenschaftlichen Experimenten ohne postoperative Nachsorge an hyperandrogenen Athleten beteiligt waren.“

Ministerinnen reagieren

Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu reagierte auf die Bitte öffentlich im sozialen Netzwerk Twitter. „Ich teile die Emotionen und das Unverständnis der Athleten über die Enthüllungen über die angeblichen Behandlungen hyperandrogener Athleten“, schrieb sie. Sie selbst wolle ebenso wie die Gesundheitsministerin Erklärungen. „Deshalb werden wir eine gemeinsame Untersuchung einleiten, um Licht in das Dunkel dieser Affäre zu bringen.“

Skandalberichterstattung in Uganda: So werden Homosexuelle diskriminiert.

Skandalberichterstattung in Uganda: So offen werden Homosexuelle in dem Land diskriminiert.

Auf erneute Anfrage verwies die IAAF auf eine angeblich fehlerhafte Darstellung. Ein lange angekündigtes Video-Statement für die Sportschau hat der Weltverband am Freitag kurzfristig abgesagt. Bis Redaktionsschluss erfolgte keine Stellungnahme.

Angst, in ihre Heimat zurückzukehren

Zur „Affäre“, von der die französische Sportministerin spricht, zählen auch Einschätzungen wie die des US-amerikanischen Wissenschaftlers Roger Pielke jun., Direktor des Sports Governance Centers an der Universität Colorado. Pielke äußert ethische Bedenken an der Studie vom IAAF-Arzt Bermon und Kollegen. Zudem hegt er den Verdacht, Bermon und Co. hätten nicht den wahren Zweck ihrer Studie genannt, um rechtliche Hürden zu umgehen. Der Amerikaner Pielke wandte sich deshalb an den französischen Ethikrat.

Jetzt ist schon sicher, dass die Kastrationen den betroffenen Läuferinnen geschadet haben, umso mehr, wenn ausreichende Nachsorge ausblieb. Annet Negesa zahlt außerdem einen hohen Preis dafür, dass sie ihre Geschichte erzählt und dem Thema so zu weltweiter Wahrnehmung verholfen hat: Die frühere Spitzenläuferin aus Uganda kann, so sagt sie, nicht mehr in ihre Heimat zurück.

Antrag auf Asyl in Deutschland

Sie wäre nicht sicher in Uganda, nachdem sie sich entschieden hatte, ihre Geschichte über die ARD weltweit öffentlich zu machen. Annet hatte in der Heimat Beziehungen zu Frauen. Mitte Oktober wurde in Uganda ein Gesetzesvorhaben angekündigt, dass Homosexualität wieder unter Todesstrafe stellen soll. Eine Regelung mit ähnlichem Inhalt war vor einigen Jahren aus formalen Gründen für ungültig erklärt worden. Schon als eine Zeitung des Landes im Oktober 2010 eine Liste mit den „100 führenden Homosexuellen“ des Landes veröffentlicht hatte, wurde anschließend der bekannteste Mann auf der Liste ermordet.

Annet Negesa vermisst ihre Familie, die Eltern, die Geschwister, für die sie einst finanziell sorgte, damals, als sie noch eine erfolgreiche Läuferin war. Aber sie hat trotzdem Asyl in Deutschland beantragt. Ablehnung, wie sie Homosexuellen in Uganda entgegenschlägt, hat sie auch selbst schon erfahren, vor einigen Jahren. Annet Negesa hat eine Bekannte in Uganda, die ebenso Frauen liebt. Diese sei gezwungen worden, mit ihrem Bruder zu schlafen. Anschließend habe man sie vergewaltigt.

Stand: 24.11.2019, 17:52

Darstellung: