Biathlon-Skandal - nur Fourcade bläst zur Jagd

Zuverlässigster Kritiker der gedopten Skijäger: Frankreichs Martin Fourcade

Kaum Druck auf Funktionäre

Biathlon-Skandal - nur Fourcade bläst zur Jagd

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Angesichts des Doping-und Korruptionsskandals im Biathlon-Weltverband IBU wäre entschiedener Protest der Athleten zu erwarten gewesen. Doch gefangen zwischen Vorsicht und Karriere-Ambitionen fallen die Skijäger kaum dadurch auf, ihren Funktionären Druck zu machen.

Es ist ein anstrengendes Wochenende gewesen für die Bosse des Biathlon-Weltverbandes IBU. Wieder einmal. In Hochfilzen erlebt die Saison gerade einmal ihren zweiten Weltcup, und doch wirken die Skijäger schon so früh in einem Winter wieder schwer mitgenommen. In Österreich galt es, wieder einmal, zu diskutieren, ob Russen zu bestrafen sind, nachdem vorige Woche nationale Strafermittler die Delegation in ihrem Hotel aufgesucht hatte, um zehn Athleten und Betreuern offiziell mitzuteilen, dass gegen sie Ermittlungsverfahren laufen.

Für die Verbandsspitze war das unangenehm: Ohne weitere Detailkenntnis, mussten die Funktionäre eingestehen, können sie gegen niemanden vorgehen. Ein wenig hilflos treibt der durch die Vorwürfe von Korruption und Dopingvertuschung schwer angeschlagene Verband derzeit durch den Winter. Auch die eingesetzte externe Kommission zur Untersuchung aller internen Sünden vermochte dem Vorstand in Hochfilzen kaum vielmehr zu berichten, als dass in den vergangenen knapp sechs Wochen seit ihrer Einsetzung zumindest ein erstes Treffen in München stattgefunden hat.

Zu ihrer Vollständigkeit musste Kommissionschef Jonathan Taylor, ein britischer Jurist mitteilen, fehle den Aufklärern, noch immer ein Gesandter der Athleten, ein früherer Biathlet, der „entscheidend ist für die Transparenz und Glaubwürdigkeit“, schrieb Taylor dem Vorstand. Zuständig dafür ist das Athletenkomitee. Im März wählten die Skijäger ein vierköpfiges Quartett: den französischen Weltklassemann Martin Fourcade, den Deutschen Erik Lesser, die Schweizerin Aita Gasparin sowie zur Vorsitzenden mit den meisten Stimmen die Amerikanerin Clare Egan. Die sind mit mehreren potentiellen Vertretern für den Sitz in der Taylors Ermittlungskommission in Gesprächen, mussten zuletzt allerdings noch Details klären.

Das dreckigste Blutprofil

In der schweren Krise geben die Athleten ein widersprüchliches Bild ab. Nicht nur, weil sie am längsten brauchen, endlich einen Repräsentanten für die Aufarbeitung zu bestimmen. Von Gasparin, jüngste von drei Biathlon-Schwestern, ist öffentlich kaum ein Kommentar zu finden. Die Amerikanerin Egan weiß genau, dass sie nicht wegen ihrer sportlichen Leistung, sondern wegen ihrer ethischen Haltung in der Vertretung gelandet ist, agiert aber so extrem vorsichtig, als wolle sie sich nicht eine spätere Funktionärskarriere frühzeitig versauen. Der Deutsche Lesser predigt einen entschiedenen Anti-Doping-Kampf, achtet aber sorgfältig darauf, ja nicht übereilt vorzuverurteilen.

Entschiedener Kritiker einer Skilangläuferin: Erik Lesser

Entschiedener Kritiker einer Skilangläuferin: Erik Lesser

Und der Franzose Fourcade zeigt sich als entschiedenster und offensivster Kritiker aus dem Quartett. Er musste schließlich in Vancouver Olympia-Gold jenem Russen, Jewegeni Ustjugow überlassen, über den der Whistleblower Grigori Rodtschenkow berichtete, er habe das dreckigste Blutprofil von allen gehabt und gegen den IBU nun, vier Jahre nach Karriereende aufgrund der russischen Labordaten Anklage erhoben hat. „Ich weiß, ich werde das Gold nie bekommen“, sagt Fourcade, „aber ich habe mich immer als der wahre Olympiasieger gefühlt.“

Als die IBU erst vor einigen Wochen gegen jene Kasachen vorging, bei denen die Polizei fast zwei Jahre zuvor eine Razzia gemacht hatte, schimpfte Fourcade: „Wenn ich sehe, dass neun Leute aus Kasachstan suspendiert werden, und das kasachische Team in Pokljuka am Start stand, fühle ich mich natürlich betrogen“, sagte Fourcade, „klar gibt es die Regeln, aber es gibt auch noch etwas darüber hinaus, wenn man Doping bekämpfen will.“

Stundenweise per Video

Die Athleten haben einen langen Weg hinter sich zu Mitspracherechten im Verband. Erst nach den Skandalen bestimmte die IBU per Verfassungsänderung, dass die Vorsitzende der Kommission, Egan, mit Sitz und Stimme in den Vorstand einrücken kann. Doch auch da scheitert eine wirkliche Teilhabe zuweilen einfach an der Logistik: Dass eine Amerikanerin in dem europäisch dominierten Verband mitwirken will, erwies sich als handfester Nachteil, den die Athleten bei ihrer Wahl wohl kaum berücksichtigt haben dürften.

Als der Vorstand Anfang November zu seiner ersten wichtigen Sitzung zusammenkam, musste Egan nämlich gleich passen: Weil sie sich daheim erst für das US-Team qualifizieren musste, hörte sie nur stundenweise per Videokonferenz zu. „Ich habe gebeten, die für mich wichtigen Punkte, so am Nachmittag anzusetzen, dass ich wegen der Zeitverschiebung teilnehmen kann.“

Angriff auf Therese Johaug

Und als es vor Saisonbeginn um den Hinweis aus einem vertraulichen WADA-Dossier ging, noch vor einem Jahr seien von den insgesamt 406 elf als atypische Blutpässe bei der IBU registriert, von denen nur der Russe Ustjugow vor Sanktionen stand, mahnte vor allem Lesser zur Vorsicht. Er verwies auf den Fall der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, obwohl das Regelwerk anschließend entscheidend geändert wurde. „Nur weil jemand auffällige Blutwerte hat, den dann gleich an den Pranger zu stellen, ist natürlich gefährlich. Ich meine Claudia Pechstein hat das ja ganz gut bewiesen, dass man mit einer Anomalie NADA-/WADA-konform unterwegs sein kann und das fair zugeht. Uns sonst muss man da einfach drauf hoffen, dass das medizinische Komitee seine Arbeit macht, den Blutpässen nachgeht“, sagte Lesser vor dem Saisonstart und verwies auf den Fall einer norwegischen Langläuferin, die nach einer anderthalb Jahre währenden Dopingsperre wieder startet, „viel schlimmer finde ich grade, dass Therese Johaug wieder am Start ist und gefeiert wird und sich feiern lässt. Das haben wir zum Glück bei uns im Umfeld nicht, wenn ich da jetzt richtig informiert bin.“

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Nur eine Woche später dann informierten die Österreicher unter anderen die Russen Irina Starykh, 31, und Alexander Loginow, 26, Beschuldigte in einem Ermittlungsverfahren zu sein. Beide waren schon jeweils zwei Jahre gesperrt, weil ihnen vor Olympia in Sotschi Doping nachgewiesen worden war. „Ich wollte es schon gestern rausbringen, aber aus irgendeinem Grund baten mich die Staatsanwälte sehr, es nicht in den Medien zu veröffentlichen. Offenbar reicht es für einen modernen russischen Sportler nicht mehr aus, die Dopingtests zu bestehen“, gab sich Loginow auf Instagram als großes Opfer, „ich war ohnehin in einer schlechten Situation für das, was ich nicht getan hatte, Und gestern beschuldigt man mich und nicht nur mich wegen irgendwelcher Bluttransfusionen (Genaueres wurde uns nichts gesagt). Und das alles im Februar 2017, als ich insgesamt nur zwei Monate gelaufen bin. Das Interessanteste ist, dass all dies auf rund 100 Befragten und Rodtchenkow persönlich basiert.“

Stand: 18.12.2018, 11:46

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