Nicht alle Neuerungen der Handball-EM überzeugen

Philipp Weber wirft aus Tor

Handball-EM, Hauptrunde

Nicht alle Neuerungen der Handball-EM überzeugen

Von Robin Tillenburg (Wien)

Modus, Ausrichter, Größe - die Handball-EM 2020 hatte einige Neuerungen parat. Nach zwei Wochen Turnierverlauf kann man die Frage stellen: Was haben sie gebracht?

Es ist die erste Handball-EM mit 24 Mannschaften, es ist die erste, die in drei Ländern ausgetragen wird, und auch der Modus hat sich geändert: Nur die Plätze eins und zwei aus den Vorrundengruppen erreichen die Hauptrunde.

Große Chance für "kleine" Nationen

Thomas Schöneich ist Head of Media and Communications des Ausrichterverbandes EHF. In seinen Augen war die Aufstockung der richtige Schritt und bisher ein voller Erfolg. "Dass wir die Möglichkeit haben, hier Portugiesen, Niederländer und Schweizer in eine Europameisterschaft zu bringen - das ist ein ganz klarer Erfolg. Daneben gibt es natürlich auch harte ökonomische Faktoren, aber da müsste man die Organisatoren fragen. Für mich, ganz konkret für meinen Bereich, haben wir hier ganz klar neue Märkte. Neue Fan-Märkte. Wir haben den europäischen Handball noch europäischer gemacht."

Handball-EM - Portugal schockt Titelfavorit Frankreich Sportschau 10.01.2020 03:40 Min. Verfügbar bis 10.01.2021 Das Erste

Eine verminderte sportliche Wertigkeit sieht Schöneich nicht, das hätten die Leistungen der angesprochenen Nationen bewiesen. Diese sollen dann, so Schöneich, auch die Nationen motivieren, die die Qualifikation nicht ganz geschafft haben - "da erhoffen wir uns einen 'Triggereffekt'".

Keine sportliche Verwässerung

Tatsächlich ist keine sportliche Verwässerung des Turniers durch die Aufstockung erkennbar - im Gegenteil. Nationen wie Portugal und die Niederlande, die lange nicht mehr oder noch nie bei einer EM gespielt haben, haben sich stark verkauft und zeigten sich als Bereicherung für das Turnier. Sportlich und auch von den Rängen. Die Niederländer hatten zwar nicht viele Fans in Trondheim dabei, doch die legten sich richtig ins Zeug.

Dass dann noch Favoriten wie Frankreich und Dänemark bereits in der Vorrunde die Segel streichen mussten, spricht auch für die sportliche Wertigkeit jedes Spiels, die durch die Verschärfung der Vorrunde erhöht wurde.

Dänen kritisieren den Modus

Dänemarks Trainer Nikolaj Jacobsen sah das nach dem Ausscheiden erst einmal anders und nannte seine Mannschaft ein "Opfer des neuen EM-Modus", Sportchef Morten Stig Christensen legte nach: "Der Handball muss sich überlegen, ob es gut ist, wenn Nationen wie Frankreich und Dänemark nach der Vorrunde raus sind."

Schöneich dazu: "Dass ein Markt wie Frankreich größer ist als ein portugiesischer ist klar, da muss ich nur die Einwohnerzahl anschauen. Aber das ist Sport. Aus EHF-Sicht ist das nicht negativ, sondern spricht eben für die sportliche Qualität des europäischen Handballs."

Handball-EM - Dänemark kann sich trotz Sieg nicht freuen Sportschau 15.01.2020 02:29 Min. Verfügbar bis 15.01.2021 Das Erste

"Schade für die Fans" - und anstrengend für die Mannschaften

Deutlich härter kritisiert als Aufstockung und Vorrunde wurde die Austragung in drei verschiedenen Ländern, die auch noch sehr weit auseinander liegen. Nationalspieler Hendrik Pekeler dazu: "Ich verstehe nicht, warum Österreich jetzt mit dabei ist. Ich hätte es verstanden, wenn es Norwegen, Schweden oder meinetwegen Finnland gewesen wären."

Nils Kossmann ist als Fan eigens aus Düsseldorf nach Wien gereist, um die deutsche Mannschaft gegen Kroatien zu unterstützen. "Als Zuschauer hat man jetzt mal einen Spielort besucht, das geht natürlich gut. Aber wenn man mehrere Spiele sehen wollte, wäre das für mich und die meisten anderen Fans gar nicht machbar gewesen." Auch DHB-Kapitän Uwe Gensheimer findet es "schade für die Fans", die, um die deutsche Mannschaft das gesamte Turnier über zu begleiten, von Trondheim nach Wien und dann nach Stockholm fliegen müssten.

Das EM-Hopping der deutschen Handballer

Sportschau 08.01.2020 01:37 Min. Verfügbar bis 08.01.2021 ARD Von Désirée Krause

Wohl nicht die letzte EM mit drei Ausrichtern

Schöneich prognostiziert trotzdem weitere Turniere dieser Art: "So ein Format werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach häufiger sehen. Das war die erste EM mit drei Ausrichtern und es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die letzte mit drei Nationen sein."

Die Stimmung in der Halle in Trondheim wurde von deutschen Spielern als "Totentanz" bezeichnet. Die Atmosphäre in Wien gegen Kroatien nannte Pekeler dagegen "wie bei einem EM-Finale." Tatsächlich waren die Unterschiede eklatant.

Eventisierung der einzelnen Spieltage geglückt

Laut Schöneich ist das auch den unterschiedlichen Fankulturen geschuldet: "Manche Fans sind eher zurückhaltend, manche sind eben eher emotional. Die Erfahrungen, die wir hier gemacht haben, nehmen wir natürlich mit in zukünftige Turniere. Unser Anspruch ist, jedes Spiel zu einem richtigen Erlebnis zu machen. Natürlich ist es unser Wunsch, immer volle Hallen zu haben und alles zu tun, damit die Stimmung so gut wie möglich ist."

Tatsächlich ist der EHF gerade in Wien die Eventisierung der Spieltage geglückt. Hallensprecher, Maskottchen, Beschallung - das Rahmenprogramm war opulent. Gelangweilt ging wohl niemand nach Hause. Und selbst bei sportlich weniger attraktiven Partien sei die Atmosphäre in Wien hervorragend gewesen, meint auch Kossmann: "Das war sensationell, was da auch schon vorher und nachher in den Gängen gesungen wurde. Mit Trommeln und so weiter. Das war schon richtig geil. Das kann man nicht anders sagen."

Deutschland gegen Kroatien - die Zusammenfassung Sportschau 18.01.2020 03:11 Min. Verfügbar bis 18.01.2021 Das Erste

Wien attraktiver als Trondheim

Gerade die kroatischen und die deutschen Fans, aber auch die der österreichischen Gastgeber sorgten in der Wiener Stadthalle für eine hervorragende Atmosphäre. Allerdings sind es von der kroatischen Grenze bis nach Wien auch "nur" etwa 200 Kilometer, genau wie Wien aus deutscher Sicht entspannter zu erreichen ist als das obendrein noch teure Trondheim.

Neuhaus: Drei Gastgeber nicht förderlich für den Spirit

Ist die EM 2020 nun ein "Upgrade" im Vergleich zu den vergangenen Turnieren? Daniel Neuhaus ist sei 2013 bei Handball-Welt- und Europameisterschaften für die ARD im Einsatz und unterteilt die einzelnen Änderungen in seinem Fazit ebenfalls: "Sportlich und für die Entwicklung der im Handball noch nicht so großen Nationen ist dieses Turnier, was die Aufstockung betrifft, ein Erfolg. Wenn man allein sieht, wie sich Österreich seit der ersten Ausrichtung 2010 weiterentwickelt hat und dass dort das Spiel gegen Deutschland jetzt sogar in der Prime Time übertragen wurde, kann das nur positiv für den Handball sein.

Was unter dem Strich bleibt, ist aber, dass das Gesamtprodukt leidet. Handballturniere entfachen ihre Begeisterung ja eigentlich immer sehr lokal begrenzt. Da sind drei Gastgeber mit diesen Entfernungen für den Spirit eher nicht förderlich, auch wenn die Stimmung in den Hallen an einzelnen Tagen natürlich trotzdem auch mal richtig gut war."

Stand: 21.01.2020, 22:00

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