Anlass für Optimismus - das EM-Fazit der deutschen Handballer

Johannes Bitter, Torwart der deutschen Handballnationalmannschaft, jubelt

EM-Fazit des DHB-Teams

Anlass für Optimismus - das EM-Fazit der deutschen Handballer

Von Robin Tillenburg

Die Handball-EM ist für die deutschen Handballer vorbei. Das Team von Bundestrainer Christian Prokop wurde am Ende Fünfter. Im Rückblick auf das Turnier gibt es einige Ansätze zu Optimismus - aber eben auch Probleme.

Zunächst einmal die chronologische Zusammenfassung: Die Deutschen starteten mit einer ordentlichen Leistung und einem klaren und standesgemäßen Auftaktsieg gegen die Niederlande. Dann folgten die beiden schwächsten Spiele: Gegen Finalist Spanien zeigte die DHB-Auswahl über weite Strecken keine gute Partie und war am Ende mit der Sieben-Tore-Niederlage noch gut bedient. Im letzten Gruppenspiel rettete man dann nach einem unerklärlichen Einbruch so gerade noch einen Erfolg gegen sieglose Letten über die Zeit.

Im Verlauf immer besser

Die Hauptrunde in Wien ging das Team um Shootingstar Timo Kastening dann aber deutlich stärker an. Auf einen sehr klaren Erfolg über Weißrussland folgte eine hervorragende Vorstellung gegen den anderen Finalisten Kroatien, in der die deutschen Handballer über weite Strecken das stärkere Team waren, aber erneut hintenraus Probleme bekamen und mit einem Tor Abstand verloren. Die "Charaktertests" nach dem bereits feststehenden Ausscheiden bestand die Mannschaft dann durch einen klaren Sieg über Österreich, einen Arbeitserfolg über Tschechien und eben das erfolgreiche Spiel um Platz fünf gegen Portugal.

Negativ: Die nackten Zahlen

Das Halbfinale war das erklärte Ziel, das man beim DHB vorgegeben hatte. Das wurde nicht erreicht. Wer hohe Ziele ausgibt, muss sich daran messen lassen. Es wäre durchaus möglich gewesen, auch wegen der Ausfälle, von dieser Zielsetzung abzurücken - und man hätte sich keinen Zacken aus der Krone gebrochen. Das geschah nicht.

Positiv: Der Zusammenhalt

Die DHB-Auswahl hatte in Fabian Wiede, Steffen Weinhold, Martin Strobel, Simon Ernst und Tim Suton im Rückraum schon vor dem Turnier gerade was die "Spielmacher-Qualität" anging, schwerwiegende Ausfälle zu verkraften. Damit hatte man gerade in der Vorrunde sichtlich zu kämpfen.

Doch die Mannschaft selbst wollte diese Ausreden nie gelten lassen und schaffte es zur Hauptrunde, diese Probleme im Kollektiv größtenteils zu kaschieren. Das dürfte auch gerade nach der enormen Kritik nach der Vorrunde nicht so einfach gewesen sein. Charakterlich scheint es, wie die Akteure auch unisono betonten, innerhalb der Mannschaft absolut zu stimmen. Als der Bundestrainer zwischenzeitlich (erneut) in die öffentliche Kritik geriet, standen die Spieler geschlossen hinter ihm und taten das auch kund. Ein Zeichen, das auch Prokop sehr gerne zur Kenntnis nahm: "Wichtig ist mir, was der innere Kreis denkt. Die Mannschaft hat ein klares Statement gesetzt und das ist auch schön für den Trainer."

Handball-EM: Christian Prokop wehrt sich gegen Trainerdiskussion Sportschau 20.01.2020 10:56 Min. Verfügbar bis 20.01.2021 Das Erste

Negativ: Die Führungsfrage

Wer führt die Mannschaft auf dem Feld? Wer übernimmt, wenn es eng wird, in der Offensive die Verantwortung? Wer ist der Domagoj Duvnjak, der Sander Sagosen, der Alex Dujshebaev? Die Antwort: Aktuell gibt es einen solchen Spieler im Kader nicht. Uwe Gensheimer, Paul Drux, Kai Häfner, Julius Kühn - das waren Namen, die vor dem Turnier für die Rolle des offensive "Gamechangers" genannt wurden. Keiner von ihnen schaffte es, konstant diese Rolle auszuführen.

Positiv: Das Kollektiv

Dass der Bundestrainer viel wechselte lag auch daran, dass eben der eine große Star gerade im Rückraum nicht im Team steht. Das führte aber auch dazu, dass es schwierig war, sich auf die deutschen Angreifer einzustellen. Zehn Spieler aus dem Aufgebot kamen am Ende auf eine zweistellige Anzahl an Toren. Dazu arbeitete auch die Defensive, trotz Startschwierigkeiten in der Vorrunde, auch in ungewohnten Konstellationen größtenteils gut zusammen.

Positiv: Die vermeintliche "zweite Reihe"

Timo Kastening, Philipp Weber, Johannes Bitter, Johannes Golla - vier Namen, die allesamt auf ihren Positionen nicht als Nummer eins gehandelt wurden. Sie alle aber spielten ein starkes Turnier! Kastening war die Entdeckung überhaupt auf der Rechtsaußenposition und bekam vom Bundestrainer immer mehr Vertrauen geschenkt. Weber war mit seiner Dynamik im Rückraum das Element, mit dem die gegnerischen Mannschaften kollektiv Schwierigkeiten hatten.

Spieler des Spiels - Timo Kastenings Gala gegen Weißrussland Sportschau 16.01.2020 02:54 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 Das Erste

Bitter brachte nicht nur seine emotionalen Führungsqualitäten ein, sondern wurde gleich zweimal "Man of the Match" - zu Recht. Golla stand lange nicht im 16er Kader, doch in seinen Einsätzen nach seiner Nachominierung deutete er seine Defensiv- und Offensivqualitäten mehrfach an. Marian Michalczik zeigte im Turnier eine klare Lernkurve nach oben, Patrick Zieker erwies sich als verlässlicher Mann, der auch in der Deckung Alternativen bietet.

Top 5: Johannes Bitters Paraden gegen Tschechien Sportschau 22.01.2020 01:47 Min. Verfügbar bis 22.01.2021 Das Erste

Fazit: Dann doch ein ordentliches Turnier

Das Turnier zeigte, dass die Mannschaft sich in dieser Konstellation noch in vielen Bereichen weiterentwickeln muss. Aber es zeigte auch, dass die benötigte Entwicklung absolut möglich ist. Auch kurzfristig, nämlich bis zum Olympia-Qualifikationsturnier im April.

Dass man am Ende Fünfter wurde, entspricht wahrscheinlich der tatsächlichen Leistungsfähigkeit der Mannschaft bei diesem Turnier. Mehr war nicht drin. Und wenn man sich schließlich anschaut, wer das Finale erreichte und wer schon in der Vorrunde ausschied (Frankreich, Dänemark), muss man feststellen, dass die lachenden Gesichter nach dem Spiel um Platz fünf gerechtfertigt waren.

Stand: 25.01.2020, 17:41

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