Die aufgestockte Handball-EM: Von allem mehr

Hendrik Pekeler (Deutschland) beim EM Qualifikationsspiel Deutschland gegen Polen der Männer

Mehr Sport, mehr Fans, mehr Belastung, mehr Aufwand

Die aufgestockte Handball-EM: Von allem mehr

Von Robin Tillenburg

Bei der Handball-EM 2020 gibt es erstmals 24 Teilnehmer und erstmals wird ein EM-Turnier in drei Ländern ausgetragen. Das bringt Vor- und einige Nachteile.

Ursprünglich war es erst für 2022 geplant, die EM von 16 auf 24 Teilnehmerländer aufzustocken. Weil aber schon für dieses Turnier drei Ausrichter - Schweden, Norwegen und Österreich - ausgewählt wurden, konnte die European Handball Federation (EHF) das Vorhaben schon jetzt umsetzen.

Die Aufstockung ergibt Sinn, weil die EM in den vergangenen Jahren nur einem sehr erlesenen Kreis zugänglich war. Seit Österreich im Jahr 2010 erstmals bei einer Euro spielte, gab es bei den Männerturnieren keinen einzigen Debütanten mehr. Diesmal sind es gleich drei: Bosnien-Herzegowina und die beiden deutschen Vorrundengegner Lettland und Niederlande. Das ist gut für die EHF, die ihren Markt vergrößert - und natürlich für die drei Länder selbst.

Neulinge mehr als Kanonenfutter

Dass die drei Neulinge Kanonenfutter sein werden, wie es der ein oder andere "Exot" bei WM-Turnieren ist, ist nicht zu erwarten. Dass sie in die Hauptrunde kommen, bei allem Respekt, allerdings eher auch nicht. Denn hier ist die Hürde nun höher. Der sportliche Wettbewerb wird durch die Aufstockung noch deutlich härter und zugespitzter, als er bei Europameisterschaften aufgrund der hohen Leistungsdichte vorher schon war.

Handball-EM - Neun Spiele in achtzehn Tagen und drei Ländern Sportschau 30.12.2019 02:26 Min. Verfügbar bis 30.12.2020 Das Erste

Mehr Spiele - trotzdem dichterer Wettkampf

Durch die Aufstockung kommen nur die ersten beiden Teams aus den sechs Vierer-Gruppen weiter. Dementsprechend hart dürfte es bereits in der Vorrunde zugehen. Nur die Punkte aus der Partie gegen den einen Vorrundengegner, der ebenfalls weiterkommt, werden mit in die Hauptrunde genommen. Weil dieser Gegner aber möglicherweise erst ganz am Ende der Gruppenphase feststeht, haben alle Spiele irgendwie K.o.-Charakter.

In der Hauptrunde wird es dann richtig intensiv: Statt bisher drei muss jede Mannschaft nun vier Spiele bestreiten. Da dort nur die absoluten Topteams aus der Vorrunde am Start sein werden, ist das Feld richtig dicht gestaffelt. Die Mannschaften haben zum Start maximal zwei Zähler Vorsprung aufeinander, vorher konnten es durchaus auch vier sein.

Die EHF hat es geschafft, das Turnier so umzubauen, dass die einzelne Partie wichtiger, beziehungsweise folgenreicher wird, obwohl es mehr Spiele gibt. Das ist eine Leistung, die aus Marketing-, aber auch aus Fan-Sicht schön ist.

Hohe Belastung für Teams und Spieler

Die Vergrößerung bedeutet aber auch eine gesteigerte Belastung für die Teams, das Turnier ist wegen des zusätzlichen Hauptrundenspiels um einen Tag verlängert worden. Die meisten Spieler befinden sich, wie gewohnt, mitten in ihrer Vereinssaison und müssen dann im "schlimmsten" oder eben besten Fall in 16 Tagen neun Spiele bestreiten, denn Gruppe E startet erst am 11. Januar ins Turnier. 2018 hatte Titelträger Spanien acht Spiele im gleichen Zeitraum. Das klingt wie eine marginale Änderung, doch das täuscht. Denn zwischen Vorrundenspielort Varazdin, wo die Spanier 2018 aktiv waren, und ihrem Hauptrundenspielort Zagreb, wo später auch Halbfinale und Finale stattfanden, liegen etwa 90 Kilometer.

DHB - Meinungen zum Reisestress gehen auseinander Sportschau 03.01.2020 01:04 Min. Verfügbar bis 03.01.2021 Das Erste

Diesmal treten, um beim Beispiel zu bleiben, die Spanier in der Vorrunde unter anderem gegen Deutschland im norwegischen Trondheim an. Danach geht es, den Einzug in die Hauptrunde vorausgesetzt, nach Wien - etwa 2.200 Kilometer entfernt. Sollte es dann ins Halbfinale gehen, müssten die Spanier noch einmal nach Norden reisen. Bis nach Stockholm sind es etwa 1.800 Kilometer. Das bedeutet viel Reisestress - für die Teams und die Fans.

Stimmung wahrscheinlich trotzdem hervorragend

Zwar hat die EHF es geschafft, Spiele im selben Ausrichterland nicht mehr parallel zueinander laufen zu lassen, sodass die dortigen Fans wenigstens in der Theorie das volle Programm verfolgen könnten. Doch zwischen den Vorrundenspielorten Göteborg und Malmö liegen knapp 300, zwischen Wien und Graz knapp 200 Kilometer. Das ist also für die Handballfans nur ein schwacher Trost.

Schweden und Norwegen, aber auch Österreich inzwischen, sind handballbegeisterte Nationen. Dass keine echte Stimmung in den Hallen aufkommen wird, ist daher eher nicht zu befürchten. In ihren Vorrundengruppen haben alle drei Gastgeber auch realistische Chancen, die Hauptrunde zu erreichen. Die Fans aber, die ihr Team über das gesamte Turnier begleiten wollen, haben einiges an Aufwand zu betreiben. Mit dem "traditionellen" Verständnis einer EM ist dieser Gedanke nur schwer zu vereinbaren.

Sportlich hochklassig - und richtig hart

Zusammenfassend: Sportlich wird die EM 2020 womöglich noch interessanter als ihre Vorgängerturniere, für die EHF und ihre Vermarktung dürfte sie ein Volltreffer sein. Für die "Hardcore-Fans" wird es hingegen eher unbequemer. Und für die Trainerteams werden Kräftemanagement und Regeneration noch wichtiger als ohnehin schon. Das Verletzungsrisiko steigt, einige Vereine werden wohl nach dem Turnier über die Aufstockung unglücklich sein. Das ist in Zeiten, in denen die Handballer gerade in Deutschland schon am Limit der Belastung sind, ein Schritt in die falsche Richtung.

Tortur Handball: Überbelastung bis zum bitteren Ende sport inside 11.09.2019 10:03 Min. Verfügbar bis 11.09.2020 WDR Von Matthias Wolf

Stand: 01.01.2020, 08:30

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