Deutsche Handballer dürfen gegen Lettland nichts anbrennen lassen

Handball-Bundestrainer Christian Prokop

Handball-EM, Vorrunde

Deutsche Handballer dürfen gegen Lettland nichts anbrennen lassen

Von Robin Tillenburg (Trondheim)

Der letzte Vorrundengegner für die deutschen Handballer bei der Europameisterschaft ist am Montag (13.01.2020) Lettland. Normalerweise sollte das kein Problem sein. Was aber, wenn doch?

Für das lettische Team ist es die erste EM überhaupt, in den ersten beiden Partien gegen die Spanier (22:33) und gegen die Niederlande (24:32) gab es klare Niederlagen.

Alle im Team brauchen dringend einen klaren Sieg

Eigentlich sollte die deutsche Mannschaft sich in dieser letzten Vorrundenpartie nach der schmerzhaften Pleite gegen Spanien die nötigen Erfolgserlebnisse holen können, um mit Schwung in die Hauptrunde zu gehen. Die wäre bei einem Sieg quasi sicher, denn die Niederlande müssten danach ihr Spiel gegen Spanien dann schon überdeutlich gewinnen.

Handball-EM: DHB-Team zum Siegen verdammt

Sportschau 12.01.2020 01:46 Min. Verfügbar bis 12.01.2021 ARD Von Desiree Krause

Ein auch spielerisch überzeugender Erfolg der Deutschen wäre extrem wichtig, denn dass das Selbstvertrauen bei vielen Spielern angeknackst ist, war an der Körpersprache in der Partie gegen die Iberer klar zu sehen. Nicht nur bei den unerfahrenen Akteuren, sondern auch bei routinierteren Spielern wie beispielsweise Uwe Gensheimer.

Klein: "Jetzt musst du was zeigen."

Dass auch der Bundestrainer Christian Prokop zwischenzeitlich nicht mehr so richtig wusste, wie er die Mannschaft noch erfolgreich in die Spur bringen soll, war in den Auszeiten teilweise durchaus erkennbar. Es war aber eben auch ein kollektiv gebrauchter Tag, die Spieler betonten nachher, dass Prokop sie eigentlich vor genau den Dingen gewarnt hatte, die dann passierten. Dennoch steht ein Trainer im Falle eines Misserfolgs eben oft stellvertretend für die Mannschaft und das Trainerteam im Kreuzfeuer. Noch hält es sich in Grenzen. Das könnte sich aber schnell ändern.

"Montag ist Lettland. Wenn da was schief geht, dann haben wir eine ganz andere Diskussion", diesem Statement von ARD-Kommentator Florian Naß schloss sich auch Moderator Alexander Bommes in der Analyse des Spanien-Debakels an. Experte Dominik Klein ergänzte: "Jetzt gibt's nichts mehr zu üben. Jetzt musst du was zeigen." "Jetzt brauchst du mal 60 Minuten, um richtig durchzulaufen", meinte Bommes.

Deutschland gegen Spanien - die Analyse des Debakels Sportschau 11.01.2020 31:02 Min. Verfügbar bis 11.01.2021 Das Erste

Kristopans als X-Faktor

Die Letten sind zwar bisher eines der schwächsten Teams in diesem Turnier, aber auch sie wollen bei ihrem EM-Debüt natürlich unbedingt noch ein Glanzlicht setzen. Gegen die Spanier sahen sie 40 Minuten lang gut aus, ehe die ihre Deckung wie auch gegen Deutschland offensiv gestalteten und danach einen Ballgewinn nach dem anderen verzeichneten. Individuell muss die deutsche Mannschaft allerdings normalerweise nur einen Mann wirklich fürchten: Dainis Kristopans.

Wenn Kristopans aus dem rechten Rückraum hochsteigt, wird es für die gegnerische Abwehr ganz schwer, seinen Wurf zu blocken. Eigentlich ist es auch schon schwer, wenn er gar nicht steigt, sondern einfach wirft. Denn Kristopans ist ganze 215 Zentimeter lang. Damit ist er nicht nur fast einen halben Meter größer als sein Teamkamerad Andis Ermanis, der mit 1,68 m der kleinste Spieler des Turniers ist, sondern auch für jede Deckung der Welt eine Herausforderung.

Die Niederlande hatten Kristopans im Griff

Obwohl Kristopans laut der offiziellen Angaben dabei auch etwa 135 Kilogramm wiegt, bewegt der 29-Jährige sich noch verhältnismäßig schnell. Kein Wunder, dass er 2019 mit seinem Klub RK Vardar die Champions League gewann und Europas Topadresse Paris Saint-Germain ihn ab dem Sommer 2020 verpflichtet hat. Neben seinen Offensivqualitäten ist er im Deckungszentrum auch durch sein Blockspiel eine nicht alltägliche Komponente, auf die man sich einstellen muss.

Lettlands Handballer Dainis Kristopans (l.) im Duell mit Luc Steins

Größenunterschied: Lettlands Handballer Dainis Kristopans (l.) im Duell mit Luc Steins

Die Niederländer machten das über weite Strecken sehr gut, spielten im eigenen Angriff mit vielen Richtungswechseln um ihn herum und hatten in ihrer Deckung oft früh einen Mann direkt auf seinen Füßen, sodass er den geraden Weg auf die Deckung nicht gehen konnte. Erst später, als Kristopans sich seinen Kreisläufer immer wieder stellte und somit die zwei Schritte Anlauf bekam, die er für seine Gewaltwürfe braucht, kam er zu Torerfolgen. Mit insgesamt 14 Treffern gehört er zu den besten Schützen des laufenden Turniers.

Es droht die Trainerdiskussion

In der lettischen Mannschaft sind sechs Spieler 33 Jahre alt oder älter, bei einem internationalen Topklub spielt außer Kristopans niemand. Der Rückraum-Linke Aivis Jurdzs, der inzwischen wieder in der Heimat sein Geld verdient, stand bis zum Sommer 2019 noch beim SC DHfK Leipzig unter Vertrag und ist in Sachen Wurfgewalt auch zu beachten. Einige Spieler sind in Deutschland unterhalb der Bundesliga aktiv, wie zum Beispiel Torwart Edgars Kuksa, der in der 3. Liga beim OHV Aurich zwischen den Pfosten steht.

Was eigentlich eine Möglichkeit werden sollte, um munter durchzuwechseln und dem ein oder anderen Spieler eine Chance, beziehungsweise auch eine Pause zu geben, wird nun von Handball-Deutschland mit Argusaugen beobachtet. Dass man die Hauptrunde sehr wahrscheinlich auch mit einer Niederlage erreicht (denn die Niederländer müssten dann schon gegen Spanien punkten, oder die deutsche Niederlage müsste haushoch ausfallen), würde in so einem Fall fast unter den Tisch fallen. Trainer und Mannschaft wären in Erklärungsnot.

Stand: 13.01.2020, 10:39

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