Norwegens Offensivorchester und sein Dirigent

Sander Sagosen

Handball-EM, Vorrunde

Norwegens Offensivorchester und sein Dirigent

Von Robin Tillenburg (Trondheim)

Mit-Gastgeber Norwegen will bei der Handball-EM den Titel holen, setzt dabei auf gnadenlose Offensivpower - und seinen Superstar Sander Sagosen.

Man versteht in der Spektrum-Arena am Freitagabend (10.01.2020) sein eigenes Wort nicht mehr, als Kreisläufer Petter Overby nach endlos erscheinenden fünf Minuten im Auftaktspiel der Norweger gegen Bosnien-Herzegowina das erste Turniertor der Gastgeber erzielt.

Noch etwas lauter wird es, als Torbjorn Bergerud kurz danach einen Wurf von Außen hält, und Magnus Rod im erweiterten Gegenstoß mit ungeheurer Wucht für das 2:2 sorgt. Mit minimaler Verzögerung ist der Angriffszug im Trondheimer Bahnhof losgerollt und an diesem Tag auch nicht mehr aufzuhalten.

Viele Top-Talente - und ein Ausnahmespieler

Die Norweger haben eine der jüngsten Mannschaften des Turniers. Die beiden ältesten Spieler sind Flensburgs Linksaußen Magnus Jondal (31) und Wetzlars Rechtsaußen Kristian Bjornsen (30). Neun Akteure sind 25 Jahre alt oder jünger.

Während unter Coach Christian Berge das Kollektiv und das Tempospiel zwar wichtige Faktoren sein sollen, sticht ein Spieler klar heraus: Spielmacher Sander Sagosen ist immer noch erst 24 Jahre alt, hat aber schon über 430 Länderspieltore auf dem Konto. Kein anderer Spieler seines Alters in diesem Turnier bringt es auf diesen Wert.

Sagosen dirigiert das Spiel - und die Halle

Dass er schon jetzt mit einer ordentlichen Portion Chuzpe ausgestattet ist, beweist sein Siebenmetertor zum 3:3. Ein Heber, ganz entspannt. Der Druck den man als Gastgeber, der zu diesem Zeitpunkt noch hinten liegt, möglicherweise verspüren könnte, erreicht ihn nicht. Sagosen diskutiert mit den Schiedsrichtern, lässt sich mit provokant ausgebreiteten Armen von den Fans feiern, trifft Bosniens Keeper Benjamin Buric beim (erfolgreichen) Tempogegenstoß mit dem Bein an der Brust. Es gibt beliebtere Spieler im Welthandball, aber nicht viele bessere.

Handball-EM - Gastgeber Norwegen schlägt Neuling Bosnien-Herzegowina Sportschau 10.01.2020 02:12 Min. Verfügbar bis 10.01.2021 Das Erste

Als er kurz vor der Halbzeit das 16:11 erzielt, ruft der Hallensprecher ihn schon mal gesondert aus, als er dann mit der Halbzeitsirene auch noch zum 17:12 trifft, und die Schiedsrichter das Tor nach Videostudium geben, reißt er die Arme hoch und das Spektrum springt geschlossen auf. Der Dirigent dieses Abends trägt die Nummer fünf, hat zu diesem Zeitpunkt schon sieben Treffer auf dem Konto - und vier Assists.

Großer Bundesliga-Einfluss

Sagosen wechselt in der nächsten Saison übrigens zum THW Kiel und folgt damit vielen seiner Landsleute in die Bundesliga. Zehn der 16 nominierten Akteure im Kader verdienen ihre Brötchen in Deutschland. Die SG Flensburg-Handewitt bildet mit Jondal, Rod, Bergerud und Goran Johannessen dabei eine der wichtigsten Achsen.

Norwegens Nationaltrainer Christian Berge

Auch Trainer Berge hat während seiner aktiven Karriere sieben Jahre in Flensburg gespielt. Die Rolle, die der 46-Jährige im Aufschwung des norwegischen Handballs spielt, kann kaum wichtig genug eingeschätzt werden. 2013 stieg er als Co-Trainer der Junioren ein, 2014 übernahm er das A-Team und führte es bei der EM 2016 ins Halbfinale, bei den Weltmeisterschaften 2017 und 2019 ins Endspiel. Nichts davon war der Männer-Nationalmannschaft zuvor gelungen.

Typische Schwächen einer jungen Mannschaft

Jetzt soll der große Wurf her - das Endspiel der WM 2019 gegen Dänemark wurde zwar deutlich verloren, doch die Dänen waren in jenem Turnier einfach übermächtig und vor allem viel erfahrener als das norwegische Team, das ja immer noch blutjung ist und teilweise auch gegen Bosnien-Herzegowina noch Anzeichen von Nervosität zeigte.

Schwächen gibt es zudem durchaus. Auf der Torhüterposition sind Bergerud und Kristian Saeveras mit 25 und 23 Jahren noch nicht immer konstant, auch wenn Saeveras nach seiner Einwechslung im Auftaktspiel sein Potenzial mehrfach andeutete. Insgesamt könnte die Defensive auch gerade auf den Halbpositionen noch etwas stabiler agieren.

Schwerer Weg - aber alles drin

Offensiv kann das Team aber mit jeder Nation mithalten: Obwohl Buric zwischenzeitlich richtig stark hielt, siegten die Norweger am Ende mit 32:26 (17:12). Das Spektrum war hochzufrieden. Die Vorrundengruppe ist mit Frankreich und Portugal als weiteren Gegnern nicht unbedingt angenehm und auch die Hauptrunde droht mit etlichen Hochkarätern knackig auszufallen. Doch es ist durchaus wahrscheinlich, dass es für die Berge-Mannschaft in diesem Jahr erneut richtig weit geht. Sagosen will schließlich endlich mal MVP (wertvollster Spieler) eines großen Turniers werden. Mit zwölf Treffern bei 14 Versuchen startet man dieses Vorhaben zumindest ganz passabel...

Stand: 11.01.2020, 06:00

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