Kastening - auf "natürlichem Wege" ins Rampenlicht

Handball-EM, Hauptrunde

Kastening - auf "natürlichem Wege" ins Rampenlicht

Von Robin Tillenburg (Wien)

Gegen Österreich stach neben Johannes Bitter aus der guten deutschen Mannschaftsleistung auch Timo Kastening heraus. Man muss fast sagen: wieder einmal.

Dass Johannes Bitter in der Wiener Stadthalle mit "Jogi"-Sprechchören gefeiert und schließlich auch zum "Man of the Match" gewählt wurde, war hochverdient. Wenn der Routinier im deutschen Tor aber nicht eine so herausragende Leistung gezeigt hätte, wäre es wohl wieder Timo Kastening geworden. Der Rechtsaußen von der TSV Hannover-Burgdorf hatte diese Auszeichnung schon gegen Weißrussland erhalten.

"Mr. Zuverlässig"

Während Bitter, Weltmeister mit der DHB-Auswahl 2007, mit seinen 37 Jahren schon so ziemlich alles im Handball erlebt hat, spielt der 24-Jährige Kastening sein erstes großes Turnier mit der Nationalmannschaft. Schaut man auf die Zahlen, die er dabei abliefert, klingt das fast absurd. Kastening gehört zu den besten Feldtorschützen der gesamten Europameisterschaft - 25 Treffer bei 29 Toren. Ein Topwert. Seine Quote von 86 Prozent wird von keinem anderen in dieser "Tor-Region" übertroffen.

Dabei ist es nicht so, dass der Rechtsaußen nur Tempogegenstöße verwertet, was die Quote etwas relativieren würde. Er trifft auch von Außen aus schwierigen Winkeln, hat vorerst Tobias Reichmann aus der Startformation verdrängt, holt sich in der Abwehr durch seine manchmal auch riskanten Manöver selbst die Bälle und hat in seinen Abschlüssen ein extrem großes Repertoire zur Verfügung, das er sich auch nicht scheut, anzuwenden. Mit solchen gelungenen Szenen puscht man natürlich auch Mitspieler und Fans.

Medienliebling

Kastening ist sportlich also ein Versprechen an die Zukunft - wer mit 24 Jahren bei seinem ersten Turnier so abliefert, hat alle Anlagen, auch künftig Topleistungen zu zeigen. Was der Mann, der in der nächsten Saison wie viele andere Nationalspieler für die MT Melsungen auflaufen (und sich auch dort mit Reichmann die Position teilen wird), aber eben auch noch in diesem Turnier zeigte, waren starke Leistungen am Mikrofon.

Bei den Medienterminen gehört Kastening zu den gefragtesten Spielern. Seine Aussagen sind authentisch, direkt und dabei trotzdem gehaltvoll. Auch im Misserfolg, wie beispielsweise gegen Kroatien. Dass er gerne und viel lächelt und eine nicht erlernbare "Kamerapräsenz" mitbringt, prädestiniert ihn für die Rolle als eines der "Gesichter" des Teams.

"Natürlich" wachsen

Das sind aktuell etablierte Akteure wie Kapitän Uwe Gensheimer und der extrovertierte Torhüter Andreas Wolff, Kastening bringt eine neue Facette in diese Riege. Der junge Mann, der in seiner Freizeit auf dem elterlichen Bauernhof mit anpackt - das kommt an. Dass Bundestrainer Christian Prokop beim EM-Auftakt in einer Auszeit kurzzeitig nicht auf Kastenings Namen kam und diesem somit direkt zu Beginn des Turniers große mediale Aufmerksamkeit verschaffte, war im Nachhinein möglicherweise ein unfreiwillig cleverer Schachzug Prokops.

Was jetzt auf keinen Fall passieren darf: Kastening sofort noch mehr Verantwortung aufzubürden. Der gebürtige Stadthagener kann genau deshalb so unbeschwert und frech agieren - auf dem Feld und vor dem Mikrofon - weil er eben ohne Druck in diese Rolle "natürlich" hineingewachsen ist. Ein echter Führungsspieler wird man in einem Mannschaftssport nicht, weil man von externen "Förderern" dazu bestimmt wird. Eine häufig vorliegende Fehleinschätzung.

Nicht zu viel Druck

Kastening, der das Amt des Kabinen-DJs bekleidet, ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung. Bisher verlief diese abseits des ganz ganz großen Rampenlichts sehr zufriedenstellend. Wenn der DHB es schafft, die Dinge nun nicht künstlich zu forcieren, indem er den Noch-Hannoveraner zu früh in eine Rolle drängt, in die der möglicherweise (noch) nicht hineinpasst, dürfte Handball-Deutschland noch viel Freude an Kastening haben.

Stand: 20.01.2020, 23:01

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