Das deutsche Team - Krone richten, weitermachen?

Die DHB-Auswahl nach dem Spiel gegen Kroatien

Handball-EM, Hauptrunde

Das deutsche Team - Krone richten, weitermachen?

Von Robin Tillenburg (Wien)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat das Halbfinale bei der EM im Prinzip verpasst und im Turnier verschiedene Gesichter gezeigt. Wie geht es nun weiter?

Die Chance auf das Halbfinale ist nur noch theoretisch. Wenn Kroatien gegen Spanien gewinnt und Weißrussland die Spanier mit sieben oder acht Toren schlägt, während die Deutschen alles gewinnen (genau wie die Weißrussen), wäre man im Dreiervergleich mit Spanien und Weißrussland vorn. Das ist natürlich - wie schon gesagt - nur Theorie.

Wohl kein reines "Einspielen"

Die Chance, das Spiel um Platz fünf zu erreichen, liegt aber noch in der eigenen Hand. Zwei Siege und die Deutschen würden nach Schweden reisen. Ob das aus Sicht der Spieler direkt nach der bitteren Niederlage gegen Kroatien erstrebenswert erscheint, ist erst einmal fraglich. Andererseits will man als Sportler natürlich jedes Spiel gewinnen.

Deutschland gegen Kroatien - die Zusammenfassung Sportschau 18.01.2020 03:11 Min. Verfügbar bis 18.01.2021 Das Erste

Bundestrainer Christian Prokop muss nach einer wahrscheinlich eher schlaflosen Nacht entscheiden, wie er die letzten Partien angehen will. Ein reines Einspielen und Durchwechseln für die wichtige Olympia-Qualifikation im April birgt ein größeres Risiko, sollte es zu Niederlagen führen. Viel wahrscheinlicher ist also, dass das Turnier durchgezogen wird - mit dem Anspruch, Fünfter zu werden. So etwas wie "best of the rest" also.

Versöhnlicher Abschluss ist noch drin

Mit dann theoretisch drei Siegen in Serie wäre der Abschluss außerdem versöhnlich und würde Trainer und Mannschaft in einer Analyse des Verbandes nach dem Turnier in eine stärkere Position bringen. "Aufstehen, Krone richten, weitermachen" - was wie ein mittelmäßig origineller Autoaufkleber klingt, könnte das Motto für die weiteren Spiele sein.

Christian Prokop: "Das war eine sehr harte Situation"

Sportschau 19.01.2020 01:07 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 ARD Von ARD-Reporter Daniel Neuhaus

Insgesamt, das muss ja auch festgehalten werden, war das Kroatien-Spiel die ersten 40 Minuten lang die beste Leistung der Mannschaft im Turnier. Die Deckung - hervorragend. Andreas Wolff - weltklasse. Das Angriffsspiel nicht bezaubernd, aber dafür mit enorm viel Courage vorgetragen. Dass dann in der Schlussphase die Nerven fehlten und leichte Ballverluste produziert wurden und die vielen, teils strittigen Zeitstrafen gegen die Mannschaft sie zusätzlich schwächte ist unglücklich, kann aber passieren.

Gründe für Kritik gibt es - aber auch für Lob

Dass man gegen die in dieser Phase mit dem vorgezogenen Domagoj Duvnjak extrem offensiv und spekulierend agierende Abwehr der Kroaten keine Lösung fand, muss sportlich aber schon analysiert werden. Wie schon gegen Spanien verunsicherte diese Abwehrvariante die deutschen Spieler zumindest in dieser Phase enorm und sorgte für Ballverluste, die mit Tempogegenstößen bestraft wurden.

Kroatiens Handballer mit Herz - Klein trifft Duvnjak Sportschau 18.01.2020 04:36 Min. Verfügbar bis 18.01.2021 Das Erste

Dass auch personell im Nachhinein in der zweiten Halbzeit vielleicht die ein oder andere unglückliche Entscheidung getroffen wurde, sagt sich im Nachhinein immer leicht. Wären zwei Würfe mehr im gegnerischen Tor gelandet, die Deutschen hätten gewonnen und wären gefeiert worden. Die letzten drei Partien gegen die Kroaten endeten übrigens alle mit einem Tor Unterschied für den DHB. So ist Sport manchmal.

Dass das Trainerteam in den Sozialen Medien und von Experten für manche Entscheidungen dann auch kritisiert wird, ist vertretbar. Man muss ihm aber auch zugestehen, dass die Idee der bedingungslosen "schnellen" Mitte, den Kroaten im ersten Durchgang extremes Kopfzerberechen bereitete und sie gar nicht ins Spiel kommen ließ und auch die Abwehr lange ideal auf die Kroaten eingestellt war.

Zwei Gesichter

Die Vorrunde war schlecht. Keine Frage. Auch durch die schwache Leistung gegen Spanien ist das Halbfinale nun quasi außer Reichweite, hätte man dort zumindest nur knapp verloren, könnte man noch auf eine herausragende Vorstellung der Weißrussen hoffen. Dass diese die Spanier aber gleich mit acht Toren Differenz schlagen erscheint beim größten Optimismus unmöglich.

Die Hauptrunde war aber bisher bis auf wenige Minuten sportlich stark. Das große Offensivfeuerwerk aus dem gebundenen Spiel ist mit diesem Personal kaum machbar, die starke Defensive mit gutem Tempospiel aber schon. Letzteres war ja jetzt auch fast 100 Minuten am Stück zu sehen, ehe es eben gegen die Kroaten am Ende nicht mehr so laufen wollte.

Chance - in jede Richtung

Für eine abschließende Analyse dieses Turniers ist es angesichts dieser zwei Gesichter noch zu früh. Die nächsten Begegnungen werden darüber entscheiden, wie es für die Mannschaft und wohl auch das Trainerteam im Hinblick auf die Olympia-Qualifikation weitergeht. Bei der allgemein als gelungen angesehenen WM 2019 wurde die Mannschaft Vierter. Sollte sie ein Jahr später einen Platz schlechter abschneiden, wäre das auf dem Papier zumindest kein Weltuntergang. Im Hinblick auf die Olympia-Chance werden die Spiele gegen Österreich (20.01.2020, live im Ersten und auf sportschau.de) und Tschechien (und gegebenenfalls das Spiel um Platz fünf) aber mit Argusaugen beobachtet werden. Sie sind eine Chance - in jede Richtung.

Stand: 18.01.2020, 23:00

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