Die deutsche Mannschaft sucht den "Go-to guy"

Deutsche Handballer

Handball-EM, Vorrunde

Die deutsche Mannschaft sucht den "Go-to guy"

Von Robin Tillenburg (Trondheim)

Den großen Lautsprecher, der die Mannschaft mit emotionalen Worten oder eben auch Gesten erfolgreich aufrichtet - die DHB-Auswahl fand ihn bei der Niederlage in der EM-Vorrunde gegen Spanien nicht. Die Mannschaft war kollektiv neben der Spur.

Sie fand auch den einen Spieler nicht, der durch sportliche Höchstleistung immer wieder wichtige Akzente setzte. Uwe Gensheimer, der als Kapitän und in Sachen Erfahrung und Fähigkeiten eigentlich für beide Rollen vorgesehen ist, ist noch nicht richtig im Turnier.

Keiner kennt die Antwort auf Prokops Frage

Das geht bei einem Außenspieler schnell. Denn er kann noch so aktiv und fleißig auf dem Feld sein, wenn er seine Würfe nicht trifft, läuft es eben nicht. Nur vier von Gensheimers acht Siebenmetern waren im Turnier bisher im Tor, dazu kamen ein ganz früher freier Fehlwurf aus dem Spiel gegen die Spanier und die Rote Karte gegen die Niederlande. Wenn es sportlich eben nicht läuft, ist es auch schwer, die Führungsrolle glaubhaft zu übernehmen.

Aber Gensheimer ist ja nur einer von 16 Spielern im Team, das zwar einige international unerfahrene Spieler beinhaltet, aber eben bei weitem nicht nur. Als der Bundestrainer Christian Prokop in der Auszeit beim Stande von 18:24 eine entschlossene Antwort seiner Spieler auf die Frage nach dem nun entscheidenden Mittel haben wollte, traute sich erst keiner so richtig zu antworten. Ein lautes "Teamgeist" wollte er hören. Er bekam es nicht.

Im Rückraum sticht niemand heraus

Dass das Kollektiv und die Unberechenbarkeit der DHB-Auswahl, die ja gerade im Rückraum viele Spieler auf sehr hohem, aber keinen auf absolutem Weltklasse-Niveau hat, die Stärke des Teams sein kann, ist wahr. Dass es aber gerade auf den prägenden Positionen im Rückraum auch mal den einen Mann braucht, der das Spiel sportlich an sich und dadurch seine Teamkollegen mitreißt, ist eine weitere Wahrheit, die man anhand des Spanien-Spiels gut erkennen konnte.

Bei den Iberern war es Alex Dujshebaev, der in den Phasen, in denen die Deutschen aufholten, wichtige Akzente setzte. Bei den Norwegern war es am Freitagabend (10.01.2020) Sander Sagosen, der die Anfangs-Nervosität seines Teams durch einige ganz starke Szenen nacheinander vergessen machte. Einen solchen Spieler hatte man sich nach dem Auftakterfolg gegen die Niederlande in Kai Häfner erhofft, der aber bei seiner Wurfauswahl an diesem Tag kein glückliches Händchen hatte und möglicherweise etwas zu viel wollte.

Deutschland gegen Spanien - die Zusammenfassung Sportschau 11.01.2020 01:39 Min. Verfügbar bis 11.01.2021 Das Erste

(Noch) niemand erfüllt alle Kriterien

In der Deckung sind Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek in der Lage, die Führung zu übernehmen, können aber das offensive Spiel als Kreisläufer nicht lenken und sind auch nicht die, die durch laute Ansagen auf dem Feld auffallen. Die Torhüter Andreas Wolff und Johannes Bitter sind extrovertiertere Typen, aber auch sie haben auf die Offensive nur bedingt Einfluss und hatten gegen Spanien keinen sehr guten Tag, der für einen Keeper nötig ist, um dem gesamten Team einen Schub zu geben. Und sie wurden oft auch einfach allein gelassen.

Deutschland gegen Spanien - die Analyse des Debakels Sportschau 11.01.2020 31:02 Min. Verfügbar bis 11.01.2021 Das Erste

Einen "Go-to guy", der die sportlichen Fähigkeiten und die Ausstrahlung besitzt, eine Mannschaft aus Tälern zu führen, kann man sich nicht schnitzen. Einen, dem man den Ball gibt und bei dem man genau weiß: Das was jetzt kommt, hat Hand und Fuß. Man kann die idealen Kriterien ungefähr d finieren: Rückraumspieler, gute Übersicht, hohe sportliche Klasse und Spielmacherqualitäten, extrovertiertes Auftreten auf dem Feld. Einige dieser Kriterien erfüllen fast alle deutschen Spieler, aber sie kommen eben nicht gesammelt zusammen.

Unterschiedliche Stärken - und Schwächen

Vielleicht würde schon ein klassischer Spielmacher reichen, der die Stärken seiner Nebenleute kennt und ideal einsetzen kann. Marian Michalczik kann so einer werden, wurde gegen Spanien aber noch nicht eingesetzt und ist wohl auch noch etwas zu jung und unerfahren für diese Bürde.

Geht man die anderen Kandidaten im Rückraum durch, fällt aber auch auf, dass es bei jedem einzelnen Spieler eigentlich unfair wäre, diese Dinge zu erwarten. Fabian Böhm ist Kämpfer und Arbeiter, hat aber offenbar noch nicht das Standing, um die Mannschaft zu führen. Julius Kühn ist ein hervorragender Shooter, der aber in Szene gesetzt werden muss. Paul Drux reibt sich auf, führt viele Zweikämpfe, kann dabei aber auch naturgemäß gar nicht die große Übersicht haben. David Schmidt hat erst vier Länderspiele absolviert, Philipp Weber fehlt es auch an Erfahrung auf höchstem Niveau.

Nicht nur auf die Verletzten warten

Häfner wäre der wahrscheinlichste Kandidat gewesen, braucht aber augenscheinlich auch noch ein bisschen, um in diese Rolle zu finden, die er ja in der DHB-Auswahl lange nicht einnehmen musste. In der Champions League hat übrigens von den deutschen Rückraumspielern im Kader nur Drux ein paar Partien absolviert.

Im Hinblick auf eine Qualifikation für die Olympischen Spiele im April, die ja ansteht, sollte die DHB-Auswahl nicht doch Europameister werden, könnte man sich damit "trösten", dass ja Fabian Wiede dann wohl wieder zur Verfügung steht. Genau wie die erfahrenen Martin Strobel und Steffen Weinhold, die beide viel Ruhe ins Spiel bringen können. Doch auch für diese EM ist noch nichts verloren. All die im Kader stehenden Spieler können nun in eine größere Rolle hineinwachsen. Das Potenzial dazu haben sie eigentlich alle. Es ist noch nichts verloren.

Stand: 11.01.2020, 21:39

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