Nach Ausscheiden nach der Hauptrunde

Viele Fragezeichen und ein paar Gewinner - das deutsche WM-Fazit

Von Robin Tillenburg

Das DHB-Team hat das erklärte Ziel Viertelfinale bei der Weltmeisterschaft verpasst. Das ist enttäuschend, aber für den Bundestrainer und seinen durchgewirbelten Kader waren die Wochen in Ägypten sehr lehrreich. Und es war bei weitem nicht alles schlecht.

Zur Erinnerung: Mit insgesamt neun Absagen, einige bedingt durch die Corona-Situation, einige verletzungsbedingt, musste Alfred Gislason seinen Kader zusammenstellen. Am Ende standen ein Pflichtsieg über Uruguay, zwei knappe Niederlagen gegen Ungarn und Spanien, ein deutlicher Erfolg über Brasilien und ein Remis gegen Polen. Mit sehr schwankenden Leistungen zwischen den Spielen, aber auch innerhalb der Mannschaftsteile.

Offensiv größtenteils gut - defensiv fehlte der "Kieler Block"

Und spätestens als nach dem Spanien-Spiel feststand, dass es nichts werden würde mit der Runde der letzten acht, richtete sich der Blick der Verantwortlichen auf die nahe Zukunft. Auf das Olympia-Qualifikationsturnier im März, unter anderem gegen Schweden und Slowenien. Der Bundestrainer war nun also bemüht, aus dem ja in Teilen improvisierten Aufgebot die Leute herauszufiltern, die ihm auch im März sportlich weiterhelfen. Und denen seine Vorstellungen vom Handball näherzubringen.

Letzteres hat in der Offensive überraschend schnell geklappt. Auch wenn das Polen-Spiel am Ende dann doch nochmal zeigte, dass es noch Nachholbedarf gibt. In den anderen Partien lief es aber vorne weitestgehend flüssig. Defensiv war noch Luft nach oben, aber da kommen in Hendrik Pekeler und Co. ja einige echte "Säulen" im März zurück. Trotz des schwachen Abschneidens in der Endabrechnung gibt es individuell gesehen ein paar "Gewinner" dieses Turniers.

Weber und Bitter sind "Gewinner"

Im Tor ist es schwierig, von "Gewinnern" und "Verlierern" zu sprechen, denn alle drei Torhüter hatten schon vor dem Turnier ein hohes Standing und sind als Dreiergespann auch für den März die mit Abstand wahrscheinlichste Lösung. Johannes Bitter hinterließ den stärksten Eindruck. Andreas Wolff war in Ägypten wohl vor allem wegen fehlender Spielpraxis nicht in Bestform und stand in der Kritik. Er bekam aber gegen die Polen am Ende noch einmal das Vertrauen vom Bundestrainer und zeigte doch nochmal seine Klasse.

DHB-Nationalspieler Philipp Weber (l.) gegen den Ungarn Bence Banhidi (r.) | Bildquelle: afp/Anne-Christine Poujoulat

Im Rückraum war Philipp Weber auf der Mitte der auffälligste Spieler. Und auch der größte Gewinner. Weber setzte Gislasons Vorgaben hervorragend um, bekam extrem viel Spielzeit und war, endlich einmal auch im DHB-Trikot, konstant selbst torgefährlich. Weber dürfte erst einmal gesetzt sein und ist, trotz seiner eher ruhigen Art, offensiv der neue Führungsspieler des Teams, der in engen Situationen die Entscheidungen trifft. Kai Häfner hat auf der halbrechten Position ein solides Turnier gespielt, der Bundestrainer weiß, was er an ihm hat. Mit Fabian Wiede, Franz Semper und Steffen Weinhold ist die Konkurrenz außerhalb des WM-Kaders aber groß.

Knorr überholt Michalczik, gebrauchtes Turnier für Kühn

Auf der halblinken Position spielte das Turnier Julius Kühn so gar nicht in die Karten. Nur selten bekam er die Chance, seine Qualitäten als Distanzschütze zu zeigen, in der Deckung war er außerdem genau wie Häfner auch nicht immer voll auf der Höhe. Wegen seiner Torgefahr dürfte er weiter auf Halblinks gesetzt sein, aber Paul Drux, der ja zu Beginn von Gislasons Amtszeit nicht unbedingt zur ersten Wahl gehörte, hat sich mit guten Vorstellungen weiter in den Vordergrund gespielt und ist einer der Gewinner der WM. In Spielen, wo es offensiv viel um Zweikämpfe geht, ist Drux aktuell erste Wahl und auch defensiv stabil.

Handball-WM: Wer wird Deutschlands künftiger Führungsspieler? Sportschau 24.01.2021 00:48 Min. Verfügbar bis 24.01.2022 Das Erste

Fabian Böhm war in der Deckung insgesamt stärker als beispielsweise Sebastian Firnhaber im Innenblock. Offensiv bekam er nicht allzu viel Spielzeit und sah da auch nicht immer glücklich aus. Unter den Rückraum-"Neulingen", zu denen trotz bereits ein bisschen mehr Erfahrung auch David Schmidt zählt, hat Juri Knorr die größte Chance, in naher Zukunft zu einem Stammspieler zu werden. Auch wenn er gegen Spanien nach zwei richtig starken Szenen nach seiner Einwechslung etwas "überdrehte", war sein individuelles Potenzial auf der Spielmacherposition deutlich zu erkennen. Der 20-Jährige hat, so sieht das auch ARD-Experte Dominik Klein, das Zeug dazu, mittelfristig sogar Führungsspieler zu werden.

David Schmidt war in der Deckung ein zuverlässiger und engagierter "Spezialist", der Kai Häfner oft dort entlastete. Offensiv bekam er nicht viel Vertrauen von Gislason, erst als Häfner im Polen-Spiel Verletzungsprobleme hatte, durfte er rein und zeigte sich im Eins-gegen-eins durchaus durchsetzungsstark. Marian Michalczik konnte sein viel beschworenes Potenzial nicht wirklich zeigen und spielte nur selten. Der Bundestrainer scheint Knorr mehr zuzutrauen.

Schiller spielt solides erstes Turnier

Auf den Außenpositionen hat Timo Kastening rechts auch durch die Verletzung von Tobias Reichmann weiter Erfahrung gesammelt und dürfte dort erste Wahl bleiben - auch wenn seine Quote nicht ganz die der EM 2020 erreichte.

Auf der linken Seite war der engagierte Marcel Schiller als meist zuverlässiger Siebenmeterschütze und auch aus dem Spiel heraus einer der kleineren "Gewinner" des Turniers. Obwohl es sein erstes Großereignis im DHB-Trikot war, sollte er in naher Zukunft nicht um seine Nominierung zittern müssen. Schiller hat sich ins Team gespielt.

Gensheimer nicht auf gewohntem Top-Niveau

Kapitän Uwe Gensheimer bekam die meiste mediale Aufmerksamkeit für die Reaktion auf öffentliche Kritik an ihm, in der er im Interview mit dem ZDF "Neid und Missgunst" vermutete. Auf dem Feld blieb der Routinier den Nachweis seiner ohne Zweifel vorhandenen Klasse größtenteils schuldig und war auch selbst nicht zufrieden. An Engagement lag es nicht, in der Deckung hatte der Rhein-Neckar-Löwe durchaus starke Szenen. Vorne bekam er, wie er selbst anmahnte, wenige Bälle, war dann aber auch im Abschluss wackliger als gewohnt. Gensheimer dürfte das Turnier schnell abhaken wollen.

Handball-WM: Deutschland gegen Polen - die Analyse und Stimmen Sportschau 25.01.2021 12:01 Min. Verfügbar bis 25.01.2022 Das Erste

Golla wird immer wichtiger

Am Kreis hat Johannes Golla, dem man ohnehin eine große Zukunft im Nationaltrikot zutraut, einen weiteren Schritt nach vorn gemacht. Offensiv zeigte er gerade gegen die Brasilianer seine Zuverlässigkeit und war mit seiner Physis als Prellbock extrem unangenehm. Im Abwehrzentrum zeigte er zudem, dass er durchaus Potenzial hat, in einer Rotation mit Pekeler, Patrick Wiencek und Finn Lemke eine Rolle zu spielen. Für Sebastian Firnhaber war das hohe Niveau offenbar noch etwas zu viel. Angesichts der Konkurrenz am Kreis und in der Defensive, die ja nicht nur aus Golla, Pekeler, Lemke und Wiencek sondern auch aus Jannik Kohlbacher besteht, sind seine Chancen für den März wahrscheinlich eher gering.

Insgesamt war Alfred Gislason, das sah man auch an seiner minutenlang versteinerten Miene nach dem Polen-Spiel zum Abschluss sicherlich nicht rundum zufrieden mit dem Turnier. Wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf die weitere Arbeit mit der Mannschaft hat der erfahrene Isländer aber definitiv viele sammeln können. Welche Schlüsse er daraus zieht, erfahren wir spätestens im März.