Johannes Golla, Till Klimpke und Julian Köster bei der Handball-EM 2022

Handball | EM Handball-Nationalmannschaft: Ein EM-Aus, das Lust auf mehr macht

Stand: 26.01.2022 11:21 Uhr

Mit einem dramatischen 30:29 (16:12) gegen Russland hat sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft aus der EM verabschiedet. Obwohl das Ausscheiden des Teams schon vorher festgestanden hatte, ist der Sieg ein versöhnlicher Abschluss für ein Turnier, das Lust auf Deutschlands Handball-Zukunft gemacht hat.

Von Erik Rönicke

Während der EM hatte sich der Eindruck eines "Chaos-Turniers" für Deutschlands Handballer von Tag zu Tag verfestigt. Insgesamt 16 Spieler infizierten sich mit dem Coronavirus. Selbst nach dem Ende aller Spiele gab es noch einen weiteren Fall. Es erwischte den Nachrücker Lukas Stutzke vom Bergischen HC. Mit einem privaten Shuttle musste er die Heimreise nach Deutschland antreten.

Gerade zu Beginn der EM steckte die DHB-Auswahl die Situation aber gut weg. In ihrer Gruppe D holte die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason den Gruppensieg und nahm zwei Punkte mit in die Hauptrunde. Hier gab es dann aber, wohl auch den Umständen geschuldet, sportlich nicht mehr viel zu holen. Die ersten drei Spiele verlor das deutsche Team. Und trotz des Sieges im vierten Spiel gegen Russland: Deutschland ist ausgeschieden und nimmt nicht am Halbfinale der EM teil.

Großer Zusammenhalt trotz Corona-Chaos

Trotz all der negativen Begleitumstände: Den Spielern scheint die EM doch irgendwie Spaß gemacht zu haben. Ein Rückzug vom Turnier - wie er etwa von Teilen der Handball-Bundesliga in Erwägung gezogen wurde - stand für das Team offenbar nicht zur Debatte. "Auch wenn wir alle auf Abstand unterwegs sind - so einen Zusammenhalt wie in den vergangenen Tagen habe ich selten erlebt", bekräftigte der neue Kapitän Johannes Golla.

Auch für ihn persönlich, übrigens einer der vier Spieler aus dem "Anfangs-Kader", der das Turnier durchspielen konnte, war es eine harte Bewährungsprobe. Musste er doch ein Team ohne physischen Kontakt als Anführer zusammenhalten.

16 Corona-Fälle in der deutschen Handball-Nationalmannschaft

Fragt man den erfahrensten Spieler im Team, Patrick Wiencek, so hat Golla seine Aufgabe hervorragend gemeistert: "Das ist für alle überragend. Er gibt bei jedem Training 100 Prozent, ist Wortführer, redet viel. Genau der richtige Mann, der das ganze über Jahre hinweg prägen wird", sagte der Kreisläufer.

Junge Spieler zeigen sich

Schon vor dem Turnier hatte festgestanden: Bundestrainer Gislason muss mit einem jungen und unerfahrenen Kader zur EM nach Ungarn und der Slowakei fahren. Erfahrene Spieler wie Hendrik Pekeler hatten aus unterschiedlichen Gründen ihre Teilnahme abgesagt. Was den Bundestrainer anfangs störte, bot für viele junge Spieler eine Chance.

Beispiel: Till Klimpke. Für den Torwart der HSG Wetzlar war es, wie für neun weitere Debütanten, die erste Europameisterschaft. Insbesondere beim Gruppenspiel gegen Österreich zeigte der 23-Jährige tolle Paraden.Danach erging es ihm wie vielen anderen Kollegen: Er wurde positiv auf das Coronavirus getestet und verpasste den Rest des Turniers. Sein letztes wird es aber sehr wahrscheinlich nicht gewesen sein.

Beim Sieg im letzten EM-Gruppenspiel gegen Polen spielte sich ein weiterer junger Spieler in den Fokus: Julian Köster. Eigentlich steht Köster in der 2. Bundesliga beim VfL Gummersbach unter Vertrag. Im ersten Spiel der Gruppenphase setzte Bundestrainer Gislason ihn gar nicht ein. Seine Chance kam später - und er nutzte sie. Mit sechs Treffern wurde er gegen Polen "Man of the Match" und begeisterte viele Zuschauer mit seiner Spielfreude. Immer erkennbar am breiten Grinsen auf seinem Gesicht.

Auch "zuhause" noch Potenzial

Neben den schon genannten Akteuren gibt es für Deutschlands Handball Zukunft weitere hoffnungsvolle junge Spieler. Juri Knorr von den Rhein-Neckar-Löwen zum Beispiel. Der 21-Jährige konnte wegen seiner fehlenden Corona-Impfung nicht zur EM anreisen. Schon bei der letzten WM 2021 in Ägypten aber spielte sich der Rückraum-Spieler in den Fokus. Es wächst einiges nach für den DHB-Kader. Und auch die vielen nachnominierten "Aushilfen" wie Linksaußen Patrick Zieker oder Paul Drux zeigten, dass auf sie Verlass ist.

Langfristziel Heim-EM 2024

Die nächste EM steht im Januar 2024 auf dem Programm - und zwar in Deutschland. Für das Turnier im eigenen Land haben sich die Organisatoren jedenfalls schon jetzt Großes vorgenommen. Das Eröffnungsspiel soll in der Düsseldorfer Fußball-Arena stattfinden: Kapazität bis zu 50.000 Zuschauer.

Bis dahin will die Nationalmannschaft aufrücken zu den Mannschaften, gegen die sie bei dieser EM noch Niederlagen einstecken musste. "Wir möchten mit diesem Kader eine Entwicklung vollziehen, so dass wir dann bei der Heim-EM 2024 gegen Gegner wie Norwegen oder Spanien als Favorit oder zumindest gleichwertig ins Spiel gehen können", sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer. Gut möglich, dass dieser Schritt mit dem jungen Kader gelingt. Das Potenzial war jedenfalls klar zu erkennen.