Das deutsche Handball-Team vor dem EM-Spiel gegen Russland

Handball | EM

"Negativny" - das geflügelte Wort einer denkwürdigen Handball-EM

Stand: 25.01.2022, 21:37 Uhr

"Ich werde dieses Turnier nie vergessen." Sportschau-Kommentator Florian Naß zieht sein ganz persönliches Fazit einer Handball-EM mit Corona-Tests, Drohkulissen und einem "grundehrlichen Zusammenhalt".

Von Florian Naß (Bratislava)

"Negativny". Auf dieses Wort in einer E-Mail habe ich vor jedem Spiel in Bratislava gewartet. Denn es war neben der Akkreditierung meine Eintrittskarte in die Arena, um die Begegnungen der deutschen Mannschaft für die ARD zu kommentieren.

Negativny, das war das erhoffte Corona-Testergebnis. Auf dem Weg zum Testcenter führte mich der Fußweg vorbei am Teamhotel der deutschen Spieler. Dort oben im 12. und 13. Stock saßen sie also, jeder in seinem Einzelzimmer, viele in Isolation. Nie zuvor hat es so etwas gegeben. Das Szenario, das Turnier zu verlassen, wurde beim DHB diskutiert. Auch die möglichen wirtschaftlichen Folgen oder Konsequenzen für kommende Veranstaltungen.

Drohkulisse seitens der EHF

Florian Naß lächelt in die Kamera

Letztlich verhinderte das Signal der Mannschaft, weiterspielen zu wollen, eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Thema. Von Ausnahmen abgesehen hielten sich die Klubs der Handball-Bundesliga sehr zurück, dabei bekommen sie nun eine Vielzahl an infizierten Spielern per Krankentransport nach Hause geliefert. Auch das belegt die Absurdität dieser Europameisterschaft.

Wer hätte der Mannschaft verdenken können, geschlossen abzureisen? Ich nicht. Aber vielleicht wäre es sogar gut gewesen. Eine mögliche Bestrafung seitens der Europäischen Handball Föderation - die Drohkulisse war ja bereits aufgebaut - hätte einmal mehr gezeigt, wie wenig Rücksicht die Verbände auf ihr wichtigstes Gut nehmen: die Spieler. Der Verzicht auf ein schlüssiges Hygienekonzept, nämlich eine "Blase" für die Teams, ist übrigens Teil des Versagens seitens der Veranstalter und des europäischen Verbandes.

Beeindruckender Zusammenhalt

Dennoch gibt es die andere, die positive Kehrseite. Die Fortsetzung des Turniers hat uns unglaubliche Einblicke eröffnet. Der Zusammenhalt dieser Mannschaft war nicht gespielt, sondern grundehrlich. Wie selbstverständlich wurden Spieler nachnominiert und reisten nach Bratislava. Wir erlebten dort ein emotionales Wechselbad und mutige Momente. Der junge Wetzlarer Torhüter Till Klimpke ist da für mich ein Paradebeispiel.

In der ersten Partie gegen Belarus wird er von Bundestrainer Alfred Gislason ausgewechselt. Er hatte keinen Ball gehalten und es musste reagiert werden. Ich verfolge seine Entwicklung seit seiner Jugendzeit und sah von meinem Reporterplatz in der Halle die tiefe Enttäuschung. Er feuerte das angereichte Handtuch auf seinen Stuhl am Spielfeldrand. Seine Tränen waren zu erahnen.

Corona-Aus für Klimpke und Wolff

Alfred Gislason brachte ihn gegen Österreich aber erneut von Beginn an und wurde belohnt. Klimpke hielt überragend, danach kam das Corona- Aus, sowohl für ihn als auch für Andreas Wolff, der somit keine Chance hatte, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Deutschland gegen Russland - die Zusammenfassung

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Im folgenden Spiel geht der Stern von Julian Köster auf, sechs Tore erzielt und "Man of the Match" gegen Polen. Ein Versprechen für die Zukunft, denn er ist 21 Jahre alt. Gefördert in Dormagen, zum Führungsspieler gereift in Gummersbach. In der zweiten Liga. Aber es bedarf der Nationalmannschaft, um ihn einer breiten Masse näherzubringen. Deutschland hat Talente, aber man muss sie auch spielen lassen, die Vereine müssen ihnen Vertrauen schenken. Nur so wird die Nationalmannschaft zu alter Stärke finden.

Rückstand auf Spanien, Schweden und Norwegen

Die Vorrunde wurde zum ersten Mal überhaupt seit Beginn der Europameisterschaften im Jahr 1994 ausnahmslos mit Siegen abgeschlossen. Vermutlich war die Gruppe die leichteste, aber Deutschland leistete sich auch keinen Aussetzer. In der Hauptrunde wurden dann die Grenzen aufgezeigt, und das hatte nicht nur mit den zunehmenden Coronafällen zu tun. Deutschland hat in der Spitze Rückstand auf Spanien, Schweden und Norwegen. Das wurde in den entscheidenden Phasen der Spiele deutlich. Es war nicht nur Pech.

Golla, Bitter und Köster über Stolz und Teamgeist

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Diese Lücke gilt es jetzt, innerhalb von nur zwei Jahren zu schließen, denn die nächste EM wird im Jahr 2024 im eigenen Land stattfinden. Das Eröffnungsspiel vor erhofften 50.000 Zuschauern in Düsseldorf. Dann soll eine neue Handball-Euphorie entfacht werden, dazu gehört, dem Mitgliederschwund in den Vereinen gegenzusteuern. Köster, Golla und Kastening werden vielleicht die Gesichter sein, denn sie waren es auch schon diesmal in ganz unterschiedlichen Rollen.

Ernüchternde Ergebnis-Bilanz

Es ist richtig und alternativlos, dass Alfred Gislason diesen Weg weiter mit beschreitet, auch wenn seine Bilanz auf Ergebnisse reduziert ernüchternd ist: Platz 12 bei der WM 2021, Viertelfinal-Aus bei den Olympischen Spielen in Tokio und Rang 7/8 bei dieser Euro.

Ich werde dieses Turnier nie vergessen und bin dankbar, es vor Ort erlebt zu haben. Ein Gefühl dafür bekommen zu haben, was die deutsche Mannschaft, die Trainer, Betreuer und Verantwortlichen hier durchlebten, samt des versöhnlichen Sieges zum Abschluss gegen Russland. Das Warten auf das Wort "Negativny" gehörte dazu. Darauf kann ich in Zukunft gerne verzichten.

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