Handball-EM: Gislasons Experimente

Bundestrainer Alfred Gislason agiert an der Seitenlinie.

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Handball-EM: Gislasons Experimente

Von Robin Tillenburg

Alfred Gislason hatte sich etwas überlegt. Wohl auch an die Stärken und Schwächen des Gegners angepasst, überraschte der Handball-Bundestrainer zum EM-Auftakt gegen Belarus mit der ein oder anderen Entscheidung.

Dass Sebastian Heymann im linken Rückraum begann, war die kleinste der drei Überraschungen, mit denen Gislason gegen Belarus aufwartete. Der 23-jährige Göppinger ist offensiv mit seiner Wurfgewalt ein ähnlicher Typ wie sein Positionskollege Julius Kühn, verfügt über weniger Erfahrung, aber dafür über größere Qualitäten in der Defensive. Physis und Abwehrstärke als Rezept also gegen Belarus und dessen kräftige Rückraumspieler und vor allem Kreisläufer Artsem Karalek.

Gislasons Idee: Defensive Stärke

Zu dieser Interpretation der deutschen Startformation passt auch, dass Christoph Steinert auf Rechtsaußen begann - und eben in der Defensive auf der halbrechten Position. Steinert ist gelernter Rückraumspieler, taucht aber auch bei seinem Klub HC Erlangen ab und an mal auf der Außenposition auf. Das reichte Gislason, um ihn beginnen zu lassen - vor Timo Kastening, einem der Gesichter der deutschen Mannschaft und als flinker Gegenstoßspieler auf Rechtsaußen durchaus auch mit speziellen Qualitäten ausgestattet.

Die dritte Überraschung, die aber für die Beteiligten selbst wohl bereits lange angekündigt war, wie Gislason nach dem Spiel erklärte, war die Torhüterposition: Till Klimpke statt Andreas Wolff. Dabei hatten Fachleute wie Sportschau-Experte Dominik Klein eine Europameisterschaft erwartet, bei der Wolff erstmals seit längerer Zeit als klare Nummer Eins in ein Turnier gehen würde. Womöglich sollte der Gegner vermehrt zu Distanzwürfen gezwungen werden, für die Klimpke ein echter Spezialist ist. In der Bundesliga hat nur Daniel Rebmann bei Fernwürfen aus dem Rückraum eine bessere Quote.

Gislason: "Wolff wusste seit Wochen, dass er nicht starten würde" Sportschau 14.01.2022 01:07 Min. Verfügbar bis 14.01.2023 Das Erste

Erfahrung als Trumpf

So weit so gut - in der Theorie. Tatsächlich korrigierte Gislason zwei seiner Experimente relativ schnell. Nach nicht einmal elf Minuten beim Stande von 2:7 mussten Klimpke und Heymann wieder raus. Sieben Abschlüsse auf das Tor - sieben Mal hatte der junge Torhüter den Ball aus dem Netz fischen müssen. Drei Würfe kamen aus dem Rückraum, haltbar war eigentlich nur einer von ihnen. Bei den anderen vier Gegentreffern war jeweils ein Spieler frei vor dem 23-Jährigen aufgetaucht. Klimpke ärgerte sich sichtlich, hatte aber kaum Schuld am Rückstand. Gleiches galt für Heymann, der sich vorn einen Fehlwurf leistete, defensiv aber an den Gegentoren keine Schuld hatte.

Es war somit wohl eher Erfahrung, für die sich der Bundestrainer in dieser schwierigen Situation entschied. Weniger das verlorene Vertrauen in die Qualitäten von Heymann und Klimpke, sondern eher das in die Routine seiner alten Fahrensmänner Wolff und Kühn, die zusammen über 230 Länderspiele auf dem Buckel haben. Heymann und Klimpke bringen es auf etwa ein Zehntel davon. Es war nicht mehr die Zeit für Experimente - im EM-Auftaktspiel als Favorit mit fünf Treffern in Rückstand zu liegen, muss so ein junger Handballer ja auch erst einmal verkraften.

Deutschland gegen Belarus - die Zusammenfassung Sportschau 14.01.2022 04:58 Min. Verfügbar bis 14.01.2023 Das Erste

Vielleicht war es in diesem Moment auch ein Vorteil für Steinert, dass er zwar trotz fehlender Länderspielerfahrung immerhin bereits 31 Jahre alt ist. Er blieb drauf und fand nach etwa einer Viertelstunde auch in die Begegnung. Auch in Durchgang zwei, als der Spezialistenwechsel zwischen Abwehr und Angriff aufgrund des Seitenwechsels und der damit näheren Bank deutlich einfacher gewesen wäre, blieb der Bundestrainer dabei. Dass Kai Häfner im Angriff eines seiner besten Länderspiele absolvierte, lag auch daran, dass er defensiv auf der Außenposition konstant seine Pausen bekam und sich auf Nebenmann Steinert verlassen konnte.

(Noch) keine Zeit für weitere Experimente

Djibril M'Bengue wäre ebenfalls eine Alternative für diese Rolle gewesen, angesichts der guten Performance Steinerts war ein Wechsel aber nicht notwendig. Und auf weitere Experimente verzichtete Gislason zugunsten des sicheren Sieges auch in der Schlussphase. M'Bengue, Luca Witzke, Simon Ernst, Julian Köster und Lukas Mertens müssen sich noch gedulden. Dass sie aber noch zu ihren Einsätzen kommen werden, dürfte sicher sein. Schließlich hat der Bundestrainer schon jetzt bewiesen, dass er für seinen Kader je nach Gegner ganz individuelle Ideen hat.

Stand: 15.01.2022, 08:00

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