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Handball-Causa Reichmann - Prokop geht erneut ins Risiko

Christian Prokop umarmt Tobias Reichmann

Handball-WM

Handball-Causa Reichmann - Prokop geht erneut ins Risiko

Von Volker Schulte (Berlin)

Alle Augen auf den Bundestrainer: Christian Prokop muss bei der Handball-WM beweisen, dass er dazugelernt hat. Er betont, seine Lehren aus der verkorksten EM gezogen zu haben - aber mit Tobias Reichmanns Degradierung bietet er seinen Kritikern erneut Angriffsfläche.

Die Stimmung im Team sei deutlich besser und lockerer, heißt es von allen Seiten vor dem Start der WM in Deutschland und Dänemark (10.-27. Januar). Auch Bundestrainer Prokop selbst wirkte in der Vorbereitung gelassener als noch bei seinem Debüt-Turnier Anfang 2018 in Kroatien. Dort hatte er große Teile seines Teams mit personellen und taktischen Entscheidungen gegen sich aufgebracht, ein enttäuschender neunter Rang und Diskussionen um seine Eignung als Bundestrainer waren die Folge.

Prokop zeigt sich mittlerweile selbstkritisch. "Ich mache mir als Trainer vor einem Turnier viele Gedanken, wie ein Team später auf dem Feld funktionieren soll. Und dabei kann man leicht vergessen, welche Stimmungsschwankungen sich entwickeln, die verhindern, dass wir als Mannschaft eine totale Gemeinschaft bilden", sagte der 40-Jährige in einem "Spiegel"-Interview. Vor der EM 2018 war es vor allem die überraschende Nichtnominierung von Finn Lemke, die den sozialen Frieden im Team beschädigte. Abwehrchef Lemke ist als emotionaler Antreiber beliebt und respektiert. Als Prokop ihn bei der EM nachnominierte, war der Schaden schon nicht mehr zu reparieren.

Taktische Gründe

Für die WM hat Prokop Lemke nun nie infrage gestellt, sondern als eine der zentralen Stützen ausgemacht. Doch als es darum ging, den 18-köpfigen erweiterten Kader um zwei Spieler zu reduzieren, ging Prokop doch wieder ins Risiko. Neben dem jungen Tim Suton (TBV Lemgo) strich er am Sonntag (06.01.2019) überraschend auch Tobias Reichmann (MT Melsungen). Prokop führte, ähnlich wie bei Lemke, taktische Gründe an. Er strich den Rechtsaußen zugunsten von Franz Semper, einem weiteren Spieler für den rechten Rückraum, der mit Fabian Wiede und Steffen Weinhold schon doppelt besetzt ist. Allerdings dürfte Prokop Wiede wohl auch in der Mitte einsetzen.

Dass in Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen) nur noch ein gelernter Rechtsaußen im Kader steht, muss Prokop anderweitig auffangen. "Gerade auf der Linkshänderposition gibt es ja die Möglichkeit, dass die Rückraumspieler auch mal auf Außen auftauchen", sagt ARD-WM-Experte Dominik Klein: "Prokop hat auch schon mit Kreisläufer Jannick Kohlbacher auf Rechtsaußen gespielt."

Mehrere Risiken

Allerdings birgt die Entscheidung gleich mehrere Risiken: Groetzki wird nun sehr viele Spielminuten stemmen müssen, obwohl die Belastung mit fünf Vorrundenspielen in acht Tagen ohnehin immens ist. Außerdem fällt der sichere Siebenmeterschütze Reichmann als Joker aus, sollte der etatmäßige Schütze Uwe Gensheimer einen schlechten Tag haben.

Vor allem aber: Reichmann ist einer der EM-Helden von 2016, bei der Groetzki verletzt gefehlt hat. Mit seiner überragenden Siebenmeterquote und weiteren wichtigen Toren hatte er großen Anteil am Titel, war mit 46 Treffern zweitbester EM-Schütze und wurde ins All-Star-Team gewählt. Wie die Mannschaft die Degradierung eines derart bewährten Spielers verarbeitet, ist eine der großen Fragen der nächsten Tage.

Nachnominierung möglich

Wer es böse mit Prokop meint, blickt zudem kritisch auf die Vereinszugehörigkeit von Semper, der anstelle von Reichmann im Kader verbleibt. Der 21-Jährige spielt nämlich für den SC DHfK Leipzig, Prokops Ex-Verein. Schon bei der EM 2018 hatte der Bundestrainer in Bastian Roscheck, Maximilian Janke und Philipp Weber drei Leipziger ohne große Länderspielerfahrung nominiert, die dann - wie alle anderen auch - enttäuschten.

Doch dieses Mal ist Semper der einzige Leipziger im Kader und er gilt auch über die Stadtgrenzen hinaus als großes Talent. "Er kann auch auf internationalem Parkett für einen Überraschungsmoment sorgen. Er hat eine gute Dynamik im Eins gegen Eins", sagt Klein.

Taktik-Nerd Prokop hat bei aller Rücksicht auf soziale Strukturen weiterhin den Anspruch, der Nationalmannschaft seine Spielidee mitzugeben. Von daher sind unbequeme Entscheidungen konsequent und wohl auch nötig. Aber die Gefahr, alte Wunden aufzureißen, ist da. Sollten die Deutschen und insbesondere Groetzki oder Semper in ihren ersten WM-Spielen enttäuschen, wird die Kritik an Prokop heftig sein. Er kann Reichmann zwar jederzeit nachnominieren, aber wie im Fall Lemke kann es dann auch schon zu spät sein.

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, 8.1., ab 22.50 Uhr

Stand: 08.01.2019, 15:10

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