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Handball-WM - Brasilien spielt ganz "unbrasilianisch"

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Handball-WM - Brasilien spielt ganz "unbrasilianisch"

Von Robin Tillenburg

Deutschlands nächster Gruppengegner Brasilien mag auf den ersten Blick wie ein Handball-Exot wirken, doch der Kern des Teams ist in Europa aktiv. Und spielt auch so.

Uwe Gensheimer weiß am ehesten, was die DHB-Auswahl im zweiten Gruppenspiel gegen Brasilien (Samstag, 12.01.2019, 18.15 Uhr) erwartet. Das deutete der Linksaußen, der sonst für Paris Saint-Germain in Frankreich spielt, bereits im Interview nach dem Spiel gegen Korea an: "Das wird ein ganz anderes Spiel."

Nur drei Akteure aus dem Aufgebot von Trainer Washington Nunes verdienen ihr Geld nämlich in Brasilien. Der Rest spielt in Frankreich, Spanien, Polen, Rumänien, Portugal oder der Türkei.

Olympia 2016 als mahnendes Beispiel" für Deutschland

Brasiliens Jose Guilherme Toledo (mi.) setzt sich gegen Frankreichs Verteidigung durch

Brasiliens Jose Guilherme Toledo (mi.) setzt sich gegen Frankreichs Verteidigung durch

Nach den Olympischen Spielen 2016, als man unter anderem in der Vorrunde gegen Deutschland gewann und erst im Viertelfinale ausschied, hat Nunes als neuer Coach beim panamerikanischen Vizemeister einen Umbruch eingeleitet. Bei der WM 2017 sah das schon gar nicht schlecht aus. Gegen Spanien scheiterte man im Achtelfinale nur ganz knapp.

Die größten Probleme bescherten den Deutschen 2016 übrigens unter anderem Rückraum-Links Haniel Langaro (Dunkerque) - letzteren kennt Gensheimer aus der französischen Liga. Genau wie Felipe Borges, den "Altstar" im Team. Der 33 Jahre alte Linksaußen (Tremblay) hat in über 200 Länderspielen deutlich über 700 Treffer erzielt.

Gustavo Rodrigues, (US Creteil) ist ein weiterer Akteur aus der französischen Liga, den es zu beachten gilt. Der 23-Jährige spielt im rechten Rückraum und teilt sich dort die Arbeit mit Wisla Plocks Shooter José Toledo. Der wiederum bereitete den Franzosen im Auftaktspiel gewaltige Probleme. Abwehrchef - und auch der wohl größte Star - ist Thiagus dos Santos, der beim FC Barcelona in Spanien spielt.

Ein paar Ausfälle - trotzdem in die Hauptrunde?

Das Fehlen von Leonardo Sampaio Santos, Joao Pedro da Silva und Rogerio Moraes Ferreira tut dem Team jedoch weh. Das sieht auch Nunes so: "Durch die Verletzungsausfälle haben wir nicht mehr die nötige internationale Erfahrung im Kader, junge Spieler müssen ins kalte Wasser geworfen werden. Mal sehen, ob es dennoch reicht." Trotzdem gab der Übungsleiter die Hauptrunde als Ziel aus. Siege über Serbien, Russland und Korea seien realistisch, Deutschland und Frankreich wohl eine Kategorie zu hoch - so zumindest lautet das offizielle Statement des Trainers. Gegen Frankreich stimmte das schon mal nicht wirklich, beim 22:24 (13:16) agierten beide Teams in einem sehr fehlerhaften Spiel auf Augenhöhe.

Europäische Spielweise

Dass die Spielweise der Mannschaft längst nicht mehr der sehr unorthodoxe, offene, wilde Handball ist, der vor einigen Jahren noch von der "Selecao" praktiziert wurde, konnte man im Auftaktspiel eindeutig feststellen. Stattdessen bestachen die Brasilianer im Angriffsspiel vor allem durch geschickte Tempoverschleppungen und große Durchschlagskraft aus dem Rückraum. Ein ruhiger Spielaufbau, eine tief stehende, physisch starke Abwehr und hin und wieder ein Tempogegenstoß - viel europäischer könnte eine Spielphilosophie nicht sein.

Davon durften sich eben auch die Franzosen überzeugen, die sich vor allem in der Anfangsphase extrem schwer taten und gegen die Rückraumwürfe lange kein Mittel fanden. Wenn die DHB-Abwehr gegen die Brasilianer so tief und passiv steht wie die Franzosen zu Beginn, dann könnte sie große Probleme bekommen. Wenn sie aber auf die Schützen rechtzeitig heraustritt, in der Offensive den Ball schnell bewegt und den physischen Deckungsverband auseinanderzieht, sollte sie die Partie für sich entscheiden können. Von Vorteil ist sicher auch der eine Tag, den die Mannschaft von Christian Prokop nun länger regenerieren konnte. Brasilien musste gegen die Franzosen 60 Minuten Vollgas geben.

Deutschland ohne Semper

Die deutschen Handballer müssen gegen Brasilien ohne ihren Rückraumspieler Franz Semper auskommen. Der Linkshänder vom SC DHfK Leipzig steht wegen einer starken Erkältung nicht zur Verfügung. "Er wird leider nicht spielen können. Wir werden seinen Ausfall taktisch lösen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Semper hatte den spielfreien Tag mit erhöhter Temperatur und Schüttelfrost im Bett verbracht und nicht trainiert. Der 21-Jährige spielt sein erstes Turnier mit der Nationalmannschaft und feierte beim lockeren Auftaktsieg gegen Korea (30:19) seine WM-Premiere. Beim dritten deutschen Spiel gegen Russland am Montag (18.00/ARD) soll Semper wieder ins Team zurückkehren.

Stand: 11.01.2019, 22:09

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