Nach Auftaktsieg gegen Uruguay

Deutschlands WM-Debütanten in der Einzelkritik

Von Robin Tillenburg

Für gleich acht Spieler der DHB-Auswahl war der Auftritt gegen Uruguay das erste Länderspiel bei einer Weltmeisterschaft. 31 der 43 Treffer gingen dabei auf das Konto der Neulinge.

David Schmidt: Vielleicht sein bestes Länderspiel

Schon bei der EM 2020 hatte der Halbrechte vom Bergischen HC Turnierluft in der A-Nationalmannschaft geschnuppert. Mit fünf Toren bei fünf Versuchen legte der 27-Jährige nach seiner Einwechslung für Kai Häfner eine für einen Rückraumspieler überragende Quote aufs Parkett. Schmidt war offensiv der gefährlichste deutsche Spieler an diesem Tag, ging schnörkellos und mit viel Wucht gerade auf die Deckung und nutzte jeden Moment, indem die nicht auf ihn heraustrat. Machte viel Werbung für eine Rolle als Häfner-Vertreter - oder vielleicht sogar mehr.

Juri Knorr: Selbstbewusst und torgefährlich

Knorr war direkt mit seiner ersten Offensivaktion erfolgreich. Der erste Nationalspieler aus dem Jahrgang 2000 verteilte als "klassischer Spielmacher", wie Bundestrainer Alfred Gislason ihn bezeichnete, den Ball nicht nur, sondern zeigte sich frech und selbstbewusst im Abschluss. Vier Treffer bei fünf Versuchen, teilweise ansatzlose Schlagwürfe. Der künftige Rhein-Neckar-Löwe deutete sein Potenzial mehrfach an. In der Defensive kam er auf der Halbposition das ein oder andere Mal etwas zu spät. Der Bundestrainer war trotzdem sehr zufrieden: "Er kommt rein und macht seine Sache sehr gut. Macht sofort richtig Druck zum Tor. Er hat auch seine Fehler gemacht. Für sein Alter ist er sehr, sehr weit. Ich bin gespannt darauf, ihn gegen deutlich stärkere Gegner zu sehen." Aus dem Mund von Gislason ist das schon ein sehr großes Lob.

Johannes Golla: Hinten gut, vorne geht noch mehr

Deutschlands Johannes Golla beim Wurf gegen Uruguays Keeper Felipe Gonzalez | Bildquelle: dpa/Jens Wolf

Besonderes Augenmerk soll bei diesem Turnier auf der Abwehr liegen, weil der etatmäßige Innenblock mit Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler nicht dabei ist. Johannes Golla ist der neue Abwehrchef und füllte diese Rolle gegen Uruguay zufriedenstellend aus. Klar, der Gegner war kein Maßstab auf höchstem Niveau, aber gerade gegen unkonventionelle Kontrahenten läuft man Gefahr, defensiv mal weniger zuzupacken. Diesen Vorwurf muss sich der Flensburger nicht machen. Der 23-Jährige war präsent, organisierte umsichtig und kam quasi ohne Foul aus. Vorne traf er bei vier Versuchen zweimal, das war in Ordnung.

Sebastian Firnhaber: Auch offensiv eine Alternative

"Flamme" agierte im Innenblock neben Golla unauffällig - kein schlechtes Zeichen für einen Abwehrspieler. Besonders erfreut dürfte das Trainerteam über seine Angriffsleistung gewesen sein. Bei seinen drei Treffern zeigte der 26-Jährige, dass er über ein breites Repertoire an Abschlussvarianten verfügt und offensiv eine Alternative sein kann. Sein Dreher im seitlichen Wegknicken zum 30:8 war eines der sehenswertesten Tore der Partie.

Philipp Weber: Unauffälliger als erwartet

Bei Philipp Weber wünscht man sich weiterhin, dass er seine Torgefahr aus der Bundesliga noch mehr ins Nationaltrikot überträgt. Bei seinem einzigen Tor konnte man den schnellen ersten Schritt und Armzug erkennen, der ihn so gefährlich macht. In anderen Spielen wird er als offensiver Führungsspieler mehr in den Mittelpunkt rücken müssen.

Marian Michalczik: Gutes Entscheidungsverhalten

Michalczik wird das Potenzial bescheinigt, das deutsche Spiel langfristig prägen zu können. Ohne besondere Glanzlichter zu setzen, bewies er bei seinen zwei Toren aber seine Abschlussstärke. Beide Würfe waren gut ausgewählt, clever gesetzt und kraftvoll.

Marcel Schiller: Mehr als ein Ersatzmann

Schiller durfte die komplette zweite Halbzeit den zuvor glücklosen Uwe Gensheimer ersetzen. Seinen ersten Wurfversuch nagelte der Göppinger dann direkt mal ins Fangnetz - deutlich verfehlt. Danach zielte Schiller aber besser, beendete sein WM-Debüt mit fünf Toren und war dabei auch vom Siebenmeterpunkt sicher. Auf Linksaußen hat Deutschland eine hervorragende Alternative zu seinem Kapitän.

Timo Kastening: Bester Schütze

Kastening ist zwar WM-Debütant, mit seinen 25 Jahren und als aktueller deutscher Handballer des Jahres aber kein echter Newcomer. Der Kabinen-DJ legte nicht nur Aufwärmmusik, sondern auch neun Tore auf. In 30 Minuten. Sein daheimgebliebener Teamkollege Finn Lemke von der MT Melsungen bilanzierte am ARD-Mikrofon, Kastening sei "gut gefüttert" worden. Das stimmte, viele seiner Tore waren Tempogegenstöße. Aber auch die müssen erst einmal rein. Und auf schnelle Gegenstöße will Gislason ja ohnehin setzen. Auftrag erfüllt, Kastening knüpfte da an, wo er bei der EM 2020 aufgehört hatte.