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WM-Einzelkritik - Alleskönner Wiede, Sorgenkind Groetzki

Überzeugte nicht immer: Deutschlands Patrick Groetzki

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WM-Einzelkritik - Alleskönner Wiede, Sorgenkind Groetzki

Von Volker Schulte

Auch ohne Medaille haben die deutschen Handballer eine starke WM gespielt. Kapitän Gensheimer ging voran, Wiencek und Pekeler überragten in der Abwehr - andere Spieler hatten Luft nach oben. Die Turnier-Einzelkritik.

Tor

Andreas Wolff: Wird oft an seiner herausragenden EM 2016 gemessen, hat auch selbst den Anspruch, weltbester Torwart zu sein oder zu werden. Wolff zeigte im Spiel um Platz drei noch einmal seine Klasse, spielte insgesamt ein gutes Turnier mit Luft nach oben. Das gilt vor allem für seine Leistung im Halbfinale.

Silvio Heinevetter: Die Nummer zwei im Kader schaffte es trotz Steigerung im Spiel gegen Serbien nicht, an Wolffs Stammplatz zu rütteln. Blieb trotzdem stets kollegial und dadurch wichtiger Part eines homogenen Teams. Hätte mit seiner Parade in der Schlussminute gegen Frankreich zum Bronze-Helden werden können - doch seine Vorderleute verspielten den letzten Angriff.

Kreisläufer

Patrick Wiencek (l.) gegen Brasiliens Felipe Borges (r.)

Patrick Wiencek (l.) gegen Brasiliens Felipe Borges (r.)

Patrick Wiencek: Blockte bei der WM mehr Würfe als alle anderen, auch bei den Ballgewinnen mit großem Abstand bester Deutscher. Wiencek haute sich voll rein, pushte Nebenleute und Publikum - ein herausragendes Turnier des Kielers. Im Spiel um Platz drei allerdings übereifrig und früh mit Rot (38. Minute, dritte Zeitstrafe) vom Feld.

Hendrik Pekeler: Sorgte gemeinsam mit seinem Teamkollegen Wiencek dafür, dass Deutschland eine der besten Abwehrreihen des Turniers stellte. Wie wichtig er für das Team ist, zeigte die Entscheidung von Bundestrainer Christian Prokop, Pekeler im Halbfinale gegen Norwegen trotz zweier Zeitstrafen auf dem Feld zu lassen. Das Risiko wurde nicht belohnt, Pekeler musste mit Rot runter - und eine deutsche Aufholjagd gab es nicht mehr.

Jannik Kohlbacher: In der Abwehr sehr aggressiv und einsatzfreudig, wenn auch nicht immer optimal positioniert. In der Offensive machte er seinem Ruf als Vollstrecker alle Ehre mit einer Trefferquote von 80 Prozent. 24 Tore in zehn Spielen sind gut - aber Deutschland hätte Kohlbachers Qualitäten noch besser einsetzen können.

Rechtsaußen

Patrick Groetzki: Das Sorgenkind im Kader. Bundestrainer Prokop hat ihm keinen Gefallen damit getan, ihm keinen zweiten Rechtsaußen an die Seite zu stellen. Groetzki musste die meiste Spielzeit ableisten und wirkte im Abschluss verunsichert. Gegen Spanien und im Halbfinale gegen Norwegen verwandelte er zwar jeweils seine beiden Würfe, aber im Spiel um Platz drei vergab er gute Gelegenheiten. Im Schnitt kommt Groetzki nur auf 1,8 Tore pro Spiel - Deutschland war über Rechtsaußen deutlich zu harmlos.

Linksaußen

Deutschlands Uwe Gensheimer bejubelt ein Tor

Uwe Gensheimer

Uwe Gensheimer: Bärenstarkes Turnier, auch im Halbfinale und im Spiel um Platz drei mit jeweils sieben Treffern bei acht Würfen voll da. Würdiger Kapitän mit positiver Körpersprache und vollem Ehrgeiz. Gensheimer muss weiter auf seinen ersten großen Titel warten, hat sich aber nichts vorzuwerfen.

Matthias Musche: Hat gezeigt, dass er eine zuverlässige Gensheimer-Alternative ist - sowohl aus dem Spiel heraus als auch von der Siebenmeterlinie. Fast schon schade, aber angesichts von Gensheimers Topform natürlich verständlich, dass der Magdeburger so selten aufs Feld durfte. Hatte gegen Frankreich den möglichen Bronze-Angriff in der Hand - und entschied sich für einen etwas überhasteten Risikopass an den Kreis.

Rückraum rechts

Steffen Weinhold: Der Routinier startete gut ins Turnier, war nach seiner Zerrung im dritten Spiel kurz vor dem WM-Aus, blieb aber im Kader. Doch eine Blitzheilung blieb aus, Weinhold kam erst im Halbfinale wieder zu einem Kurz-Einsatz und spielte auch im Spiel um Platz drei nur eine Nebenrolle.

Deutschlands Nationalspieler Fabian Wiede

Fabian Wiede

Fabian Wiede: "Mein persönlicher Spieler des Turniers", sagt ARD-WM-Experte Dominik Klein über den Berliner. Und Torwart Silvio Heinevetter findet: "Er kann eigentlich alles." Wiede zog im Rückraum die Strippen, bereitete mit Abstand die meisten deutschen Tore vor (39), traf in engen Phasen wuchtig selbst. Bei so vielen Aktionen streuten sich auch Fehler ein, bis zur absoluten Weltklasse fehlen noch ein paar Prozentpunkte. Aber Wiede ist erst 24 Jahre alt, der deutsche Handball wird noch viel Freude an ihm haben.

Franz Semper: Die Überraschung im WM-Kader, der 21-Jährige sollte Erfahrung sammeln und im Idealfall eine Geheimwaffe sein. Doch eine Erkältung schwächte ihn in der Vorrunde, in seinen Einsatzzeiten wirkte Semper noch etwas fahrig. So nahm ihn Prokop zur Hauptrunde aus dem Kader, wechselte in Kai Häfner Erfahrung ein. Sempers Zeit wird kommen.

Kai Häfner: Wie bei der EM 2016 nachnominiert. Damals hatte er enormen Anteil am Titel, auch dieses Mal ohne große Anlaufzeit mittendrin. Steuerte wichtige Treffer bei, traf allerdings nur 37 Prozent seiner Würfe und blieb im Spiel um Platz drei torlos.

Rückraum Mitte

Martin Strobel: Zahlte Prokop das Vertrauen zurück, der Bundestrainer hatte Strobel reaktiviert, obwohl dieser aktuell in der zweiten Liga spielt. Zog in der Vorrunde die Fäden, war auch überraschend torgefährlich. Seine schwere Knieverletzung in der Hauptrundenpartie gegen Island war ein Schock, Strobels emotionale Ansprachen ans Team im Anschluss ein Motivationsschub.

Steffen Fäth

Steffen Fäth

Steffen Fäth: Große Hoffnungen und Erwartungen lasteten auf dem talentiertesten deutschen Rückraum-Schützen. Fäth ließ seine Klasse aufblitzen, hatte aber auch schwache Phasen und verwarf im Halbfinale alle seiner vier Versuche. Seine Trefferquote von 52 Prozent war ausbaufähig.

Tim Suton: Nach Strobels Verletzung nachnominiert, nutzte im sportlich unwichtigen Hauptrunden-Abschlussspiel gegen Spanien die Chance, sich ins Turnier zu spielen. Der 22-Jährige bekam im Halbfinale mehr als 13 Minuten Spielzeit, wirkte dann aber doch beeindruckt bei seiner ersten WM. Im Spiel um Platz drei nur noch knapp fünf Minuten auf dem Feld.

Rückraum links

Paul Drux: Sehr fleißig und engagiert in der Abwehr, kassierte viele Zeitstrafen. Im Angriff immer wieder mit willensstarken Aktionen, traf 21 seiner 33 Würfe (64 Prozent). Starkes Turnier, allerdings auch schwächere Leistungen in wichtigen Partien wie gegen Kroatien und im Halbfinale gegen Norwegen.

Fabian Böhm: Begann gut und wurde immer besser. Der effektivste Rückraumschütze (69 Prozent) und mit 24 zweitbester Torjäger (gemeinsam mit Wiede und Kohlbacher). Böhm übernahm in wichtigen Phasen Verantwortung, überragte im Halbfinale, traf im Spiel um Platz drei aber nur einen seiner drei Versuche.

Finn Lemke: War Ersatzmann für den Fall, dass einer der beiden Kieler Abwehr-Stammspieler Pekeler/Wiencek eine Pause brauchte. Bekam im Halbfinale und im Spiel um Platz nach Roten Karten für Teamkollegen viel Spielzeit, machte seine Sache gut. Die beiden bitteren Niederlagen konnte er aber nicht verhindern.

Stand: 26.01.2019, 17:52

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