Machtkampf beim DFB: Das Entsetzen an der Basis

Um ihn wird es einsam: Fritz Keller

Führungskrise

Machtkampf beim DFB: Das Entsetzen an der Basis

Von Frank Hellmann

Die Corona-Pandemie stellt den deutschen Fußball vor historische Herausforderungen. Der monatelang tobende Machtkampf vergrößert das Unverständnis an der Basis. Der DFB und sein Präsident Fritz Keller sind wie gelähmt.

Es ist ja nicht so, dass die Topfunktionäre im Deutschen Fußball-Bund (DFB) komplett den Bezug zur Basis verloren haben. Rainer Koch, der gleichermaßen als Vizepräsident Recht und Amateure, als Chef des Bayrischen und Süddeutschen Fußball-Verbandes und auch als deutscher Vertreter im UEFA-Exekutivkomitee fungiert, pflegt sein Facebook-Profil sehr regelmäßig. Mitunter antwortet der Jurist auf Anmerkungen und Einlassungen unmittelbar, oft erfolgt eine Klarstellung in aller Ausführlichkeit.

An der Basis rollt gerade im Spielbetrieb kein Ball

Daher weiß Koch, 62, auch, was gerade die knapp 25.000 Vereine am meisten beschäftigt. Und das ist nun einmal nicht der seit Monaten tobende Machtkampf an der DFB-Spitze, sondern der für die Basis deutlich folgenschwerere Lockdown. Weiterhin wird Freiluftsportarten wie dem Fußball in Deutschland oberhalb der ominösen 100er-Inzidenz keine Öffnungsperspektive vermittelt, weiterhin rollt abseits des Profibetriebs kein Ball im Wettkampf.

Und mit der bundesweiten Notbremse hat sich die Situation für viele Klubs seit zwei Wochen noch einmal verschlimmert, weil selbst Kinder und Jugendliche nur in Gruppen bis zu fünf Personen zusammenkommen dürfen. Vor fünf Tagen gab Koch sein Statement dazu ab, aus dem einiges an Unverständnis über die Politik sprach: "Nahezu alle Expert*innen-Meinungen und harten Fakten werden erneut negiert. Bis heute kann niemand erklären, warum in der Schule getestete Kinder nicht auch am Nachmittag in größeren Gruppen und ohne Altersbeschränkung gemeinsam unter Aufsicht sowie unter Einhaltung der etablierten Hygienekonzepte trainieren dürfen. Der Sport gibt Menschen Bewegung und Lebensfreude zurück, ganz besonders Kindern und Jugendlichen. Das bleibt ihnen mit dieser Regelung faktisch verwehrt und hat drastische Folgen - für Körper und Psyche, aber auch für den Unterbau in unseren Vereinen."

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Der Verband stiftet keinen Halt

Viele Klubs stehen in der Pandemie vor existenziellen Problemen: Ohne Trainings- und Spielbetrieb kein Vereinsleben, ohne Vereinsleben keine Einnahmen. Die Ausweglosigkeit zermürbt viele Akteure, auch die Heerscharen im Hintergrund fühlen sich vor den Kopf gestoßen, wenn ungestört große Gruppen von Jugendlichen im Park kicken, aber jedes Spiel auf dem Sportplatz verboten bleibt. Es geht um die langfristige Bindung von den Ehrenamtlichen, die den Amateurfußball mit ihrem Engagement tragen.

Erneuter Höhepunkt in der DFB-Krise - Keller steht vor Rücktritt Mittagsmagazin 03.05.2021 02:21 Min. Verfügbar bis 03.05.2022 Das Erste

Was es jetzt bräuchte, wäre ein starker und geschlossener Verband, der sich als Vertreter von mehr als sieben Millionen Mitgliedern öffentlich klar positionieren könnte. Der seine Verbindungen in die Politik spielen lassen könnte, der seine Rolle in der Gesellschaft erfüllen müsste, um sich als Anwalt eines Fußballs für alle zu betätigen. Stattdessen lähmen die erbitterten Grabenkämpfe die Spitzenleute. Dabei gäb es viel Wichtigeres.

Aus Nordrhein-Westfalen kam eine Steilvorlage

Es müsste ja hellhörig machen, wenn Christoph Niessen vom Landessportbund Nordrhein-Westfalen in einem Interview mit dem Deutschlandfunk in Richtung der Bundesregierung sagt: "Mein Gefühl ist, zu Beginn der Pandemie hat man das mit der Fußball-Bundesliga geregelt, und wenn abends die Sportschau läuft, dann herrscht im Bundeskabinett der Eindruck, mit dem Sport läuft es doch irgendwie. Aber das ist ein Prozent des Sports. 99 Prozent der Wertschöpfung werden in den Sportvereinen erbracht." Starke Worte.

An dieser Stelle hätte der DFB, wenn er die Sorgen und Nöte ernst nehmen wurde, Unterstützung leisten können, ja hätte nachlegen müssen. Es wurde immer mal angekündigt, dass der Verband vorangeht, um vertretbare Öffnungsschritte an der frischen Luft voranzutreiben. Mit Initiativen, die sich gegen den Stillstand wehren. Passiert ist nicht viel. Zu sehr beschäftigt sich die gesamte Führungsriege mit offenen Machtfragen, geht gegenseitig aufeinander los und bricht sogar mit Tabus: Der unsägliche Nazi-Vergleich, den Präsident Fritz Keller für seinen Kontrahenten Koch wählte, zerrüttet viele Werte, die der Verband in seinen Sonntagsreden immer erwähnt: Respekt, Toleranz, Fairplay, Zusammenhalt.

Schon gibt es eine Kandidatenliste

Nach der Konferenz der Präsidenten der Landes- und Regionalverbände in Potsdam wird Kellers Rücktritt offiziell mit deutlicher Mehrheit gefordert. Der 64-Jährige muss für sich ausloten, wie lange er das Kreuzfeuer der Kritik noch aushält. Auch wenn sein Intimfeind, Generalsekretär Friedrich Curtius, ebenfalls seines Amtes enthoben werden soll, sind auch Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge mit je 13 Gegenstimmen nicht unerheblich beschädigt.

Von den mehr als 400 Mitarbeitern im Frankfurter Stadtwald gibt es nicht wenige, die sich einen kompletten Neuanfang wünschen. Dagegen wehrt sich aber beispielsweise Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg. Die Dauerbrennerin im Präsidium warnte beim Krisentreffen am Templiner See davor, dass der DFB dann handlungsunfähig sei. Aber so wie jetzt geht es auch nicht weiter.

Der Sportinformationsdienst hat am Montag (03.05.2021) gleich mal erste Kandidaten fürs Präsidentenamt gehandelt: Karl-Heinz Rummenigge, Christian Seifert, Rudi Völler, Philipp Lahm. Oder mal eine Frau? Dagmar Freitag, die Sportausschussvorsitzende im Bundestag? Nadine Keßler, die UEFA-Chefin für den Frauenfußball? Noch aber ist Keller ja da. Der schwer angezählte Chef will offenbar erst die Einlassungen der Ethikkommission zu seinem Nazi-Vergleich abwarten, bevor er sich zu seiner Zukunft äußert.

Entscheidung im DFB-Vorstand wäre Kampfabstimmung

Trifft er keine Entscheidung, muss der DFB-Vorstand entscheiden, die Zerreißprobe würde in ein noch größeres Gremium verlagert. Es könnte auf eine Kampfabstimmung mit etlichen Verlierern hinauslaufen. Dass erst ein außerordentlicher Bundestag die Machtfrage entscheidet, soll eigentlich verhindert werden. Beugt sich der preisgekrönte Winzer dem öffentlichen Druck, würden zuerst die beiden DFB-Vizepräsidenten übernehmen: also ein drittes Mal Strippenzieher Koch und Peter Peters als Stellvertretender Sprecher des Präsidiums der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Doch wer sich in den Fußball-Vereinen mal umhört, bekommt schnell zur Antwort, dass Keller nicht als der alleinige Sündenbock taugt, weil auch die Gegenseite sich mit den dubiosen Verträgen für den Medienberater Kurt Diekmann, die ab Frühjahr 2019 mal annähernd eine halbe Million Euro gekostet haben sollen, angreifbar gemacht hat. Die Landesfürsten drängen jetzt auch General Curtius auf eine baldige Abberufung, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) will den 44-Jährigen schon seit geraumer Zeit bei keiner Sitzung mehr dabei haben. Dem Intrigen-Stadl DFB traut nicht mal der Nachbarverband in Frankfurt mehr über den Weg.

Zerwürfnis statt Solidarität

Eine Kampfabstimmung über die Führungsriege im DFB-Vorstand, wo die zwölf DFL-Vertreter eine doppelte Stimme besitzen, könnte gerade bei der Causa Koch spannend werden. Das gesamte Ansehen ist im doppelten Wortsinne im Keller. Ein Präsident, der eigentlich mal die Klammer zwischen Amateuren und Profis, zwischen Männern und Frauen geben sollte, weil er sich beim SC Freiburg glaubhaft für all diese Belange eingesetzt hat, hat die Gräben vergrößert statt verkleinert.

Die Corona-Krise sorgt ohnehin für Distanz auf allen Ebenen, der Sport bildet da keine Ausnahme. Doch dass sich der weltweit größte Sportfachverband seine heftigsten Gefechte mitten in einer Zeit leistet, in der eigentlich Solidarität gefragt wäre, kann keiner verstehen, der das Vereinsheim um die Ecke früher regelmäßig aufgesucht hat.

mit dpa, sid | Stand: 03.05.2021, 13:34

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