England und die Super League - ein Sieg der Fans

Fans von Chelsea protestieren vor Spielbeginn gegen die geplante Super League.

Reaktionen aus der Premier League

England und die Super League - ein Sieg der Fans

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Die englischen Vereine haben die Wucht des Widerstands gegen die Super League offenbar völlig unterschätzt. Nach ihrem Rückzug keimt die Hoffnung, dass sich der Fußball auf der Insel ändert.

Die Banner werden also doch wieder ausgelegt auf den Rängen von Anfield. Der FC Liverpool war einer von sechs englischen Klubs, die ihre Teilnahme an der europäischen Super League zugesagt und damit allgemeine Empörung ausgelöst hätten. Eine Fangruppe, die bei Heimspielen dafür zuständig ist, die in der Corona-Pandemie menschenleere Kop-Tribüne in den Vereinsfarben zu schmücken, kündigte an, dem Klub diese Form der Unterstützung aus Protest zu entziehen.

Sehr zum Unmut von Trainer Jürgen Klopp, der nicht einsah, warum seine Spieler für etwas bestraft werden sollten, für das sie nichts könnten. Nachdem Liverpool und die anderen Mitglieder der so genannten Big Six – Manchester City, Manchester United, Tottenham Hotspur, FC Arsenal und FC Chelsea - ihren Rückzug aus der Super League verkündet haben, vollzog auch die Fan-Organisation eine Kehrtwende und machte bekannt: Die Banner bleiben.

Chelsea und City galten ohnehin nicht als überzeugt

Der internationale Fußball hat ein Beben erlebt seit der Ausrufung der Super League, mit England als Epizentrum, denn die Teilnehmer aus der Premier League machten die Hälfte der zwölf Gründungsmitglieder aus. Die Geschehnisse auf der Insel in den 48 Stunden danach brachten das Gebilde zum Einsturz. Während Hunderte Chelsea-Fans vor dem Stadion an der Stamford Bridge protestierten, sickerte die Meldung durch, dass der Verein am Rückzug aus der Super League arbeitet.

Es war der erste Dominostein, der fiel, kurz darauf sagte Manchester City seine Teilnahme ab (Chelsea und City galten ohnehin als nicht besonders überzeugt von dem Projekt). Später in der Nacht waren dann alle englischen Vertreter raus. Beschämt mussten sie eingestehen, dass sie sich kolossal verschätzt hatten. 

Ihre Abkehr von der neuen Liga geschah nicht freiwillig, sondern wegen des massiven Widerstands auf der Insel. Die britische Regierung, die Premier League und der Verband FA, Fan-Gruppen und Spieler wie James Milner (Liverpool) und Marcus Rashford (Manchester United) hatten sich gegen die Super League gestellt. Sogar die beiden wohl prominentesten Trainer des angedachten Wettbewerbs, Jürgen Klopp (Liverpool) und Pep Guardiola (Manchester City), begaben sich in die Opposition. Sie seien bei der Entscheidung der Klubbesitzer vor vollendete Tatsachen gestellt worden, ließen sie wissen.

Blamierte Eigentümer

Die (überwiegend) im Ausland ansässigen Eigentümer der Vereine stehen blamiert da. Wenn das Chaos der vergangenen Tage einen Nutzen hatte, das ist die Sichtweise auf der Insel, dann den, dass die englische Fußball-Öffentlichkeit so offen wie nie die Interessen der Eigentümer vor Augen geführt bekommen hat - nämlich die grenzenlose Gier nach immer mehr Geld und Macht, ohne Rücksicht auf die Konkurrenz, die eigenen Fans und führende Angestellte wie Klopp und Guardiola, geschweige denn auf Konzepte wie "Tradition" oder "Geschichte".

Der Rückzug der Big Six wird als Erfolg des Fußballs über den Kommerz gefeiert. "Die Klubs beugen sich dem Druck der Fans", verkündete die "Times" auf ihrer Titelseite, die "Daily Mail" schrieb von der "Niederlage für die Gier". Doch so einfach ist es nicht. Die englischen Klubs wurden ja nicht über Nacht von einer Clique von Geschäftsleuten und Oligarchen gekapert.

Investoren mit offenen Armen empfangen

Stattdessen hat die Premier League Investoren aus dem Ausland wie den russischen Öl-Milliardär Roman Abramowitsch (Chelsea), John W. Henry und seine Fenway Sports Group aus Boston (Liverpool) und Scheich Mansour aus Abu Dhabi (Manchester City) stets mit offenen Armen empfangen. Auch die Fans waren weitgehend kritiklos, solange der sportliche Erfolg stimmte. Dass die Eigentümer ihre Klubs in eine geschlossene Elite-Liga führen wollten, ist kein plötzlicher Tabubruch - sondern die Konsequenz einer langen Entwicklung.

In den vergangenen Tagen könnte aber etwas in Bewegung geraten sein in England, eine Gegenrevolution. Die konservative Regierung, im Normalfall nicht als Freund des kleinen Mannes bekannt, will mit einer lange angekündigten Untersuchung der Klubstrukturen im englischen Fußball beginnen und drängt auf Reformen. Die Rede ist sogar davon, sich künftig am deutschen 50+1-Modell zu orientieren.

Gary Neville, Ex-Profi von Manchester United und eine Art Klassensprecher der Super-League-Gegner, sagte: "Wir müssen hart dafür arbeiten, um sicherzustellen, dass sich die Regeln für Eigentümer ändern." Die erzwungene Umkehr der Big Six soll "ein Katalysator für den Wandel" werden. Steve Parish, Vorstand von Mittelklasse-Klub Crystal Palace, sagte im "BBC"-Interview: "Es waren zwei fantastische Tage für den Fußball. Hoffentlich können wir das nutzen. Lasst uns hier nicht ausruhen!"

"Wir haben euch gehört"

Die Eigentümer der Big Six sind isoliert, als Urheber eines Coups, um den Fußball zu stehlen”, wie es Parish formulierte, und versuchen verzweifelt, den Schaden zu begrenzen. John W. Henry bat die Liverpool-Fans per Videobotschaft um Entschuldung und sagte: "Wir haben euch gehört. Ich habe euch gehört." Warum keine Konsultation mit dem Publikum vor dem beabsichtigten Beitritt zur Super League stattgefunden hatte, erklärte er nicht.

Liverpool-Besitzer Henry: "Ich möchte mich bei allen entschuldigen" Sportschau 21.04.2021 00:44 Min. Verfügbar bis 21.04.2022 Das Erste

Henrys Fenway Sports Group hat dem FC Liverpool den Champions-League-Titel 2019 und im vergangenen Jahr die erste Meisterschaft seit 30 Jahren gebracht, die Infrastruktur des Vereins gestärkt mit dem Ausbau des Anfield-Stadions und der Errichtung eines neuen Trainingszentrums, doch zum wiederholten Mal brachte das Unternehmen die Gefolgschaft gegen sich auf.

Liverpool-Ikone Jamie Carragher kann sich deshalb keine Zukunft für die Besitzer bei dem Klub vorstellen: "Ich sehe nicht, wie sie einfach weitermachen können." Neville äußerte sich ähnlich über die US-amerikanischen Eigentümer von Manchester United - und sprach aus, was viele Fans schon seit der Übernahme des Vereins vor 16 Jahren propagieren: "Die Glazers haben keinen Platz mehr in Manchester." Ed Woodward, als Vizepräsident eine Art Statthalter im Old Trafford, hat seinen Abschied schon bekannt gegeben.

"Es gibt keine selbstlosen Milliardäre"

Allerdings ist schwer vorstellbar, dass sich der englische Fußball vom Turbokapitalismus abwendet, der die heimische Liga zur reichsten und attraktivsten Spielklasse der Welt gemacht hat. "Wer sollen die 'guten' Besitzer sein, die es sich erlauben können, in der Premier League einzusteigen?", fragte bei Twitter der "Guardian"-Journalist Barney Ronay - und gab die Antwort selbst: "Niemand. Es gibt keine selbstlosen, an der Gemeinschaft interessierten Milliardäre." Die "Times" gab eine zuversichtlichere Einschätzung ab: "Der Kampf gegen schlechte und fehlgeleitete Eigentümer ist lange noch nicht vorbei. Aber es gibt Hoffnung. Die Widerstandsbewegung ist bereit." Das haben die vergangenen Tage deutlich gemacht.

Stand: 21.04.2021, 14:07

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