EM-Playoffs: Schottlands langer Fluch

Jubel bei Schottland nach dem Sieg im Halbfinale gegen Israel im Hampden Park in Glasgow

EM-Qualifikation

EM-Playoffs: Schottlands langer Fluch

Von Christian Mixa

Schottland kann sich beim Europameisterschafts-Playoff-Duell gegen Serbien erstmals nach 22 Jahren wieder für ein großes Turnier qualifizieren. Für den Fall, dass der historische Sieg gelingt, fordert eins von Schottlands Fußball-Idolen sogar, die Pubs wieder zu öffnen.

Der "Herald", eine der großen schottischen Zeitungen, haute nochmal einen raus, einen Tag vor dem Spiel gegen Serbien am Donnerstag (12.11.2020): "Durchblick behalten im Kriegsnebel von Belgrad", titelte er in seiner Online-Ausgabe. Im Bild zu sehen war ein zuversichtlich lächelnder Nationalcoach Steve Clarke, auf einem Trainingsplatz in Belgrad, der in diesem Moment tatsächlich von einer dicken Nebelsuppe umgeben war. Ein bisschen martialische Rhetorik ist offenbar angebracht, schließlich haben die Schotten die große Chance, sich nach 22 Jahren wieder für ein großes Turnier zu qualifizieren.

Schottland und das große Scheitern

1998 schaffte Schottland die Qualifikation zur WM in Frankreich, wo es sich dann für lange Zeit von der großen Bühne verabschiedete: ohne Sieg und mit einer weiteren bitteren Enttäuschung, ein 0:3 gegen Marokko besiegelte das erneute Vorrunden-Aus. Das Scheitern bei großen Turnieren zieht sich durch Schottlands Fußballgeschichte: Als größtes Trauma gilt bis heute die WM 1978, als eine hoffnungsvolle schottische Auswahl in der Vorrunde den Vize-Weltmeister Niederlande mit Neeskens, Rep und Rensenbrink bezwang, aber dennoch am Ende nach Hause fuhr, weil es gegen den WM-Neuling Iran nur zu einem 1:1 reichte.

Zuletzt waren die "Bravehearts" 2007 ganz nahe dran an einem großen Turnier, scheiterten dann aber im letzten Spiel der EM-Qualifikation gegen Italien, höchst unglücklich, nach einem umstrittenen Freistoßtor der Italiener in der Nachspielzeit. Im Anschluss setzte sich die Serie von Niederlagen fort, die selbst die "Tartan Army", die unerschütterlichen schottischen Fans, mehr und mehr desillusioniert zurückließ.

Hoffen auf EM-Heimspiel im Hampden Park

Doch mit dem Einzug in die Playoffs, über den Umweg der Nations League, ist in Schottland der Glaube zurückgekehrt und der Rückhalt von Fans und Medien, den auch Nationaltrainer Steve Clarke zuletzt gefordert hatte: Der Bezahlsender Sky, auf der Insel im Besitz der Exklusiv-Rechte für die Qualifikationsspiele, lässt das entscheidende Duell gegen Serbien für alle auf einem frei empfangbaren Kanal laufen. Die Schotten sind tatsächlich nur noch einen Sieg vom großen Ziel entfernt - und von einer EM-Vorrundengruppe, die unter anderem im heimischen Hampden Park ausgetragen werden soll.

Die Corona-Pandemie hat dabei viel vom möglichen Schrecken eines K.o.-Spiels in Belgrad genommen, das nun vor leeren Rängen ausgetragen wird. Die Serben sind dennoch in der Favoritenrolle, auch wegen des hochkarätiger besetzten Kaders. Bei den Schotten sind Kapitän Andy Robertson von Liverpool und Arsenals Kieran Tierney die einzigen Spieler, die bei Topklubs in der Premier League unter Vertrag stehen. In Schottlands Abwehrreihe stehen neben Tierney zwei Spieler aus Motherwell. Lyndon Dykes, große Mittelstürmerhoffnung, spielt beim englischen Zweitligisten Queens Park Rangers. Dafür steht gegen Serbien Stuart Armstrong nach Corona-Isolation im Oktober wieder zur Verfügung, Mittelfeldantreiber und eine feste Größe beim FC Southampton. Hinzu kommt die übliche Auswahl an Spielern von Celtic und Rangers. Alle jung, hungrig, aber eben auch ohne größere internationale Erfahrung.

Schottland mit neuem Selbstbewusstsein

Die Stärke der Schotten liegt klar in der Defensive, auch dies ein erkennbarer Fortschritt gegenüber vergangenen Qualifikationskampagnen, und im starken Teamgeist der jungen Auswahl. Die Spieler lobten immer wieder die Stimmung im Team, auch zuletzt bei den vielerorts unpopulären Länderspielreisen während der Pandemie, und vor allem die Ausstrahlung von Nationaltrainer Clarke, lange Jahre Assistenzcoach bei Chelsea und Liverpool.

Das Selbstbewusstsein bei den Schotten ist da nach acht Spielen in Folge ohne Niederlage, zuletzt gab es einen überzeugenden Erfolg gegen Tschechien. Auch mental fühlen sie sich gut gerüstet für das wichtigste Spiel seit langem. Schon im Halbfinale der Playoffs Anfang Oktober gab es gegen Israel einen Krimi, bei dem sie am Ende im Elfmeterschießen die Nerven behielten. Gegen Serbien wollen die Schotten nun den letzten, historischen Schritt machen, und den 22 Jahre alten Fluch vertreiben.

Kapitän Robertson: "Wir sind fest entschlossen"

"Die Fans, die Tartan Army, sie haben es einfach verdient, nach so langer Zeit", sagte Kapitän Robertson und erinnerte dabei an die lange Reihe seiner erfolglosen Vorgänger im Kapitänsamt: "Sie alle haben das große Ziel nicht geschafft, das schottische Team bei einem großen Turnier anzuführen. Für mich ist das aber das Einzige, was zählt. Wir haben unser großes Ziel vor Augen, alle Jungs sind fest entschlossen."

"Die Qualifikation wäre etwas Großartiges, für das ganze Land", sagte Liverpools Legende Kenny Dalglish vor dem Showdown gegen Serbien in der "Evening Times". Im Falle eines Sieges forderte Dalglish sogar die Aufhebung der Corona-Sperrstunde in seiner Heimat: "Wenn wir es tatsächlich schaffen, dann hoffe ich, dass die Pubs wieder öffnen dürfen. Damit wir es alle feiern können."

Stand: 11.11.2020, 12:00

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