Polen mit Fehlstart in die EM Polen - das "System Lewandowski" kollabiert erneut

Stand: 14.06.2021 21:16 Uhr

Polen hat zum EM-Auftakt überraschend gegen die Slowakei verloren. Stürmerstar Robert Lewandowski konnte seine Qualitäten kaum unter Beweis stellen. Die Gründe hierfür sind bekannt, aber kaum zu beheben.

Von Jörg Strohschein

Man konnte Robert Lewandowski die Verzweiflung ansehen. Er diskutierte mit seinen Mitspielern, ließ den Kopf hängen und verhedderte sich immer wieder in Zweikämpfen. Sein Aufwand war groß, der Ertrag nicht. Der 32-Jährige versuchte beim 1:2 zum EM-Auftakt am Montag (14.06.2021) in St. Petersburg gegen die Slowakei alles - aber auch deutlich zu viel.

Lewandowski ist der Superstar seines Teams. Und diese Rolle wollte er unbedingt annehmen. Als Fixpunkt im Sturmzentrum. Dort soll er torgefährlich sein, aber auch den Ball behaupten und seine Mitspieler nachrücken lassen. Beim FC Bayern funktioniert das "System Lewandowski" seit Jahren nahezu perfekt. Allerdings hat er dort Mitspieler, die allesamt auf höchstem internationalen Niveau mithalten können.

Lewandowski wie ein Einzelkämpfer

Beim polnischen Team ist Lewandowski allerdings der einzige, der diesen Nachweis bislang erbringen konnte. Seine 41 Tore in der Bundesliga, seine 15 Treffer in einer Champions-League-Saison und die Wahl zum Weltfußballer des Jahres machen seine Ausnahmefähigkeiten deutlich. Allerdings bleibt Fußball ein Teamsport: Und dort beginnt das Problem. Anders als bei den Bayern fehlt seinen Mitspielern in der Nationalmannschaft größtenteils das internationale Format - und Lewandowski fehlen damit die Zuspiele, die er in München so traumhaft sicher verwandelt.

Der Angreifer wirkte gegen die Slowakei häufig als Einzelkämpfer, der viel wollte, aber wenig umsetzen konnte. Auch weil die zentralisierte Herangehensweise von Trainer Paulo Sousa leicht auszurechnen ist. Der slowakische Innenverteidiger Milan Skriniar gab eine Art Manndecker, wich Lewandowski kaum von der Seite. Und kam der Ball in die Nähe des Angreifers, gesellte sich zu Škriniar mindestens ein weiterer Mitspieler hinzu, um den Polen zu stören.

Lange Liste von Turnier-Enttäuschungen

Fünf Torschüsse aus wenig viel versprechenden Situationen gab Lewandowski ab, aber keiner davon entwickelte Torgefahr. Um sich der engen Bewachung zu entziehen, versuchte Lewandowski immer wieder, sich ins Mittelfeld oder auf die Außenpositionen fallen zu lassen. Sogar in der hektischen Schlussphase, als die Polen in Unterzahl nach der gelb-roten Karte für  Grzegorz Krychowiak (62.) noch versuchten, zumindest den Ausgleich zu erzwingen. "Es ergibt wenig Sinn, wenn Lewandowski sich auch noch auf die linke Seite fallen lässt", sagte Sportschau-Co-Kommentator Thomas Broich.

Allerdings existiert dieses Problem schon länger. Bei der WM 2018 in Russland traf Lewandowski nicht. Bei den Europameisterschaften 2012 und 2016 erzielte er jeweils einen Treffer.  Bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 war Polen erst gar nicht dabei. Einziger größerer Erfolg war die EM 2016, als die Polen erst im Elfmeterschießen gegen den späteren EM-Gewinner Portugal im Viertelfinale ausschieden.

Nach dem ersten Auftritt bei dieser pan-europäischen EM scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Am Samstag müssen die Polen in Sevilla gegen Spanien antreten. Vielleicht schon die letzte Chance, um sich für die nächste Runde zu qualifizieren - und für Robert Lewandowski, um seine außergewöhnlichen Stärken auch mal im Nationaltrikot zeigen zu können.