Kosovo und die historische Chance

Milot Rashica jubelt nach Kosovos Sieg gegen Bulgarien

EM-Qualifikation

Kosovo und die historische Chance

Von Frank Hellmann

Der Bundesligaprofi Milot Rashica und seine Weggefährten haben einen Traum: mit der kosovarischen Nationalmannschaft an der EM 2020 teilnehmen. Die Chancen stehen nicht schlecht, wenn das Heimspiel gegen Montenegro am Montag (14.10.2019, 20.45 Uhr) gewonnen wird.

Erst am vergangenen Sonntag hat Milot Rashica einen Elfmeter humorlos in die Maschen gejagt. Es lief schon die Nachspielzeit im Frankfurter Stadtwald, als sich der junge Kosovare die Kugel schnappte. Ihn schienen nullkommanull Selbstzweifel zu plagen, ob er jetzt den 2:2-Ausgleich für Werder Bremen im Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt erzielen würde. Draußen an der Seitenlinie stand sein Trainer Florian Kohfeldt und schaute nur zu. Sein etatmäßiger Elfmeterschütze Davy Klaassen, gefoult vom Frankfurter Makoto Hasebe, wurde mit schmerzverzerrtem Gesicht behandelt, aber die Rangfolge dahinter war offen. Wer sich gut fühlt, sollte antreten.

Warum ein 23 Jahre alter Stürmer, der erst kürzlich aus seiner Verletzungspause kam, mit so prall gefülltem Selbstbewusstsein antrat, konnte Kohfeldt gut erklären. "Milot hat das wichtigste Spiel seines Lebens vor sich. Da geht es um alles. Die Nationalspieler können in ihrer Heimat zu Helden werden", sagte der 37-Jährige. Und deshalb wollte sich Rashica einfach eine Portion Zutrauen abholen. Hat er mit seinem 15. Scorerpunkt in diesem Kalenderjahr geschafft. Der Werder-Coach weiß aus den Gesprächen mit seinem raketenschnellen Angreifer, was ihm die Nationalelf bedeutet.

Applaus in England

Bisher kommt die EM-Qualifikation des Kosovo, einem Land so groß wie Niederbayern, weniger Einwohner als Hamburg, einer Traumreise gleich: Mit dem 1:1 und 3:2 gegen Bulgarien, 2:1 gegen Tschechien und 1:1 gegen Montenegro hat der Außenseiter schon acht Punkte auf dem Konto. Als die Partie beim übermächtigen Favoriten England anstand, nahmen die Akteure ihr Herz in beide Hände.

Der Widerstand bei der 3:5-Niederlage wirkte so tapfer, dass es gar nicht den britischen Sportsgeist für den vielen Beifall damals in Southampton gebraucht hätte. Nun tritt das Team des Schweizer Cheftrainers Bernard Challandes am Montag zu Hause gegen Montenegro an. Bei einem Sieg wäre die Ausgangsposition bestens. Vieles deutet auf ein Endspiel um die EM-Zulassung zwischen Tschechien und Kosovo am 14. November in Pilsen hin.

Hintertür über die Playoffs

Doch selbst wenn es dann für den stolzen Underdog schiefgehen sollte, würde der Traum weiterleben. Weil die Mannschaft ihre Gruppe D in der Nations League gewonnen hat, wäre sie im März bei den Playoff-Spielen für die restlichen vier EM-Tickets dabei. Zupass kommt dem Team offenbar die eher unkonventionelle Marschroute, die der 68 Jahre alte Challandes ausgibt. "Es geht nicht um die Taktik, nicht um die richtigen Laufwege. Es geht darum, den Ball zu gewinnen und ein Tor zu erzielen." Seine Devise: "Wir müssen ein bisschen Verrücktheit an den Tag legen und viel Leidenschaft."

Nur so perlen auch die Widerstände an Profis ab, die eher zweit- als erstklassig spielen. Der Dribbler Rashica, der sich kommenden Sommer zu einem größeren Klub aufmachen könnte, wenn seine Entwicklung anhält, ist die Ausnahme. Erst 2012 gestattete der Weltverband FIFA, dass der Kosovo Freundschaftsspiele austragen darf. Ohne Nationalflagge, ohne Nationalhymne. Den Auftakt machte ein 0:0 gegen Haiti im März 2014.

Die Grenzen verschwimmen

Die Nationalmannschaft von Kosovo vor dem Spiel gegen England

Die Nationalmannschaft von Kosovo vor dem Spiel gegen England

Bis zum ersten Sieg dauerte es weitere zwei Jahre: Im September 2016 gelang ein 2:0 gegen die Färöer Inseln. Inzwischen hatte die UEFA auch die Zulassung für die Qualifikation zur EURO 2020 erlaubt. Seitdem gilt das Fußball-Nationalteam als der Stolz der Balkanrepublik, die erst 2008 die Unabhängigkeit von Serbien erklärte. Mehr als 100 Staaten erkennen diesen Schritt an. Serbien gehört nicht dazu. Die Region war vom Kosovokrieg 1989 bis 1999 schwer gezeichnet worden. An vielen Orten ist die Armut mit Händen zu greifen, die Perspektiven sind düster. Die Grenzen zwischen Sport, Politik und Geschichte zerfließen.

Montenegro ist auch deshalb kein leichter Gegner für Kosovo, weil vor dem Hinspiel im Juni dieses Jahres der serbische Trainer Ljubisa Tumbakovic und zwei seiner in Serbien geborenen Spieler nicht antreten wollten. Der Boykott blieb nicht ohne Folgen: Der Coach musste daraufhin gehen und heuerte nur einen Monat als Nachfolger von Mladen Krstajic bei der serbischen Auswahl an. Aber selbst die offene Ablehnung kann am Selbstwertgefühl der kosovarischen Nationalspieler, zu denen auch die Zweitligaprofis Forent Muslija (Hannover 96), Besar Halimi und Leart Paqarada (beide SV Sandhausen) gehören, nicht mehr rütteln.

"Meine Mitspieler und ich sind bereit, auf dem Platz zu sterben", hat einmal Vedat Muriqi (Fenerbahce Istanbul) voller Pathos erzählt. "Wir versuchen, 1.000 Prozent für dieses Land und dieses Trikot zu geben." Und Atdhe Nuhiu (Sheffield Wednesday) erklärt: "Für den Kosovo zu spielen, ist nicht wie für irgendein anderes Land zu spielen. Die Menschen haben viel gelitten und jetzt können sie ihr Land im Fernsehen sehen." Vielleicht sogar im EM-Sommer 2020, wenn sich ein Turnier über zwölf Städte in ganz Europa verteilt.

Stand: 11.10.2019, 11:30

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