Italien unter Mancini - Attacke statt Catenaccio

Die italienische Mannschaft steht nun für Spielfreude und Offensivfußball.

Erfolg mit neuer Taktik

Italien unter Mancini - Attacke statt Catenaccio

Von Sebastian Hochrainer

Kaum ein Team hat bei der EURO bisher so überzeugt wie Italien. Beim 3:0-Sieg gegen die Türkei hat das Team von Roberto Mancini gezeigt, dass es unter ihm einen ganz anderen Fußball spielt als in früheren Zeiten.

Die Italiener dürften bei ihrem 3:0-Sieg im Eröffnungsspiel gegen die Türkei so einige überrascht haben. Es war klar, dass die Squadra Azzurra eine große Qualität hat, schließlich hatte sie 27 Spiele in Folge nicht verloren vor der ersten Partie der EURO 2020. Aber die Art und Weise hat nicht nur beeindruckt, sondern auch verblüfft. Denn damit stellten die Italiener ihr eigenes Klischee vollständig auf den Kopf.

Mauern nach dem 1:0? Das war einmal

Wer an die Spielweise Italiens denkt, denkt unweigerlich an den Catenaccio. An einen defensiven und destruktiven Fußball auf taktisch höchstem Niveau. Den haben die Italiener über Jahrzehnte geprägt. Der Normalfall: 1:0 in Führung gehen und dann dichtmachen. Damit war die Squadra Azzurra über eine lange Zeit äußerst erfolgreich.

Doch nicht nur die Erfolge sind längst vergangen, mittlerweile ist es auch die Spielweise. Unter Roberto Mancini stehen die Italiener für eine andere Art des Fußballs voller Spielfreude und Angriffslust - und den haben sie gegen die Türkei eindrucksvoll gezeigt. "Es ist ja bekannt, dass wir Italiener taktisch unglaublich gut geschult sind, darauf legt er auch einen großen Wert. Wir wollen kompakt und eng stehen. Aber wir wollen auch guten Offensivfußball spielen, wir haben für beides ja auch die Spieler", sagte Vincenzo Grifo, der im vorläufigen Kader stand, im Sportschau-Interview vor dem EM-Start. "Wir haben gezeigt, dass wir sowohl viele Tore schießen als auch hinten dicht stehen können."

Aufstellung gibt die Richtung vor

Und das auch jetzt im Turnier. Allen voran der Dreier-Angriff. Domenico Berardi, Ciro Immobile und Lorenzo Insigne waren an allen drei Treffern direkt beteiligt. Und dazu initiierten sie eine Vielzahl an Chancen, mit 23 Torschüssen ist Italien die Mannschaft mit den meisten Abschlüssen am ersten EM-Spieltag, bei 21 davon war mindestens einer aus dem Sturm-Trio involviert. Berardi allein kam auf elf Torschussbeteiligungen - bisheriger EM-Bestwert.

"Il magnifico Insigne!" - die italienischen Tore mit Originalkommentar Sportschau 11.06.2021 00:37 Min. Verfügbar bis 11.06.2022 Das Erste

Schon die Tatsache, dass die Italiener mit drei Stürmern auflaufen, macht klar, dass es unter Mancini deutlich offensiver zugeht. 31 Spiele hat er bisher als Nationaltrainer bestritten, 76 Tore erzielte sein Team in dieser Zeit - 2,45 Treffer im Durchschnitt pro Spiel. Auch, weil Mancini nicht nur offensiv spielen lässt, sondern auch, weil er seinen Akteuren Freiheiten gibt. "Er hat die Mentalität der Mannschaft geändert. Er sorgt dafür, dass wir uns auf dem Platz gut fühlen, dass wir keinen Druck spüren. Er hat eine Familie aus uns gemacht", sagte Verteidiger Francesco Acerbi.

Großer Respekt vor der Schweiz

Sollte der neue Attacke-Stil aber doch mal nicht funktionieren, können sich die Italiener nach wie vor auf ihre alte Stärke verlassen. 14 Gegentore gab es erst unter Mancini. 0,45 pro Partie. Die Innenverteidiger-Oldies Giorgio Chiellini sowie Leonardo Bonucci und der Top-Torhüter Gianluigi Donnarumma machen die Defensive nach wie vor zu einem Bollwerk.

Am Mittwoch (16.06.2021) steht für die Italiener, bei denen Mittelfeld-Star Marco Verratti zurückkehren wird, das zweite Spiel der EM an. Bei einem Sieg gegen die Schweiz wären sie das erste Team, das sich für das Achtelfinale qualifiziert. "Das wird ein schwieriges Spiel. Sie haben viele gute Spieler, uns erwartet ein hartes Match", prognostizierte Mancini. "Die Schweiz gehört seit Jahren zu den zehn, zwölf besten Mannschaften der Welt. Sie hat Italien immer in Schwierigkeiten gebracht."

Stand: 15.06.2021, 19:00

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