EURO 2020

England besiegt Deutschland und die eigene Vergangenheit

Von Chaled Nahar

Englands Sieg gegen Deutschland bedeutet für den englischen Fußball auch eine Bewältigung der sportlichen Vergangenheit. Seit Jahren entwickelte sich eine Kultur ums Verlieren, Trainer Gareth Southgate will den Sieg gegen Deutschland nun zum Wendepunkt für eine neue Geschichte machen.

Das Versagen in Spielen gegen Deutschland war über Jahre Kultur in England. Seit dem englischen WM-Sieg 1966 blieben Uwe Seelers Tor mit dem Hinterkopf 1970, die Fehlschüsse vom Elfmeterpunkt durch Stuart Pearce 1990 und Gareth Southgate 1996 oder das nicht gegebene Tor bei der WM 2010 vor allem Material für Werbespots im Fernsehen, die immer gleichen Zeitungsartikel oder Popsongs wie "Football's coming home".

Gareth Southgate ist selbst ein Teil des ewigen Versagens Englands gegen Deutschland. Im Halbfinale der EM 1996 verwandelte er den entscheidenden Elfmeter nicht. Als Trainer der Mannschaft erklärte er den Spielern: "Vergesst die Geschichte, schreibt Eure eigene."

K.o.-Spiele England gegen Deutschland
TurnierRundeSpiel
WM 1966Endspiel4:2 n. V.
WM 1970Viertelfinale2:3 n. V.
WM 1990Halbfinale3:4 i. E. (1:1)
EM 1996Halbfinale5:6 i. E. (1:1)
WM 2010Achtelfinale1:4
EM 2020Achtelfinale2:0

Die Beziehung zur eigenen Fußball-Vergangenheit neu gestalten

Englands Trainer Gareith Southgate: Die Beziehung zur eigenen Fußball-Geschichte neu definieren | Bildquelle: Mike Egerton/PA Wire/dpa

Seit 1966 gewann England kein K.o.-Spiel mehr gegen Deutschland, seit 1996 keines bei einer EM. Vor dem Spiel bemühte sich Southgate, dem Spiel das historische Gewicht zu nehmen. Die Niederlagen gegen Deutschland und die herbeigeredete pathologische Angst vor einem Elfmeterschießen wurde immer mehr zu einem Kulturgut und damit zu einem Problem.

"Die Geschichte ist für die Mannschaft irrelevant", sagte er beim englischen Sender "ITV Sport". "Wir haben Jungs, die in den 2000er Jahren geboren wurden. Denen ist egal, was wir 1970 oder 1990 gemacht haben." Ganz so egal schien es aber doch nicht, in England sind Fußballmomente oft Teil einer kollektiven Erinnerung. "Natürlich sehen sie sich das Zeug an und bekommen ein bisschen Verständnis dafür, aber darüber sprechen wir nicht mit ihnen." Southgate versuchte, das Verhältnis der englischen Nationalmannschaft zu ihrer Fußball-Vergangenheit neu zu gestalten.

"It finally happened" - der englische Kommentar bei Abpfiff Sportschau 29.06.2021 01:05 Min. Verfügbar bis 31.12.2021 Das Erste

Ein Sieg über die immer gleichen Bilder

Siege gegen Deutschland helfen da mehr als Taten. "Diese Mannschaft kann mit diesem Spiel Geschichte schreiben und den Menschen für die Zukunft Erinnerungen an Duelle zwischen Deutschland und England mitgeben, die anders sind als die, mit denen sie in den letzten Tagen überflutet worden sind", sprach Southgate die immer wiederkehrenden Bilder des Versagens an. Nun könnte der Wendepunkt gekommen sein.

Das 2:0 am 29. Juni 2021 im Wembleystadion nimmt dem Team nun einen Teil der Last seiner Geschichte. Die Tore von Raheem Sterling und Harry Kane sowie der unbändige Jubel vom Großteil der trotz Pandemie anwesenden 41.973 Menschen im Stadion wirkten wie Momente der Befreiung von einer Last. Denn nicht nur Deutschland haben sie in dem Moment besiegt - sondern auch die ganzen Bilder, über die sie seit Jahren ständig singen, sprechen und schreiben.

Als das Spiel zu Ende war, lief in Wembley "Sweet Caroline". Southgate nannte das Lied "nicht zu schlagen", es sei "der Wahnsinn". Es wurde 1969 geschrieben, aber an dieser Stelle ist Geschichte wohl auch nicht wichtig.