EURO 2020 - Bis zu 24.000 Kilometer bis ins Finale

Das Flugzeug der portugiesischen Mannschaft bei der EURO 2016 in Frankreich

Reisebelastungen der EM

EURO 2020 - Bis zu 24.000 Kilometer bis ins Finale

Von Chaled Nahar

Die EURO 2020 wird in zwölf verschiedenen Städten in zwölf Ländern Europas ausgetragen. Die Entfernungen bei dieser EM sind für Fans und Mannschaften dadurch teilweise gewaltig - aber eben nur teilweise.

Es gibt Mannschaften, die mit Spielplänen Glück haben. Und es gibt welche, die bei der Auslosung der Endrunde in Bukarest am Samstag (30.11.2019, 18 Uhr) in die Gruppe A zu Gastgeber Italien gelost werden. Eines dieser Teams könnte der am weitesten gereiste Europameister der bisherigen Fußballgeschichte werden. Denn in Gruppe A lauert die logistisch größte Niete.

Drei Mal Baku für ein Team möglich

Wer dort sein zweites Gruppenspiel gegen Italien bestreiten muss, dann Gruppenzweiter wird und es mindestens bis ins Halbfinale schafft, hat einen beachtlichen Reiseplan vor sich: Baku - Rom - Baku - Amsterdam - Baku - London.

Wenn man das am Beispiel des Titelverteidigers Portugal rechnet, kämen mit der ersten Anreise von Lissabon und der Rückreise fast 24.000 Kilometer zusammen. Das entspricht ungefähr der Strecke von einem deutschen Flughafen nach San Francisco und zurück, die nun bei einer "Europameisterschaft" zurückgelegt werden könnten. Es ist das Extrembeispiel des Turniers - aber keineswegs unrealistisch.

Experte: Mannschaften müssen die Belastung steuern

Und das bringt mögliche Ungerechtigkeiten mit sich. Ein Flug zwischen Aserbaidschans Hauptstadt Baku und London dauert sechs Stunden, der Zeitunterschied beträgt vier Stunden. Wer das Viertelfinale in Baku am 4. Juli 2020 gewinnt, trifft am 8. Juli im Halbfinale in London auf eine Mannschaft, die dagegen nur aus Rom anreisen musste. Ein möglicher Nachteil in der entscheidenden Phase des Turniers?

"Grundsätzlich nein", sagt Professor Dr. Wilhelm Bloch, der an der Deutschen Sporthochschule Köln das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin leitet. "Ich sehe da keine Wettbewerbsverzerrung, die Mannschaften müssen die Regeneration nur richtig steuern." Das Entscheidende sei, dass die Spieler nach dem Spiel einen Tag zum Regenerieren hätten. "Sonst kommt die Müdigkeit", sagt Bloch. Dass dadurch Zeit für Training verloren ginge, spiele keine Rolle. "Athletisch und taktisch sind die Spieler vorbereitet." Im Idealfall bleiben die Reisestrapazen für die Spieler also nervig. Aber was ist mit den Fans?

Die Belastungen sind auch für Fans unfair verteilt

Zwar hat jeder Ort seine Nachteile, denn in jeder der zwölf Städte gibt es teure Hotels, teure Getränke, teure Anreisen oder auch mal alles zusammen, aber aus Fansicht sind manche Städte dann doch weniger angenehm als andere. Baku hat für Fans vor allem eine unattraktive Anreise zu bieten: Sie dauert lang und sie ist teuer. Wales ist durch die Vorgaben bei der Auslosung ein ganz besonders heißer Kandidat für Gruppe A. Die offizielle Fanvereinigung warnte für ein solches Los bereits: "Vermeidet Direktflüge, die sind sehr teuer." Bei Flügen mit Zwischenstopps seien Fans aber mehr als 24 Stunden unterwegs, einige würden sogar Minibusse in Erwägung ziehen.

Wohl dem, der einer der Gastgeber des Turniers ist und drei Heimspiele hat. England spielt seine Gruppenspiele allesamt in Wembley. Wird die Mannschaft Gruppensieger, käme sie in der K.o.-Runde über Dublin und Rom zurück nach London, wo das Halbfinale und das Endspiel stattfinden - nicht mal 4.000 Kilometer. Italien bleibt in der Gruppenphase in Rom, käme als Gruppensieger über London und München erneut nach London in die letzten Spiele - 4.700 Kilometer.

Deutschland wird sein Quartier in Herzogenaurach in der Nähe von Nürnberg beziehen, die Gruppenspiele in München erreicht der DFB in zwei Stunden Fahrzeit mit dem Bus. Als Gruppensieger ginge es für die deutsche Mannschaft über Bukarest und Sankt Petersburg nach London, was von München gerechnet rund 6.000 Kilometer macht.

Ökobilanz muss nicht generell schlecht sein

Dass das europaweit ausgetragene Turnier nun eine insgesamt schlechtere Ökobilanz haben wird als Turniere in einem Land, ist allerdings schneller behauptet als bewiesen, sagen Klimaforscher auf Anfrage. Der aktuelle Europameister Portugal spulte 2016 in Frankreich rund 6.000 Kilometer ab - das sind rund 50 Prozent mehr als England im Falle eines Gruppensiegs potenziell 2020 vor sich hätte.

Hinzu kommt, dass die Reiselust der Fans nur schwer gemessen werden kann: Die Annahme liegt zumindest nahe, dass 2016 mehr Menschen nach Paris wollten als 2020 eine Reise nach Baku in Aserbaidschan planen werden. Sicher ist das aber nicht. Ein Team aus Gruppe A wird sich den Ort schließlich wohl ausgiebig ansehen (müssen).

Stand: 27.11.2019, 07:00

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