England bei der EURO - eine Frage der Klasse

Jadon Sancho

Achtelfinale gegen Deutschland

England bei der EURO - eine Frage der Klasse

Von Philipp Sohmer (London)

Selten war eine englische Nationalmannschaft so talentiert bei einem großen Turnier. Dazu werden am Dienstag (29.06.2021), aufgrund der schwierigen Einreiseregelungen für deutsche Fans wohl die gesamten 45.000 Zuschauer in Wembley die "Three Lions" anpeitschen. Trotzdem dominiert in den englischen Zeitungen die Sorge vor dem nächsten Scheitern.

"Wenn du so versagt hast wie ich und du erkennst, dass es auf beruflicher Ebene nicht schlimmer kommen kann, dann befreit dich das fast, und du kannst im Leben voll angreifen." Das sagt Englands Nationalcoach Gareth Southgate. 1996 hat er Englands Deutschland-Trauma in Wembley mit voller Wucht erlebt. 25 Jahre nach seinem verschossenen Elfmeter im EM-Halbfinale hofft ganz England, dass dieses Erlebnis ihn am Dienstag so mutig macht, wie er es selbst beschreibt. 

Viel Talent, wenig Tore

Englands Zeitungen fordern mehr Mut vom Nationalcoach vor dem Achtelfinale. Die "Three Lions" haben zwar noch keinen Treffer kassiert in diesem Turnier, aber die hochgelobte Offensive hat auch nur zwei Törchen zustande gebracht. Das wird Southgate angekreidet. Wie soll der es aber auch allen Recht machen, bei all dem Talent. Die einen forderten zu Beginn Jack Grealish, der bei Aston Villa eine fantastische Saison spielte, die anderen wunderten sich, dass BVB-Wunderkind Jadon Sancho bislang kaum zum Zug kam. 

Lineker: "Frage der Zeit, bis wir das neue Deutschland werden"

Die Diskussionen über die Aufstellung aber tritt jetzt in der Diskussion in England in den Hintergrund. Die Mehrheitsmeinung: Es kommt auf die Mentalität an. Man müsse die "Englische DNA" ändern und endlich mit absoluter Überzeugung auftreten, so wie die Deutschen es jahrzehntelang vorgemacht hätten, schreit etwa der "Guardian". Hoffnung gibt den Engländern die Tatsache, dass viele ihrer Talente schon sehr jung Trophäen gewonnen haben, nicht nur mit ihren Klubs, sondern auch bei U-17- und U-20-Weltmeisterschaften, bei denen die Engländer in den den vergangenen Jahren stark aufspielten. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir das neue Deutschland werden", glaubt etwa Fußballlegende und BBC-Moderator Gary Lineker angesichts dieser Bilanz. 

Im Detail haben die englischen Medien aber auch schon die Mängelliste aufgeschrieben nach der Vorrunde. Fehlende Konstanz, mangelnde Beharrlichkeit und vor allem die Standardschwäche der Engländer bei der EM werden beklagt. Nachdem die "Three Lions" bei der WM 2018 noch neun von zwölf Toren nach ruhenden Bällen erzielt hatten, sind die Standards bisher harmlos. Daher könnte auch Kieran Trippier von Atletico Madrid am Dienstag in die Startelf zurückkehren, wegen seiner Qualität bei Flanken und Freistößen.

Harry Kane weiterhin im Formtief

Große Sorgen macht auch weiter der, der die Flanken verwerten soll: Harry Kanes’ Formschwäche spielt eine große Rolle bei Englands Torflaute. Zwar präsentierte sich Kane gegen die Tschechen etwas verbessert, doch noch immer entfernt von seiner Form der abgelaufenen Saison, die ihn wieder zum Torschützenkönig der Premier League gemacht hatte. 

Viele Zweifel vor dem Spiel, das Gareth Southgates’ Zeit als Nationalcoach definieren wird. Bis Dienstag muss er viele Baustellen in seinem Team in Ordnung bringen, Schritt für Schritt, mit den riesigen Erwartungen im Nacken. Ein bisschen wie damals vor 25 Jahren auf seinem langen Weg zum Elfmeterpunkt, zum Duell mit Andreas Köpke. Der "Guardian" bringt Englands Angst auf den Punkt: "Es ist jetzt an der Zeit zu fragen, ob er ein erstklassiger Mensch, aber nur ein zweitklassiger Coach ist."  

Stand: 25.06.2021, 14:24

Darstellung: