Ginter - widerstandsfähig bis zur Schmerzgrenze

Matthias Ginter im Trikot der deutschen Nationalmannschaft

Vor dem EM-Qualifikationsspielen

Ginter - widerstandsfähig bis zur Schmerzgrenze

Von Jörg Strohschein

Matthias Ginter zählt zu den Hoffnungsträgern im neu formierten Nationalteam. Der 25 Jahre alte Defensivspezialist will in eine Führungsrolle hineinwachsen. Dabei hatte er zwischenzeitlich zwei Erlebnisse, die ihn ans Aufhören haben denken lassen.

Matthias Ginter ist froh, wieder zurück zu sein. Eine Schulterverletzung hatte ihn zuletzt drei Wochen außer Gefecht gesetzt. Jetzt ist kein schlechter Zeitpunkt für eine Rückkehr. Denn die Not an Innenverteidigern bei Bundestrainer Joachim Löw ist groß.

Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer und Niklas Süle stehen für die Partien gegen Weißrussland am Samstag (16.11.2019) und gegen Nordirland am Dienstag verletzungsbedingt nicht zur Verfügung. Selbst Hertha-Verteidiger Niklas Stark musste auf Geheiß Löws zum DFB-Team reisen, obwohl er sich am Samstag in der Bundesligapartie gegen Leipzig einen Nasenbeinbruch zugezogen hatte und so aussieht, als ob er in einem Boxkampf einige Kopftreffer hatte hinnehmen müssen.

Ginter über seine Rolle im DFB-Team: "Ein Prozess" Sportschau 12.11.2019 00:26 Min. Verfügbar bis 12.11.2020 Das Erste

Zwei Attentate hautnah mitbekommen

Für Ginter ist es die Chance, seine Rolle in der Nationalmannschaft zu festigen und noch stärker auf sich aufmerksam zu machen. Der Defensivspezialist von Borussia Mönchengladbach ist zwar schon seit 2014 im DFB-Team, hat in dieser Zeit aber lediglich 28 Einsätze bekommen.

"Ich bin einer, der mit am längsten dabei ist. Letztendlich ist das ein Prozess, den ich jetzt durchlaufen habe - und ich will mich weiterentwickeln", sagte Ginter am Dienstagnachmittag vor dem Mannschaftshotel in Düsseldorf. Mit anderen Worten: Ginter strebt eine Führungsrolle im Team an.

Dass er sich überhaupt in dieser Position befindet, ist allerdings alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es ist noch nicht lange her, dass der Fußballprofi beinahe seinen Job an den Nagel gehängt hätte: Ginter saß im Bus von Borussia Dortmund, als vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco am 11. April 2017 ein Bombenanschlag auf das Team verübt wurde. Das war schon das zweite Attentat, das der Verteidiger hautnah mitbekam. Ginter stand auch bei den Anschlägen am Stade de France in Paris im November 2015 mit dem Nationalteam auf dem Platz.

Gedanken ans Aufhören

"Ich war auch in Paris dabei, das habe ich noch ganz gut verarbeitet. Ich hatte mir das so erklärt, dass das wie ein Lottogewinn ist, die Chance, dass so etwas noch einmal passiert, ist sehr unrealistisch. So konnte ich mich immer beruhigen", sagte Ginter bei der Gerichtsverhandlung um den Dortmunder Attentäter. Wie sehr ihn diese Geschehnisse in Dortmund mitgenommen hatten, wurde deutlich, als er in Tränen ausbrach, als er dem Gericht darüber berichten sollte.

Damals kam auch der Gedanke auf, alles hinzuschmeißen. "Natürlich habe ich überlegt, ob es das noch wert ist, sich immer wieder in dieses Risiko zu begeben. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Aber deshalb habe ich nicht das aufgeben wollen, was mir Spaß macht", sagte Ginter.

Konzentration auf den Sport

Sein Wechsel nach Mönchengladbach nur wenige Wochen später, die neue Umgebung, die neuen Mitspieler - all das könnte dazu beigetragen haben, die Ereignisse zu verarbeiten.

Bei der Borussia hat er sich innerhalb kurzer Zeit zu einem Stamm- und Führungsspieler entwickelt und ist auch beim neuen Trainer Marco Rose gesetzt. Nun könnte seine Zeit auch im Nationalteam gekommen sein. Die Courage hierfür hat er bereits unter Beweis gestellt.

Stand: 13.11.2019, 09:12

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