Toni Kroos nach seinem Rücktritt - "Befreit nicht, eher bestätigt"

Toni Kroos

Interview mit dem zurückgetretenen Nationalspieler

Toni Kroos nach seinem Rücktritt - "Befreit nicht, eher bestätigt"

Wenige Tage nach seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft äußert sich Toni Kroos erstmals im Sportschau-Club-Interview mit Esther Sedlaczek.

Sportschau: Herr Kroos, kommt jetzt im Urlaub so der Moment, in dem alles so sackt, was in den vergangenen Wochen passiert ist?

Toni Kroos: Ja, obwohl es ja schon relativ schnell ging. Das war wirklich von einem auf den anderen Tag – von voll im Turnier – zu voll in den Family-Modus. Aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Dafür wird hier gesorgt.

Sportschau Club - Kroos exklusiv zum DFB-Rücktritt Sportschau Club 06.07.2021 07:34 Min. Verfügbar bis 06.07.2022 Das Erste

Sportschau: Jetzt ist ja auch schon ein wenig Zeit vergangen seit der Veröffentlichung, dass Du zurücktrittst aus der Nationalmannschaft. Du hast 2018 nach der WM schon mal mit dem Gedanken gespielt, jetzt hast Du das "durchgezogen" und gesagt: die Familie steht im Fokus – und Real Madrid. Schwingt da mittlerweile auch eine Art Befreiung mit?

Toni Kroos: Befreiung weniger, eher Bestätigung. Ich würde die Entscheidung auch jetzt, fünf Tage später, nicht anders treffen. Das war keine Entscheidung aus dem Bauch heraus, sondern ich habe schon ein bisschen länger überlegt. Es fühlt sich nach wie vor richtig und gut an – und noch besser dann, wenn das nächste Mal Länderspiele anstehen.

Sportschau: Das heißt aber auch, dass Du ins Turnier mit dem Gedanken gegangen bist, dass das Dein letztes Turnier sein wird. Hat sich das Turnier dadurch anders angefühlt?

Toni Kroos: Ja, definitiv. Ich habe logischerweise versucht, alles rauszuhauen, was geht. Das war bei anderen Turnieren aber auch so. Mit dem Ausscheiden im Achtelfinale war das natürlich nicht huntertprozentig ideal, fühlt sich aber einen Tick besser an, als wäre es 2018 gewesen.

Sportschau: Was hat bei der EM denn gefehlt, um das Turnier efolgreich zu beenden?

Toni Kroos: Uns hat vorne die eine oder andere Waffe gefehlt, um noch gefährlicher zu sein. Wir hatten einige Spiele, die absolut ausgeglichen waren, ob das gegen Frankreich war oder gegen England. Wenn wir das Spiel am Ende 1:0 gewinnen, wäre es "abgezockt" gewesen. Dann war es genau der Plan.

Sportschau: Hast Du den Kollegen unmittelbar nach dem Ausscheiden erzählt, dass Du die Nationalmannschaft verlassen wirst?

Joachim Löw (r) schätzt die Meinung von Toni Kroos.

Toni Kroos: Nein, ich habe das erstmal für mich behalten. Die, die es wissen müssen, habe ich infomiert, das heißt Oliver Bierhoff, und Hansi Flick habe ich zeitnah angerufen. Das war auch der richtige Weg, weil ich das komplett in der eigenen Hand haben wollte. Man weiß ja, wie schnell heutzutage etwas rauskommt und das wollte ich verhindern, weil es meine Entscheidung war.

Sportschau: Das heißt, Thomas Müller und Co. haben es erst am Freitag erfahren?

Toni Kroos: Offiziell, ja. Dem einen oder anderen haben ich es in einem Nebensatz schon mal angedeutet. Es gab aber niemandem, dem ich ganz klar gesagt habe: Ich höre auf jeden Fall auf.

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Sportschau: Joachim Löw hast Du nicht einbezogen. Gab es danach noch einen Austausch?

Toni Kroos: Es gab einen Tag nach dem Ausscheiden einen Austausch, auch weil ich das Bedürfnis hatte, ihm zu schreiben und zu danken für die Jahre. Er hatte mich im Februar oder März angerufen und gesagt, dass er aufhört, woraufhin ich andeutete, dass es sein kann, dass wir das gemeinsam tun.

Sportschau: Welchen Eindruck hattest Du von ihm nach dem Turnier?

Toni Kroos: Enttäuscht, natürlich. Er hätte natürlich gerne weiter kommen wollen. Während des Turniers habe ich ihn extrem motiviert erlebt. Man hat ihm angemerkt, dass er nochmal alles raushauen will, um erfolgreich zu sein. Das ganze Turnier war ja ein Auf und Ab. Und dabei haben wir gesehen, dass wir für den Titel einfach nicht weit genug waren.

Sportschau: Wie sehr braucht die Nationalmannschaft jetzt den neuen Impuls von Hansi Flick?

Toni Kroos: Ich glaube, dass das jetzt ein guter Zeitpunkt ist. Jogi hat das ja auch selbst erkannt. Und Hansi Flick hat bei den Bayern ja bewiesen, dass er etwas auslösen kann, auch relativ schnell. Und so wie ich ihn am Telefon erlebt habe, hat er auch Lust (lacht).

Sportschau: Worauf freust Du Dich jetzt am meisten, unabhängig von der Zeit mit der Familie?

Toni Kroos: Ich denke, dass man jetzt auch mal die Möglichkeit hat, zwei oder drei Tage woanders hinzufahren. Die ganzen Jahre habe ich die Trainingspläne der Nicht-Nationalspieler gelesen und war immer ein wenig neidisch, weil da immer drei Tage frei waren. In Zukunft bin ich einer von denen.

Stand: 06.07.2021, 22:41

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