Kuntz und seine Bande - EM-Triumph mit tierisch gutem Zusammenhalt

Stefan Kuntz (R) redet auf seine Spieler ein

Hyänen mit Adleraugen und Löwenherzen

Kuntz und seine Bande - EM-Triumph mit tierisch gutem Zusammenhalt

Von Christian Hornung

In "Brehms Tierleben" wird dieses spezielle Wesen nie zu finden sein. Im Grunde existierte es auch nur für knapp zwei Jahre bis zum Finaltriumph der U21-EM: Hyänen mit Adleraugen und Löwenherz holten laut Dompteur Stefan Kuntz Deutschlands dritten Titel nach 2009 und 2017.

Der Job des U-Trainers ist ohnehin ein ganz spezieller. In kürzester Zeit müssen Spieler aus verschiedenen Ligen, manche als Stammkräfte, andere fast komplett ohne Einsatzzeiten, zu einem funktionierenden Gebilde zusammengeschweißt werden. Taktisch mag das noch ein überschaubares Unterfangen sein, denn natürlich haben Lukas Nmecha, Florian Wirtz oder Karim Adeyemi Ausbildung auf höchsten Niveau erhalten und bringen dazu noch herausragendes Improvisationstalent mit.

Lust, Fehler der Kollegen auszubügeln

Aber so einen Kader in die Lage zu versetzen, durch Mannschaftsgeist die individuell oft höhere Klasse der Konkurrenz zu schlagen, das gelingt diesem Stefan Kuntz einfach: tierisch gut. Seine Spieler, die eigentlich gerade diese Turnierbühne bräuchten, um ihren eigenen Stellenwert im Verein zu vergrößern oder sich für andere Klubs zu positionieren, entwickeln eine atemberaubende Lust daran, Fehler der Kollegen auszubügeln, Wege ganz nach vorne und ganz nach hinten zu machen, die gar nicht ihrer Jobbeschreibung entsprechen - aber wichtig fürs Team sind.

Wie schafft Kuntz das? Und wie schafft er das immer wieder? Mit den unterschiedlichsten Charakteren, mit stillen und geradlinigen ebenso wie mit extrovertierten und wilden Typen?

Klare und einprägsame Botschaften

Seine Spieler und Mitarbeiter schwärmen von "seiner menschlichen Art", seiner "überragenden Empathie". Der Kloppsche Einstiegssatz in Liverpool "I'm the normal one" könnte eins-zu-eins von Kuntz sein. In der Ansprache zu seinen Spielern oder auch in seinen Interviews gibt er seinem Gegenüber ein gutes Gefühl, er kommt rüber als Typ, den man bei jeder Familienfeier gern am Tisch hat. Kuntz kann sich zurücknehmen und vermittelt dennoch sehr klare und sehr einprägsame Botschaften, manchmal eben auch aus der Tierwelt.

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Natürlich hätten einige Spieler gelacht, als er sie einschwor mit dem tierischen Vergleich, sie müssten jetzt eine Hyänenbande sein, die (auf dem Platz) keiner leiden könne, die aber am Ende immer das bekäme, was sie wolle. Und sie sollten Adleraugen haben, auf Fehler des Gegners lauern, eigene Chancen erkennen. Und mit einem Löwenherz an die Sache herangehen, um das große Ziel erreichen zu können.

"Aber was ist Talent?"

So eine Ansprache als Motivation ist bei Lucien Favre oder Ralf Rangnick kaum vorstellbar, sie mag für viele vielleicht schlicht und platt klingen, aber letztlich hat alles, was die Spieler erreicht, eine Berechtigung. Kuntz vermittelte auch nach dem 1:0-Sieg über Portugal ganz offen, was er von einer übertriebenen Verwissenschaftlichung seiner Sportart hält: "Dieser Mannschaft haben nicht viele viel zugetraut. Aber was ist Talent? Hier im Endspiel zu gewinnen oder die beste 100-Meter-Zeit zu laufen?"

Natürlich werden im Trainerstab von Kuntz auch Laptops benutzt und sein Team lebte in Ungarn nicht nur von Leidenschaft, sondern speziell in den beiden letzten Spielen gegen die Niederlande (2:1) und Portugal auch von einer Taktik, mit der beide Gegner schlicht überfordert waren und fast ohne Torchancen blieben.

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Kandidat für den Bundestrainer-Posten

Was wird nun aus Kuntz? Er habe durchaus noch die Kraft, auch einen vierten Neuaufbau eines solchen U-Teams anzupacken, sagte er kurz nach der Siegerehrung. Dass er sich in die Alltagsmühlen eines Vereins begibt, erscheint im Moment schwer vorstellbar. Aber die Perspektiven, die ihm der DFB bieten kann, sind auch überschaubar. In einem "Bild"-Interview vor dem Viertelfinale gegen Dänemark, das Deutschland im Elfmeterschießen gewann, erzählte Kuntz, dass er durchaus in der Verlosung als Nachfolger von Joachim Löw gewesen sei, es dann aber doch nicht konkret wurde: "Es wurde ein Gespräch avisiert, welches nicht stattgefunden hat."

Kuntz erzählte weiter, dass er dann, als Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff mit Hansi Flick einig wurde, keine wirkliche Absage erhalten habe. Die Zeitung versuchte, ihm eine enttäuschte Reaktion rauszulocken, doch Kuntz blockte die Vorlage elegant ab: "Als es mit Hansi konkreter wurde, habe ich auch nicht mit einer weiteren Nachricht gerechnet. Hansi ist die optimale Lösung für den DFB und die Nationalmannschaft." Aber Kuntz wäre sicher keine suboptimale gewesen. Eher auch eine tierisch gute.

Stand: 07.06.2021, 11:21

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