Malick Thiaw - Karriere in der Schalker Krise

Malick Thiaw (r.)

U21-EM

Malick Thiaw - Karriere in der Schalker Krise

Von Olaf Jansen

Mit dem FC Schalke verliert er Spiel um Spiel. Doch für Deutschlands U21-Auswahl ist er einer der Hoffnungsträger: Malick Thiaw hat eine erstaunliche Karriere hingelegt.

Als die Spieler des FC Schalke 04 am Samstagabend nach ihrer nächsten Niederlage - diesmal gegen Borussia Mönchengladbach - noch freundschaftlich plaudernd mit ihren Gegenspielern auf dem Rasen der Arena standen, hatte Malick Thiaw längst das Weite gesucht. War schnurstracks in die Kabine marschiert. Auf lockeren Smalltalk hatte er offenbar keine Lust.

Schon während der Partie war auffällig: Während ein Großteil der Kollegen die erneute Gegentreffer-Flut scheinbar unbeteiligt über sich ergehen ließ, war es der 19-jährige Innenverteidiger, der sich mächtig aufregte. Der die Kollegen anschrie, gestikulierte und mit dem Schiedsrichter diskutierte. Eben mit ganzem Herzen bei der Sache war. Was man womöglich nicht von allen seinen Teamkollegen behaupten konnte.

Karriere in Schalkes Krise

Es ist eine beinahe skurrile Situation für Thiaw, der sich in den vergangenen Wochen zu einem der größten deutschen Abwehrtalente überhaupt gemausert hat. Während er mit seiner Schalker Mannschaft von einer Niederlage in die nächste schlitterte, kletterte er inmitten dieser chaotischen Truppe im Sauseschritt auf der Karriereleiter.

Erst erkämpfte er sich - gerade erst aus der U19 gekommen - im Sommer 2020 bald einen Stammplatz in der Innenverteidigung eines Bundesligisten. Und jetzt wurde er auch noch im Express-Tempo zum Teilnehmer an der U21-Europameisterschaft.

Stefan Kuntz nominierte Thiaw, der eigentlich noch für die deutsche U20-Auswahl spielen könnte, für seinen Kader. Und man darf davon ausgehen: Thiaw wird spielen. Denn dass ihn ausgerechnet die Schalker Misere zum Stammspieler machte, kommt ihm nun zugute, wie Stefan Kuntz erklärt: "Wir haben für die EM nur eine kurze Vorbereitungszeit. Daher setzen wir auf Jungs wie Malick Thiaw, der zuletzt in der Bundesliga viel Einsatzzeit hatte." 

Mutter aus Finnland, Vater aus dem Senegal

Für Thiaw mag all das überraschend kommen, nach außen gibt er sich allerdings ganz routiniert: "Die Nominierung freut mich sehr. Nervös macht sie mich aber - glaube ich - eher nicht. Auch bei den Bundesligaspielen war ich eigentlich nicht übermäßig aufgeregt."

Dem gebürtigen Düsseldorfer könnte dabei sein Elternhaus zugute kommen. Die Mutter stammt aus Finnland, der Vater ist Senegalese. "Beides Länder, in denen die Menschen eher locker drauf sind", sagt Thiaw, der das genießt: "Es wird auch bei uns zu Hause nicht alles so ernst genommen. Eine schöne Stimmung und gute Laune sind wichtiger."

Wichtig ist und war aber auch immer schon der Sport im Hause Thiaw. Die Mutter war Leichtathletin in Finnland, der Vater stand im Senegal als Torwart auf dem Fußballplatz. Und begleitete die Karriere seines Sohnes bislang sehr intensiv. "Nach jedem Spiel wird ausführlich kritisiert", sagt Thiaw, den die Verbesserungsvorschläge des Vaters auch nicht immer glücklich machen. "Manchmal will man nach einem Spiel einfach seine Ruhe haben. Aber das geht dann bei uns eben nicht."

Norbert Elgert hat den richtigen Riecher

So richtig gute Laune auf dem Fußballplatz hat Thiaw bekommen, als er 2015 von der Jugend Borussia Mönchengladbachs zur Knappenschmiede des FC Schalke gewechselt ist. "Ich hatte viel Gutes gehört und das hat sich bestätigt", erzählt er von seinen Anfängen in Gelsenkirchen. Besonders Kult-Jugendtrainer Norbert Elgert, der ihn in der U19 übernahm, hatte es dem 1,91 Meter großen Modellathleten rasch angetan. Auch wenn er ihm zunächst seine Lieblingsposition "klaute".

"Ich war in der Jugend eigentlich immer Mittelfeldspieler mit Zug nach vorn. Elgert schaute mir ein paar Tage zu und versetzte mich dann nach hinten. 'Du hast das Zeug zum Bundesligaspieler', sagte er. 'Aber eher als Innenverteidiger denn als Mittelfeldspieler', hat er mir erklärt."

Auch Jürgen Klopp ist beeindruckt

Seither räumt Thiaw hinten auf und glänzt als ehemaliger Offensivspieler mit elegantem und gut strukturiertem Aufbauspiel. Zudem ist er extrem torgefährlich. In seinem zweiten Jahr in der Schalker U19 war er mit acht Treffern bis zur Corona-Unterbrechung erfolgreichster Torschütze seines Teams.

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Natürlich haben seither auch viele andere ihr Auge auf den talentierten Abräumer geworfen. Jürgen Klopp soll schon für den FC Liverpool angefragt haben, Interesse wurde auch vom AC Mailand kolportiert. Noch spannender ging es für Thiaw in Sachen Nationalmannschaft zu - denn spielberechtigt ist er theoretisch für gleich drei Länder.

Der finnische Verband war schon seit 2017 hinter ihm her, U21-Trainer Juha Malinen wurde schon persönlich bei den Thiaws in Düsseldorf vorstellig. Der Senegal fragte ebenso an, über Abwehrkollege Salif Sané holte sich Thiaw daraufhin Infos über das Heimatland seines Vaters.

Finnland? Senegal? Deutschland!

Letztlich entschied er sich dann aber doch dafür, das Angebot des DFB anzunehmen. "Wir beobachten ihn seit Jahren und stehen schon länger mit ihm in Kontakt", erzählte Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften beim DFB, kürzlich im Gespräch mit dem "kicker".

Den für eine Nominierung nötigen Einbürgerungsprozess hat Thiaw, der bis dahin nur die finnische Staatsbürgerschaft besaß, im Verlauf des vergangenen Jahres angestoßen. Ohne Druck vonseiten des DFB, wie Schönweitz betont: "Da hatte er bei uns noch gar keine U21-Perspektive, denn wir haben uns ja erst im November für die Endrunde qualifiziert."

"Was uns besonders freut, ist sein klares Bekenntnis. Er hat uns gegenüber schon öfter betont, dass er sich als Deutscher fühlt und gerne für den DFB spielen möchte", sagt Schönweitz: "Damit geht er den schwereren Weg." Aber den ist Thiaw ja durchaus schon gewohnt. Denn als Schalker hat man es in den vergangenen Monaten wirklich nicht leicht gehabt. Auch nicht als unverhofft zum Stammspieler avanciertes Talent.

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Stand: 24.03.2021, 08:00

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