Land der Torhüter - ein Status in großer Gefahr

Deutsche Torhüter-Legenden - haben wir künftig ein Problem?

Experten warnen vor Nachwuchsproblem

Land der Torhüter - ein Status in großer Gefahr

Von Sebastian Hochrainer

Beim DFB und in den Nachwuchsleistungszentren herrschen Sorgen um die Zukunft der deutschen Torhüter. Eine Geschichte über Ursachen und mögliche Lösungen des Problems.

Toni Turek, Hans Tillkowski, Sepp Maier, Toni Schumacher, Andreas Köpke, Oliver Kahn, Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen - die Geschichte von deutschen Weltklassetorhütern ist lang. Die Historie verschaffte Deutschland den Titel "Land der Torhüter" - doch nun befürchten Experten, dass wir diesen Ruf bald loswerden.

DFB-Direktor Bierhoff warnt

DFB-Direktor Oliver Bierhoff stieß vor einigen Wochen die Diskussion um die fehlenden Talente auf der Torwartposition an. "Wir haben kaum Strafraum-Stürmer mehr, bei den Außenverteidigern und mittlerweile sogar bei den Torhütern Probleme", sagte der 52-Jährige der "Sport Bild".

Die Nationalmannschaft ist zwar mit Neuer und ter Stegen für die nächsten Jahre zumindest bei der Nummer eins abgesichert, doch nicht nur Bierhoff befürchtet, dass nach den beiden der große Fall kommen könnte.

Alexander Nübel war einst die große Hoffnung

Florian Müller vom SC Freiburg ist der einzige deutsche Stammtorwart unter 26 Jahren in einer europäischen Top-Liga. Als zukünftiger Nationalkeeper wird der ehemalige Mainzer jedoch nicht gehandelt. Einzig Alexander Nübel wurde aus der jungen Generation der Profi-Torhüter in diesen Sphären gesehen. Auch deshalb macht Bierhoff kein Geheimnis daraus, dass er Nübels Wechsel zum FC Bayern, wo er kaum zum Einsatz kommt, kritisch sieht.

Münchens Ersatztorwart: Alexander Nübel.

Münchens Ersatztorwart: Alexander Nübel.

Stefan Kuntz ist jemand, der zu spüren bekommt, dass kaum guter Nachwuchs ins Profigeschäft hereinwächst. Als er 2017 mit der U21-Nationalmannschaft Europameister wurde, war Julian Pollersbeck seine Nummer eins. Der 26-Jährige steht nach enttäuschenden Jahren beim Hamburger SV mittlerweile bei Olympique Lyon unter Vertrag, kommt dort aber so gut wie nie zum Einsatz. Sein Marktwert mittlerweile: 500.000 Euro.

U21-Keeper sammeln kaum noch Erfahrung

Pollersbecks Nachfolger war Nübel, dessen Geschichte bekannt ist. Heute streiten sich Lennart Grill von Bayer Leverkusen und Finn Dahmen von Mainz 05 um den Posten in der U21-Nationalmannschaft - beide sind bei ihren Klubs weit entfernt vom Status des Stammkeepers. Obwohl Grill aktuell wegen der Verletzung von Lukas Hradecky und den Fehlern von Niklas Lomb erste Bundesligaerfahrungen sammeln darf.

Julian Pollersbeck

Julian Pollersbeck

"Der Fakt der Spielpraxis ist ein Problem. Wenn die Torhüter keine Spielpraxis bekommen, können sie sich nicht entwickeln", sagt Kuntz im Sportschau-Gespräch. "Da würde ich mir wünschen, dass der ein oder andere Torhüter eher danach schaut, wo er den nächsten Schritt machen kann, indem er Spielpraxis bekommt."

Talente müssen nach Einsatzchancen entscheiden

Kuntz plädiert für grundlegende Änderungen in der Einstellung von Talenten, auch auf der Torwartposition. "Ich bin davon überzeugt, dass wir, wenn wir nicht etwas ändern, weniger Top-Talente aus der Arbeit heraus bekommen werden, sondern mehr mit Daumen drücken", sagt der U21-Nationalcoach über ein mögliches Keeperproblem in der Zukunft.

Kuntz gibt zu, dass "die Ausbildung und der Anspruch größer geworden ist". Torhüter würden geschult in der Zielverteidigung (im Tor) sowie Raumverteidigung (im Strafraum), im technischen und taktischen Verhalten und Mitspielen mit dem Fuß. "Aber dadurch, dass es eine einzelne Position ist, können wir dort besser und intensiver arbeiten", sagt Kuntz.

"Bisschen mehr Daumen drücken" - Kuntz kritisiert Torhüter-Ausbildung Sportschau 09.03.2021 01:25 Min. Verfügbar bis 09.03.2022 Das Erste

Gladbachs NLZ-Chef Virkus mit interessantem Ansatz

Das jedoch könnte eines der grundlegenden Probleme sein. Roland Virkus, der Chef des Nachwuchsleistungszentrums von Borussia Mönchengladbach, sieht die Isolierung der Torhüter im Training als Ursache der fallenden Leistungskurve auf der Position. "Früher hatten wir dann einen Torwarttrainer für alle Mannschaften des Nachwuchsleistungszentrums, heute sind es vier", sagt Virkus im Sportschau-Gespräch. "Wir wollten damit etwas Gutes und haben vielleicht etwas Schlechtes gemacht. Die Torhüter sind völlig isoliert vom eigentlichen Spiel und das ist das, was fehlt. Wir müssen natürlich das Training individualisieren, aber am wichtigsten wird immer das komplexe Spiel sein."

Virkus' Forderung daher: "Die Torhüter müssen wieder mehr ins Teamtraining integriert werden, um am komplexen Spiel beteiligt zu sein. Jetzt sind die Torhüter hervorragend ausgebildet, auch fußballerisch, aber es sind vor allem auch Dinge wie Antizipation und Stellungsspiel, unspektakuläre Dinge, gefragt. Und die lernt man im komplexen Spiel."

Torhüter heute "nahezu alle gleich"

Die Gladbacher haben in der jüngsten Vergangenheit zwei deutsche Nachwuchskeeper mit Profiverträgen ausgestattet. Doch Jan Olschowsky hütet nach wie vor das Tor der U23 des Klubs, Moritz Nicolas wurde nach seiner Unterschrift 2019 an Union Berlin verliehen, nach einem Jahr fast ohne Einsätze zum VfL Osnabrück, wo er ebenfalls nicht die Nummer eins geworden ist.

Insgesamt sieht Virkus Probleme darin, die besonderen Keeper noch entdecken zu können. "Es wird immer schwieriger, gute Torhüter zu finden, weil nahezu alle gleich sind. Sie halten alle gut, aber es fehlt das gewisse Etwas, das Besondere", sagt der Gladbacher NLZ-Chef.

Viele wollen nach wie vor Torwart werden

Woran es zumindest nicht liegt, ist die Popularität der Position. "Solange es Vorbilder wie Neuer oder ter Stegen gibt, wollen viele Kinder und Jugendliche Torhüter werden. Insofern gibt es kein Problem in Deutschland - und ich bin fest davon überzeugt, dass wir weiter tolle Torhüter ausbilden werden", sagt Gerd Bode, der seit 1991 Torwarttrainer im Fußballverband Niederrhein ausbildet.

Aktuell fehlen aber die großen Torwarttalente in Deutschland, doch wie ist die Situation im Ausland? In der Bundesliga setzen die Klubs oft auf internationale Jungspieler, im Tor jedoch eher auf erfahrene Keeper.

Donnarumma das hoffnungsvollste Talent Europas

Mit Gianluigi Donnarumma (22) gibt es nur einen Stammtorwart bei einem Topklub im Alter von unter 25 Jahren. Er ist die Nummer eins beim AC Mailand und der Nachfolger von Gianluigi Buffon bei der italienischen Nationalmannschaft.

Gianluigi Donnarumma

Gianluigi Donnarumma

Ansonsten mangelt es, anders als bei den Feldspielern, an jungen Torhütern, die schon im Rampenlicht stehen. Doch es gibt durchaus Talente, denen eine große Zukunft vorhergesagt wird und die, wie von Kuntz gefordert, bei kleineren Klubs spielen, um dort zu Einsatzzeiten zu kommen.

Kepa ein warnendes Beispiel für Talente

Die Franzosen Alban Lafont (22, FC Nantes) und Illan Meslier (22, Leeds United) sowie der Spanier Unai Simon (23, Athletic Bilbao) und der Engländer Aaron Ramsdale (22, Sheffield United) sammeln als Stammkeeper Praxis auf höchstem Niveau.

Ihnen wird der Sprung zu Topklubs zugetraut, doch der Wechsel von Nübel nach München ist nicht das einzige Beispiel, das zeigt, wie problematisch ein zu früher Transfer für Torhüter sein kann. Kepa Arrizabalaga ist mit einer Ablösesumme von 80 Millionen Euro nach wie vor der teuerste Keeper der Welt. Beim FC Chelsea hat der Spanier jedoch enttäuscht und sitzt nun nur noch auf der Bank - und erlebt wie Nübel einen Karriereknick.

Stand: 10.03.2021, 10:45

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