Super League: Rote Karte für das "dreckige Dutzend"

"Fußball ist für die Fans" und "Verdient es euch" auf den Aufwärm-Shirts der Leeds Spieler

Empörung im englischen Fußball

Super League: Rote Karte für das "dreckige Dutzend"

Sechs englische Klubs gehören zu den zwölf Gründern der Super League. Die Empörung auf der Insel ist groß. Die Regierung bastelt an einer Drohkulisse. Jürgen Klopp steht im Mittelpunkt - und ist innerlich zerrissen.

Die Super League lässt die Emotionen im selbst ernannten Mutterland des Fußballs hochkochen. Die Pläne des "dreckigen Dutzend", wie die zwölf Gründungsmitglieder von der britischen Presse genannt werden, sorgen für massiven Widerstand und martialische Worte. Fans, Ex-Spieler und Medien sind empört, Premierminister Boris Johnson kündigte im Boulevardblatt "Sun" an, dem "lächerlichen" Milliardenprojekt die Rote Karte zu zeigen.

Klopp zerrissen zwischen Abneigung und Solidarität

Sein Sportminister Oliver Dowden stellte im Parlament drastische Ideen vor, um die "Big Six", die englischen Spitzenvereine, von einer Teilnahme abzuhalten. Sogar Prinz William - Präsident des nationalen Verbandes FA - mischte sich ein. Mittendrin im Trubel stand am Montagabend (20.04.2021) Jürgen Klopp. Es war dem deutschen Trainer des englischen Meisters FC Liverpool anzumerken, wie zerrissen er ist zwischen der persönlichen Abneigung der Super League, an der auch sein Verein teilnehmen will, und der Loyalität zu seinem Arbeitgeber.

Klopp über Super-League-Entscheidungen: "Spieler und ich sind hier nicht mit einbezogen" Sportschau 20.04.2021 00:20 Min. Verfügbar bis 20.04.2022 Das Erste

Ja, er bleibe dabei, dass er die Super League ablehne, aber zurücktreten wolle er nicht. Und dann ging der auf der Insel äußerst beliebte "Jurgen" zum Gegenangriff über. Seine Spieler seien nicht involviert in die Pläne, sondern würden sich für den Verein zerreißen. Für scharfe Angriffe des früheren Nationalspielers Gary Neville, der vor allem Liverpool sowie seinen Ex-Klub Manchester United kritisiert hatte, habe er schon gar kein Verständnis. Doch die Mehrheit in England gibt Neville und anderen Ex-Größen recht.

Proteste an der Anfield Road

Liverpools Kapitän James Milner stellte sich nach dem mageren 1:1 bei Leeds United als erster Profi eines der Rebellen-Klubs öffentlich gegen die Pläne, während die Leeds-Profis mit T-Shirts gegen das Vorhaben protestierten. "Earn it" (Verdient es) stand dort unter dem Champions-League-Logo. Vor dem Stadion verbrannten Fans ein Liverpool-Trikot, am heimischen Stadion an der legendären Anfield Road hingen Protestplakate.

Super League spaltet den europäischen Fußball Tagesthemen 19.04.2021 02:06 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 Das Erste

"Schande", "Diebstahl", "Zerstörung": Die britischen Zeitungen überschlugen sich auf ihren Titelseiten mit Anschuldigungen gegen die Super League. Sechs Vereine aus der englischen Eliteliga wollen sich an der neuen Liga beteiligen. Außer Liverpool und Manchester United gehören dazu der aktuelle Spitzenreiter Manchester City sowie die Londoner Klubs FC Arsenal, FC Chelsea und Tottenham Hotspur. Mit Ausnahme der "Spurs", die einem britischen Investmentunternehmen gehören, stehen Milliardäre aus den USA, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten als Eigner hinter den traditionsreichen Klubs.

Britische Regierung droht mit "deutschem Modell"

Auch die meisten anderen Erstligisten sind im Besitz von Konzernen oder reichen Individuen. Anders als in Deutschland, wo Konzerne und Privatpersonen wegen der 50+1-Regel - offiziell - nicht die Mehrheit an einem Fußballclub halten dürfen, ist das Prozedere in England seit Jahren akzeptiert. Doch der Super-League-Vorstoß droht, die gesamte Fußball-Landschaft zu verändern.

UEFA-Präsident Ceferin droht mit Konsequenzen Sportschau 19.04.2021 00:19 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 Das Erste

Einerseits könnte sich die Eigentümerstruktur verändern. So droht Sportminister Dowden den Klubs mit dem "deutschen Modell" einer Fan-Mehrheitsbeteiligung. Andererseits steht die Premier League ohne die "Big Six" vor einem Scherbenhaufen. Jedem Klub drohen Einbußen in Höhe von Dutzenden Millionen Pfund bei TV-Geldern, wenn die stärksten Teams nicht mehr mitmischen. Das Interesse an der Premier League werde deutlich nachlassen, wenn die Teams, die in wichtigen, finanzstarken Märkten wie China oder arabischen Ländern Millionen Anhänger zählen, nicht mehr dabei sind, warnen Experten.

Everton bittet "respektvoll" um Rückzug der Vorschläge

Auch auf die anderen Ligen werde sich der Exodus der Topklubs auswirken, weil Solidaritätszahlungen ausbleiben würden. Dennoch machen die verbleibenden Klubs der Premier League nicht gute Miene zur Super League. In einer Videokonferenz berieten die übrigen 14 Erstligisten über das weitere Vorgehen. "Die Premier League erwägt alle verfügbaren Maßnahmen, um den Fortschritt des Wettbewerbs zu verhindern und die beteiligten Anteilseigner gemäß ihren Regeln zur Rechenschaft zu ziehen", teilte die Liga danach mit. Die sechs Super-League-Teilnehmer waren zu dem Treffen nicht eingeladen.

Noch aber hoffen die anderen auf eine Einigung. Der FC Everton sprach zwar am Dienstag von einer "Verschwörung". Dennoch streckte Liverpools Stadtrivale den "Big Six" die Hand aus. "Wir bitten Sie respektvoll darum, die Vorschläge sofort zurückzuziehen." Die Eigner sollten noch einmal erwägen, welches Erbe sie hinterlassen wollen.

Extrasteuern, weniger Sicherheitskräfte, keine Arbeitserlaubnis

Wenn das alles nicht hilft, sieht sich die britische Regierung in der Pflicht, mit massiver Abschreckung die Vereine auf Linie zu bringen. Zu den Maßnahmen, die Minister Dowden im Parlament vorschlug, gehören Extrasteuern, eine geringere Anzahl von Sicherheitskräften an Spieltagen sowie eine Verweigerung der Arbeitserlaubnis für Neuzugänge aus dem Ausland.

Damit steht die Regierung nun selbst stark unter Druck. Alles andere als eine Kehrtwende der sechs Vereine würde als politisches Versagen gelten. Andererseits: "Wenn nur einige dieser Maßnahmen umgesetzt würden, wäre die Super League tot", kommentierte das Online-Portal "Politico".

DFB-Vizepräsident Koch zu möglichen Konsequenzen für die Super-League-Klubs Sportschau 19.04.2021 02:37 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 Das Erste

dpa | Stand: 20.04.2021, 13:04

Darstellung: