Ligen und Fans: Angriff auf die Champions-League-Reform

Ein Champions League-Banner am Mittelkreis

Super-League-Aus

Ligen und Fans: Angriff auf die Champions-League-Reform

Von Chaled Nahar

Für die nationalen Ligen und die Fans bietet sich nach dem blamablen Aus für die Super League eine ungeahnte Chance: Sie können Druck machen für eine Änderung der umstrittenen Reform der Champions League ab 2024. Dafür gehen sie mit härteren Bandagen vor.

Der Machtkampf um die Zukunft des europäischen Klubfußballs ist seit dem mindestens vorläufigen Ende der Super League in vollem Gange. Nun ist die Hoffnung bei zwei Interessenvertretern groß: Die nationalen Ligen Europas, die im Verband der European Leagues organisiert sind, sehen zumindest die Chance auf Nachbesserungen bei der Reform der Champions League ab 2024 - worauf auch Fanbündnisse pochen.

Durchsetzungsstarker Funktionär steigt für Europas Ligen ein

La Liga-Präsident Javier Tebas

La Liga-Präsident Javier Tebas

Dass nun auch von den Ligen aus mit harten Bandagen gekämpft wird, zeigt eine wichtige Personalie: Schon bei der Videokonferenz des UEFA-Exekutivkomitees am Freitag (23.04.2021) werden die European Leagues nicht mehr von dem Schweden Lars-Christer Olsson vertreten, sondern vom Chef der spanischen Liga, Javier Tebas.

Olsson war ein geduldiger Diplomat, meist um ausgleichende Worte bemüht. Tebas dagegen steht für den krawalligen Auftritt, er zeigte zudem politisch oftmals Nähe zu stramm rechten Positionen. Aber er gilt als ein Mann, mit dem man Forderungen durchsetzen kann. "Dass diese Personalie zeitlich mit den aktuellen Ereignissen zusammenfällt, muss kein Nachteil sein", kommentierte ein Ligenvertreter den Wechsel vielsagend im Gespräch mit der Sportschau.

Die Ligen haben vor allem drei Forderungen - so sieht Tebas' Job aus:

  1. Weniger Spiele: 100 Spiele mehr soll es laut der Reform in der Champions League geben, vier Spieltage sollen hinzukommen. Ein Problem im vollen Fußballkalender. Der englische Ligapokal stünde beispielsweise genauso zur Debatte wie die Winterpause in Deutschland. Eine weitere Sorge: Die Champions League könnte den Ligen wie der Bundesliga Fernsehgeld abgraben, wenn TV-Sender mehr Geld in die Champions League stecken. Der neue Modus sieht zehn Vorrundenspieltage vor, er wäre aber auch mit acht oder sechs möglich.
  2. Mehr Meister in der Champions League: Durchweg kritisiert wird die Notfallqualifikation für schwächelnde Großklubs. Wer in der Liga die Champions League verpasst und nur in der Europa League gelandet ist, soll trotzdem in der Champions League spielen - wenn er eine gute Position in einer UEFA-Rangliste der vergangenen fünf Jahre hat. Die Ligen fordern stattdessen mehr echte Meister in der Champions League, beispielsweise die aus Tschechien, der Türkei, Österreich oder Schottland. Die spielen derzeit alle in der Qualifikation.
  3. Gleichmäßigere Geldverteilung: Von den bald 3,5 Milliarden Euro hohen Gesamteinahmen der europäischen Klubwettbewerbe werden derzeit jeweils vier Prozent als Solidaritätszahlungen an die Klubs ausgeschüttet, die nicht mitspielen. Die aktuelle Einnahmenverteilung befeuert nach Ansicht der European Leagues die finanzielle Ungleichheit und die Langeweile in den nationalen Ligen - wie in Deutschland bei Dauer-Meister Bayern München. Die Ligen fordern acht Prozent, wofür sie bislang belächelt wurden.

Die Bundesliga ist im Verband der European Leagues organisiert. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hatte sich Anfang April im Kicker kritisch zur Reform geäußert. Die Position der European Leagues, sagte Seifert, könne die DFL mit Blick auf die Zahl der Spiele und die Qualifikation über die Koeffizientenregel "nachvollziehen".

Reform der Champions League – der Plan, der Streit, die Hintergründe sport inside 18.04.2021 08:43 Min. UT Verfügbar bis 18.04.2022 WDR

Der richtige Zeitpunkt für den Angriff ist da

Viele Ligenvertreter haben erkannt, dass die Situation eine große Chance ist, die Reform in ihrem Sinne zu korrigieren. Diese Chance nun zu vergeben, ist ihre größte Sorge. Bei den Klubs muss man sich dagegen neu sortieren. Alle Vertreter der zwölf abtrünnigen Super-League-Klubs aus England, Spanien und Italien haben die Klubvereinigung ECA verlassen, im Vorstand sitzen plötzlich Repräsentanten viel kleinerer Klubs, die eher den Interessen der Ligen folgen könnten. Der frühere Lobbyverband der großen Klubs sieht derzeit deutlich anders aus, auch wenn mit Nasser Al-Khelaifi (Paris Saint-Germain) und Karl-Heinz Rummenigge (Bayern München) weiterhin Vertreter von Spitzenklubs für die ECA im Exekutivkomitee sitzen.

Auch in der mächtigen UEFA-Kommission für Klubwettbewerbe, die die Reform absegnen musste, könnte es Veränderungen geben, die für die Ligen von Nutzen sind: Ed Woodward von Manchester United beispielsweise galt als ein Haupttreiber der Super League. Er kündigte seinen Rücktritt bei Manchester United an, verließ offiziell auch seine UEFA-Funktionen und damit wohl auch die Kommission.

"Änderungen bei Bedarf" - UEFA lässt Hintertür offen

Die Mitteilung der UEFA zur Reform, die am Montag bei der Sitzung des Exekutivkomitees beschlossen worden war, lässt zudem ohne jeden Zweifel Raum für Änderungen. Alle Entscheidungen über Themen wie der Zugang zum Wettbewerb, die Koeffizientenrangliste, Spieltermine und finanzielle Ausschüttungen werden der Mitteilung zufolge "bis Ende des Jahres getroffen". Und: "Bei Bedarf kann das heute genehmigte Format auch noch abgeändert werden."

Die UEFA versprach zudem, sie werde "Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die finanzielle Solidarität noch mehr Vereinen, die nicht an UEFA-Klubwettbewerben teilnehmen, zugutekommt." Damit hat die UEFA kommunikativ praktisch bei allen wichtigen Forderungen der Ligen die Tür aufgestoßen.

Fan-Bündnisse fordern einen generellen Wandel

Es waren vor allem Fans, die mit ihrem geballten, klaren "Nein" gegen die Super League das Gebilde nach nur zwei Tagen zum Einsturz brachten. In Europa formulierten Fanbündnisse klare Forderungen an die UEFA, Änderungen an der Reform reichen demnach nicht. Das erste Ziel: Die Reform muss zurückgenommen werden "und unter Einbezug von Fans" ein neuer Prozess gestartet werden, hieß es in einer Erklärung, die zahlreiche deutsche Organisationen wie "Pro Fans" oder "Unsere Kurve" unterzeichneten.

Das europäische Bündnis Football Supporters Europe rief zu radikalen Reformen auf. "Die nicht nachhaltige Struktur des modernen Fußballs, seine mangelhafte Kontrolle, die weit verbreitete Ungleichheit und die grassierende Gier sind für alle sichtbar geworden", schreibt das Bündnis. Im Gegensatz zur Super League würden diese Dinge aber nicht so schnell verschwinden. Martin Endemann, der das Bündnis vertritt, sagt im Gespräch mit der Sportschau: "Der eigentliche Kampf geht jetzt erst los."

Fans zur Super League: "Wir haben den Fußball gerettet" Sportschau 21.04.2021 02:23 Min. Verfügbar bis 21.04.2022 Das Erste

Stand: 23.04.2021, 08:34

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