DFB will mit Video Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt stärken

Blick hinter die Maske

Sexualisierte Gewalt im Sport

DFB will mit Video Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt stärken

Von Andrea Schültke (Frankfurt a. M.)

"Blick hinter die Maske" heißt ein Video, das der DFB am Dienstag (21.09.2021) offiziell vorgestellt hat. Es geht um Täterstrategien am Beispiel eines Fußballtrainers, der zum Täter wird. Der Film zeigt, wie er sich systematisch und geplant Kindern annähert. Produziert von der Fachberatungsstelle Zartbitter empfiehlt der DFB das Video seinen Vereinen für die Präventionsarbeit. 

"Das Video ist schwer verdaulich, und das ist gut so!", sagt Stephan Osnabrügge, Kinderschutzbeauftragter des DFB, nachdem die Anwesenden den 20-minütigen Film gesehen haben. Der zeigt über animierte Zeichnungen von Dorothee Wolters bedrückend nachvollziehbar, wie der junge Fußballtrainer Gerd den Sport gezielt ausnutzt, um sich an Kinder heranzumachen.

"Verstehen, wie Täter funktionieren"

Einen Jungen hat er sich ausgeguckt. Über einen längeren Zeitraum nähert er sich an. Erst berührt er bei einer Autofahrt wie zufällig Timons Oberschenkel. Später schleicht er sich in die Umkleidekabine, greift dem Jungen zwischen die Beine. Bei einer Auswärtsfahrt sorgt er für eine Übernachtung im gemeinsamen Zimmer und fasst ihm in die Schlafanzughose.

Der Trainer schleimt sich bei Eltern ein und suggeriert dem Jungen, sie würden ihm nicht glauben, wenn er etwas über die sexuelle Gewalt erzählen würde, die der Trainer ihm antut. Über dieses typische Beispiel für eine Täterstrategie sollen die Vereine sensibilisiert werden, wenn es nach Osnabrügge geht: "Es ist unfassbar wichtig, dass die Vereine verstehen, wie Täter funktionieren und wie die Strategien sind, denn nur dann kann man sie erkennen und eingreifen."

Betroffene Jungen erreichen

Das Video hat die Fachberatungsstelle Zartbitter produziert. Für Ursula Enders vom Zartbitter-Vorstand ist das Beispiel des Fußballtrainers Gerd ein klassisches Beispiel aus ihrem Beratungsalltag. In der Zusammenarbeit mit dem DFB sieht die Expertin die Chance, eine Gruppe anzusprechen, die besonders schwer zu erreichen ist: betroffene Jungen. "Für die ist es meistens besonders schwer, eine Opfererfahrung offenzulegen", erklärt Enders. "Und wenn der starke DFB sich auf die Seite der Betroffenen stellt, werden viele mutig werden und sich Unterstützung holen."

Wenn sie das Video denn überhaupt sehen. Der DFB und Zartbitter werden es den Landesverbänden für Schulungen zur Verfügung stellen. Von dort soll es weiter verteilt werden an die Basis, also an die 25.000 Fußball-Vereine in Deutschland. Die müssten allerdings offen für das Thema Kinderschutz sein, so Stephan Osnabrügge und sieht darin "eine Aufgabe für die nächsten Jahre".

Gegensatz zu DFB-Spot mit Nationalspielern

Die Protagonisten in dem Video reden Klartext, sprechen von Penis, Erektion, oder homophoben Beschimpfungen wie "Schwuli". Ein absoluter Gegensatz zu dem kurzen Spot, den der DFB im vergangenen Jahr produziert hat. Nationalspieler wie Toni Kroos oder Joshua Kimmich erzählen da vom Spaß am Fußball und dass Kindern "nein" sagen sollen, wenn ihnen etwas komisch vorkommt oder sie sich unwohl fühlen.

Osnabrügge sieht in dem Zartbitter-Video aber keine Änderung der Kinderschutz-Strategie des DFB, sondern setzt auf die Kombination aus beidem: "Wichtig ist, dass die Vereine merken, dass es uns ernst ist, und es sollte ihnen auch ernst sein."

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Der Junge Timon aus dem Video vertraut sich schließlich einem Freund an, dann seinem älteren Bruder. Der organisiert Hilfe bei einer Fachberatungsstelle, und die Familie erstattet Anzeige. Der Trainer Gerd wird angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Täter gehen nach dem gleichen Muster vor

Täter wie Gerd aus dem Film gibt es nicht nur im Fußball. Ursula Enders berichtet von Fällen im Reitsport, der Leichtathletik, Eishockey, Eiskunstlaufen, Schach oder Judo, die sie kennt. Auch dort gehen die Täter strategisch vor. Das berichten auch Betroffene in Gesprächen immer wieder: Sie seien unter Druck gesetzt und zum Schweigen gebracht worden.

Oft haben sie sich die Schuld für die Übergriffe gegeben. Auch hier setzt für Enders von Zartbitter das Video an: Wenn betroffene Kinder und Jugendliche dadurch verstehen würden, "mit welch miesen Tricks sie reingelegt werden, reduziert das die Schuldgefühle".

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Stand: 21.09.2021, 15:50

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