Anlaufstellen für Opfer sexualisierter Gewalt in Stadien: Erste Schritte

Schriftzug #stehtauf und @schalkehilft auf Straßenpflaster

Sexualisierte Gewalt in Stadien

Anlaufstellen für Opfer sexualisierter Gewalt in Stadien: Erste Schritte

Von Jannik Schneider und Christian Hoch

Mehrere Vorfälle und eine ungewisse Dunkelziffer: Erste Bundesligavereine haben Konzepte entwickelt, um sexualisierte Gewalt gegen Frauen in ihren Stadien zu bekämpfen. Weil es aber an einigen Standorten noch an Bewusstsein und/oder Infrastruktur fehlt, gibt es noch großen Handlungsbedarf.

Lisa* erinnert sich gerne an den 2. Januar vor drei Jahren zurück: "Wir wollten Frauen bei 1860 sichtbar machen." Sechzig Fotos von Frauen und Mädchen, sechzig Fans des TSV 1860 München - mit der Fotoausstellung "Sechzge, Oide!" setzt die Faninitiative "Löwenfans gegen Rechts" 2017 öffentlich ein Zeichen gegen Sexismus im Fußball.

Es gibt damals viele positive Reaktionen, hängen bleibt Lisa aber die Aktion eines männlichen Fans. Der sei unverblümt während des Shootings aufgetaucht und habe gefragt, ob "wir auch die Telefonnummern der Frauen mit abdrucken würden. Das fände er super".

Weg von der Einzeltäter-Argumentation

Der Übergang von plumpem Sexismus zu sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen - er ist oft fließend. Und er ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht an den Stadiontoren halt macht. Mehr als 20 Fälle sexualisierter Gewalt sind, so das Ergebnis einer Sportschau-Recherche, in den vergangenen beiden Spielzeiten von den Profivereinen registriert worden. Viele Vereine gehen aber von einer viel höheren Dunkelziffer aus und sind sensibilisiert. Andere Verantwortliche haben dagegen noch nicht mal ein Problem erkannt.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen: Alltag in der Gesellschaft, Alltag im Stadion Sportschau 23.06.2020 02:51 Min. Verfügbar bis 23.06.2021 Das Erste

"Wenn ein Verein nur gemeldete oder in den Medien kommunizierte Fälle zählt, kann die Argumentation lauten: 'Das sind Einzelfälle'", erklärt Angelika Ribler, die beim Landessportbund Hessen das Referat Sport- und Jugendpolitik leitet, und den DFB berät. Dann sei es leicht, kein Problem zu erkennen.

Ziel: Täterunfreundliches Stadion

Expertinnen wie Ribler, die Vereine wie Alemannia Aachen und Eintracht Braunschweig bei ähnlichen Fragestellungen beraten hat, wissen, dass noch nicht alle Vereine so weit sein können. "Nicht alle haben eine riesige Geschäftsstelle und können mal eben eine Anlaufstelle mit drei Mitarbeiter*innen ausstatten. Viele haben ganz wenige hauptamtliche Mitarbeiter*innen."

Dennoch sei unabhängig von der Ligenzugehörigkeit das Bewusstsein für das Problem bei einigen Vereinsvertretern noch nicht vorhanden. "Der erste Schritt ist immer die Einsicht dafür, dass der Verein und Betroffene etwas benötigen", sagt Ribler. "Wenn ein Klub seine gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt, schafft er ein sogenanntes täterunfreundliches Umfeld im Stadion."

Hilfestellungen für Betroffene von Sexismus und oder sexualisierter Gewalt - unabhängig vom Budget des Vereins - gibt es noch nicht überall in Deutschlands Stadien. Anlaufstellen werden etwa auf Musikfestivals aber bereits länger umgesetzt. Viele Städte- und Kreise arbeiten zudem bereits seit 2016 mit einer vom Frauenhaus Münster entwickelten Idee, um Opfern von Übergriffen zu helfen. Mit dem Codewort 'Ist Luisa da?' können Frauen in Bars und Discotheken bei Mitarbeiter*innen, aber auch an Taxiständen schnelle Hilfe erwarten, ohne weitere Erklärungen abgeben zu müssen.

Die Sportschau befragte alle 54 deutschen Profivereine von der ersten bis zur dritten Liga nach Konzepten und Maßnahmen für Frauen, die Opfer von sexualisierter Gewalt an einem Spieltag werden. Weniger als die Hälfte meldete sich zurück, mit zum Teil ganz unterschiedlichen Antworten. Von den Klubs haben bis heute vier Vereine eine feste Anlaufstelle im Stadionumfeld verankert, drei weitere Klubs entwerfen dafür gerade Konzepte.

Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt (54 befragte Klubs, 25 Antworten)
AnlaufstelleHilfstelefon/ MailCodewortPrävention/ HandlungskonzeptSchulung Mitarbeiter/ Ordner
installiert4711712
in Planung311

"Panama-Kozept" bei Borussia Dortmund

Angelika Ribler: "Es ist gut, wenn Menschen aus verschiedenen Ebenen des Vereins mitmachen" Sportschau 23.06.2020 01:55 Min. Verfügbar bis 23.06.2021 ARD

"Wir haben uns Hilfe von externen Fachstellen geholt", sagt Daniel Lörcher. Mit der Sportschau spricht der langjährige Fanbeauftragte und jetzige Abteilungsleiter der Corporate Responsibility bei Borussia Dortmund erstmals öffentlich konkret über Ausgestaltung und Idee des Konzepts für eine feste Anlaufstelle im Dortmunder Stadion.

Herausgekommen ist das "Panama-Konzept", angelehnt an die Maßnahmen eines Festival-Veranstalters. So soll es ab der kommenden Saison, wenn denn wieder Zuschauer und Zuschauerinnen zugelassen sein sollten, einen "Panama"-Raum unterhalb der Südtribüne geben. Betroffene können sich mit "Wo liegt Panama?", aber einfach auch nur "Panama" bemerkbar machen.

Der Raum soll via BVB-App, den Videoleinwänden und Postern großflächig im Stadion beworben werden. Darüber hinaus sollen mehrere Mitarbeiter*innen für die neue Saison gezielt geschult werden, Ordner eine Notfalltaschenkarte erhalten, um sich bei einem Fall rückversichern zu können: "Eine weitere Idee ist, dass Fans, die sich beteiligen wollen, einen sichtbaren Pin erhalten sollen." Damit sollen betroffene Personen leichter erkennen, von wem sie noch mehr Hilfe bekommen können.

Daniel Lörcher, BVB: "Wir brauchen keinen Vorfall..." Sportschau 23.06.2020 01:29 Min. Verfügbar bis 23.06.2021 Das Erste

Austausch mit Schalke 04

Lörcher hat sich zum Thema auch immer wieder ausführlich mit Verantwortlichen des Rivalen FC Schalke 04 ausgetauscht. Schalke hat sein Konzept zu Beginn der aktuellen Saison implementiert, als die #stehtauf-Anlaufstelle für Vorfälle gegen Diskriminierungen jeglicher Art ins Leben gerufen wurde. Sie ist beim Treppenhaus 13 im Vereinsmuseum zu finden und dient als Schutzraum für Betroffene und Beobachter*innen von Diskriminierungen im Stadion.

Schalke schreibt dazu auf Anfrage: "Menschen werden dort aufgefangen und an die regionalen Beratungsstellen vermittelt. Im Stadion kann es aber beispielsweise auch darum gehen, ärztliche Hilfe anzubieten, ein offenes Ohr oder einfach nur einen kurzen Moment der Ruhe zu bieten, der ansonsten an diesem Ort nicht möglich wäre." Die Mitarbeiter*innen an der Anlaufstelle seien qualifiziert.

"Ankerplatz" in Hamburg

Auch der HSV hat mit dem "Ankerplatz" bereits einen Schutzraum rund um das Volksparkstadion installiert. Arminia Bielefeld ist in den Planungen eines konkreten Handlungskonzepts ziemlich weit, der SV Darmstadt 98 hat mit "Lily" schon ein Konzept installiert.

Es sind diese Verzahnungen zwischen den Vereinen, die auch für Angelika Ribler wichtig sind, um das Problem sexualisierter Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen: "Man sollte Vereine stärken und nicht überfordern – zum Beispiel mit mehr hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, damit sich Frauen im Stadion noch wohler fühlen. Jede*r muss merken: Mein Verein nimmt die Problematik ernst. Ich bin nicht die erste und nicht die einzige, bei der so etwas vorkam."

Lisa hatte mit "Löwenfans gegen Rechts" für dieses Jahr eigentlich weitere Aktionen zu dem Thema sexualisierte Gewalt und Sexismus im Fußball geplant - wegen des Coronavirus sind diese vorerst auf Eis gelegt. Doch sie will weiterkämpfen und nimmt dafür nicht nur die Vereine, sondern auch die Fans in die Pflicht: "Es wäre extrem wichtig, dass Fans sich untereinander sensibilisieren. Wir müssen das Klima von Härte und Loyalität durchbrechen."

* Löwen-Fan Lisa möchte nicht, dass ihr Nachname öffentlich genannt wird. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

Stand: 25.06.2020, 10:11

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