Die verpasste Revolution: Warum die Serie A in der Krise steckt

Cristiano Ronaldo ist verzweifelt

Serie A

Die verpasste Revolution: Warum die Serie A in der Krise steckt

Von Jörg Seisselberg

Ein Italiener erfand in den 90er Jahren den modernen Fußball - drei Jahrzehnte später ist der italienische Fußball international nicht wettbewerbsfähig. Woran liegt das?

Es gab eine Zeit, da war die Serie A das Maß der Dinge im Fußball. Juventus Turin und der AC Mailand gaben sich in den Finalen der Champions League die Klinke in die Hand. Der Rest Europas schaute beeindruckt auf die Serie A, auf ihre Stars, den Glamour, die vollen Stadien, den Erfolg. So war es, Anfang der 1990er Jahre.

Aktuell ist nichts davon geblieben. In die Viertelfinale der europäischen Wettbewerbe hat es Italien mit so vielen Vereinen geschafft wie Kroatien und Tschechien. Die Serie A auf einem Level mit der Prva HNL und der Fortuna Liga.

International nicht wettbewerbsfähig

Elf Jahre nachdem mit Inter Mailand letztmals ein italienisches Team die Champions League gewann, ist der AS Rom in der Europa League der letzte verbliebene Vertreter aus der einstigen Edelliga. "Italiens Fußball ist auf europäischer Ebene nicht mehr wettbewerbsfähig", lautet das harsche Urteil der Zeitung "Corriere dello Sport".

Kein Wunder, meint Trainer-Ikone Arrigo Sacchi. Italien habe den Anschluss an den modernen Fußball verpasst. Sagt der Mann, der den modernen Fußball in Europa implementiert hat. Der offensive Ballbesitz- und Kombinationsfußball seines AC Mailand in den 1990ern hat heutige Trainergrößen wie Guardiola, Klopp oder Tuchel inspiriert.

"Aber", klagte der zweifache Champions-League-Sieger Sacchi kürzlich anlässlich seines 75. Geburtstags, "meine Revolution ist überall kopiert worden – nur nicht in Italien". Die Sache mit dem Propheten und dem eigenen Land. In der Serie A hieß schnell wieder die Devise: Aus einer stabilen Defensive zum Erfolg kommen, Taktik schlägt Tempo. Mehr Trapattoni, weniger Sacchi – während sich der Rest Europas in die andere Richtung bewegte.

Taktik, Taktik und noch einmal Taktik

Hohes Pressing, der Goldstandard europäischer Topteams, ist in der Serie A nach wie vor die Ausnahme. Atalanta Bergamo praktiziert es und erzielt damit in Europa Achtungserfolge. Der AS Rom hat sich dem schönen Fußball verschrieben und ist nicht zufällig das letzte in Europa vertretene Team. Auch ein paar Teams aus der Tabellenmittelklasse trauen sich ebenfalls offensives Denken, wie Verona oder Sassuolo.

Generell aber, kritisiert die "Gazzetta dello Sport" in einer ausführlichen Analyse über die Probleme des italienischen Fußballs, überwiege im Training der Serie-A-Teams nach wie vor die konservative Schule, mit Taktik, Taktik und noch einmal Taktik.

Dass italienische Teams in der Champions League zuletzt auch aufgrund von Fehlpässen und Ballverlusten entscheidende Gegentore kassiert haben, sei kein Zufall. Der Taktikfetisch im Land, kritisiert die Gazzetta, führe dazu, dass die Technikschulung auf höchstem Niveau zu kurz komme.

Serie A ist auf dem Weg zum Altersheim

Innovation von außen gibt es kaum. Die Serie A schmort weitgehend im eigenen Saft. Außer dem Portugiesen Paulo Fonseca beim AS Rom sind nur Italiener (oder einst im italienischen Fußball Aktive) Trainer in der Serie A.

Vorbei ist auch die Zeit, in der es die Topstars der Welt nach Italien zog. Die Serie A ist auf dem Weg zum Altersheim des europäischen Fußballs. Große Kicker wie Cristiano Ronaldo (36) und Zlatan Ibrahimovic (39) hat es im Herbst ihrer Karriere nach Italien gezogen, wo sie immer noch glänzen, auch weil Taktik statt Tempo erfahrenen Spielern entgegenkommt.

Kein Geld, veraltete Stadien, Probleme mit Rechtsextremen

Die jüngeren Topstars kommen nicht mehr, weil in Italien mittlerweile weniger Geld fließt als in Manchester, Madrid, Barcelona oder Paris. Vorbei sind die Zeiten, in denen eitle, aber spendable einheimische Geschäftsleute reichten, um international top zu sein. Die Berlusconis, Morattis und Ferlainos spielen finanziell in einer anderen Liga als arabische Emirate.

Hinzu kommt in Italien eine veraltete Stadioninfrastruktur. Die generell auf dem Land lastende Bürokratie bei Bauprojekten schlägt auch im Fußball durch. Und zu schlechter Letzt hat Italien sein Problem mit Rechtsextremisten und Gewalttätern in den Stadien immer noch nicht im Griff, was das Stadionerlebnis nicht immer zum Vergnügen macht.

Hoffung ruht auf italienischer Nationalmannschaft

Keine Hoffnung also? Doch! Branchenführer Juventus Turin will mit Andrea Pirlo zum modernen Angriffsfußball wechseln. Bislang läuft dies nicht wie gewünscht, aber die Weichen sind gestellt.

Und dann gibt es eine vielversprechende neue Spielergeneration in Italien. Mit Federico Chiesa, Nicolo Barella, Alessandro Bastoni, Manuel Locatelli, Nicolo Zaniolo und dem derzeit in Paris spielenden Moise Kean. Mehrheitlich alle aus der Abteilung Attacke.

Sie alle debütierten auch bereits in der Nationalmannschaft - und auch hier gibt es Hoffnung: Trainer Roberto Mancini, als Vereinscoach vorzugsweise mit hochbezahlten Stars erfolgreich, versucht sich auf seine alten Tage als Innovator – indem er auf junge, dynamische Spieler setzt und Angriffsfußball predigt: "Ich möchte erneuern, wie Arrigo Sacchi", ließ er sich unlängst zitieren. Vielleicht schließt sich der Kreis ja doch.

Stand: 08.04.2021, 08:51

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