Jose Mourinho auf einer Vespa als Street Art

Fußball | Italien Mourinho in Rom: Yesterday Man statt Special One?

Stand: 19.11.2021 11:14 Uhr

José Mourinho wurde im Sommer mit großen Erwartungen bei AS Rom empfangen. Die Begeisterung ist längst verflogen. Und Mourinho gibt allen anderen die Schuld an der sportlichen Misere.

Von Jörg Seisselberg (Rom)

Ruhm kann schnell verblassen. Zu besichtigen ist dies in der Via Giovanni Branca in Rom. Hier im Stadtteil Testaccio, dem Ursprungsort der Associazione Sportiva Roma, ist José Mourinho nach seiner Ankunft im Sommer mit einem großen Wandgemälde geehrt worden.

Aktuell zehrt das Herbstwetter an den Farben des Bildes, das den neuen Roma-Trainers landestypisch auf einer Vespa zeigt. Noch mehr gelitten hat in den ersten Monaten der sportliche Ruf des zweifachen Champions-League-Siegertrainers. Die AS Rom steckt nach knapp einem Drittel der Saison in der Krise.

Statt für Glanz steht Mourinho für Blamagen

Groß waren die Hoffnungen, als der selbsternannte "Special One" in einer spektakulär inszenierten Pressekonferenz Anfang Juli in Italiens Hauptstadt vorgestellt wurde. Mourinho ließ sich wie immer nicht lumpen, zitierte Marc Aurel und versprach, die Roma werde wieder Titel bejubeln können. Jetzt herrscht Ernüchterung. Denn der fast zwei Jahrzehnte so erfolgreiche Portugiese setzt in Rom aktuell den Niederlagenreigen seiner vorherigen Station Tottenham Hotspur fort. Vereinübergreifend, rechnet "La Repubblica" vor, hat Mourinho 13 seiner vergangenen 20 Spiele verloren. Es drängt sich die Frage auf, ob die Roma statt eines "Special One" einen "Yesterday Man" verpflichtet hat.

Statt für erhofften neuen Glanz steht Mourinho bei den "Giallorossi" bislang für eine der größten Blamagen der Vereinsgeschichte. In der Europa Conference League verlor die glorreiche Roma 1:6 gegen das norwegische Team von Bodö/Glimt. Gegen die Kicker vom Polarkreis reichte es auch im Rückspiel, trotz vollmundiger Mourinho-Revancheversprechen, nur zu einem mühevollen 2:2.

In der Liga läuft es kaum besser. Beim Aufsteiger Venedig hat Rom zuletzt 2:3 verloren, die Spieler mussten sich auf der Rückfahrt durch die Lagune von vorbeischippernden Fans verspotten lassen. In der Tabelle der Serie A liegt die Roma nach hoffnungsvollem Start nur noch auf Platz sechs, mit schon 13 Punkten Rückstand auf das Spitzenduo Neapel-Milan.

Mourinho gibt allen anderen die Schuld

Als irritierend in Rom empfinden viele, wie Mourinho auf die Krise reagiert. Der 58-Jährige war nie ein Freund öffentlicher Selbstkritik. Die Schuld an den Niederlagen sucht er auch diesmal ausschließlich bei anderen. Die Mourinho-Erklärungen für die enttäuschenden Auftritte in Kürze: Der Kader sei nicht gut genug, die vorherige Vereinsführung hätte den Klub finanziell ausgelaugt, die Schiedsrichter pfiffen gegen die Roma, und die Journalisten stellten die falschen Fragen und hätten so oder so keine Ahnung.

José Mourinho ermahnt einen Schiedsrichterassistenten

Alle kriegen ihr Fett weg: Mourinho ermahnt einen Schiedsrichterassistenten

Mourinho gegen den Rest der Welt. Ein bei ihm bekanntes Stilmittel, wenn es eng wird. Die Roma aber rüttelt das bislang nicht auf. Im Gegenteil, die Mannschaft macht einen zunehmend verunsicherten Eindruck. Wenig verwunderlich, nachdem Mourinho im Anschluss an die Blamage bei Bodö/Glimt der Hälfte seines Kaders die Erstligatauglichkeit abgesprochen hat. Einige Spieler hätten nur Serie-B-Niveau, sagte Mourinho, und beklagte das angebliche Leistungsgefälle zwischen seinem Stammteam und dem Rest: "Eine Sache sind zwölf,13 Spieler, eine andere Sache alle übrigen Spieler."

An den Pranger gestellt waren damit unter anderem Nachwuchshoffnungen wie Darboe, Calafiori oder Villar, die im vergangenen Jahr unter Vorgänger Paulo Fonseca noch sehr überzeugende Spiele in der Serie A und der Europa League gemacht haben. Nicht nur der "Corriere dello Sport" empfindet es als wenig souverän, wie der hochdekorierte Trainer derzeit die schwächsten Glieder seines Teams zu Sündenböcken macht.

AS Rom spielt schlicht schlechten Fußball

Vor allem, weil auch in Mourinhos erster Elf wenig zusammenläuft. AS Rom spielt seit Wochen schlicht schlechten Fußball. Offensiv fantasielos mit weiten Flanken als wichtigstem Stilmittel und in der Defensive - untypisch für Mourinho-Teams - schlecht organisiert und vom Gegner mit wenigen schnellen Kombinationen einfach auszuspielen. Die Roma sollte mit Inter und Juventus auf Augenhöhe agieren und ist derzeit gegen Bodö/Glimt und Venedig chancenlos.

Nicolo Zaniolo

Top-Talent Nicolo Zaniolo bleibt unter seinen Möglichkeiten

Für 82,5 Millionen Euro durfte Mourinho einkaufen - das ist mehr Geld als die großen drei Inter, Milan und Juventus im Sommer ausgegeben haben. Hinzukommt für Mourinho als faktisch Neuer Nicolo Zaniolo, neben Enrico Chiesa Italiens größtes Offensivtalent. Fast die komplette vergangene Saison fehlte Zaniolo, jetzt ist er wieder fit - spielt aber bislang bei Mourinho, wie die gesamte Mannschaft - unter seinen Möglichkeiten.

Zu allem Übel scheint der Roma auch die Mentalität abhandengekommen, die Mourinho-Teams üblicherweise auszeichnet und dank der die Roma in der Anfangsphase der Saison auch nach durchschnittlichen Leistungen noch Spiele gewinnen konnte. Wer als Journalist versucht, den Trainer nach Gründen zu fragen, wird angefaucht.

Vereinsbesitzer hallten an Mourinho fest

Sorgen um seine Zukunft muss sich Mourinho allerdings noch nicht machen. Dan Friedkin und sein Sohn Ryan, die amerikanischen Vereinsbesitzer, halten bislang offensichtlich unbeirrt an Mourinho fest. Das Adjektiv "offensichtlich" ist Pflicht. Denn seit ihrem Einstieg in Rom im Juni 2020 haben sich die Friedkins, die bei fast jedem Spiel auf der Tribüne sitzen, öffentlich nicht geäußert. Die Roma-Fans wissen bis heute nicht, wie ihre Stimme klingt.

Die Verpflichtung des titelreichen Trainers soll die statistikfixierten Amerikaner im Sommer aber sehr stolz gemacht haben. Dieser Vertrauensvorschuss scheint trotz des durchwachsenen Saisonstarts nicht aufgebraucht. Selbst gut vernetzte römische Sportjournalisten sehen bislang noch keine Anzeichen von Handlungsaktivismus.

Auch in den in Rom sehr einflussreichen lokalen Sportradios überwiegt bislang der Respekt vor den jahrelangen Erfolgen Mourinhos. Entgegen des hier sonst üblichen aggressiven Umgangstons kritisierten die radiophonen Meinungsmacher den Trainer nach Niederlagen zwar in Einzelfragen, verdammen ihn aber nicht pauschal.

Nächster Gegner CFC Genua unter Schewtschenko

José Mourinho selbst bleibt sich treu und gibt sich in der Krise unbeeindruckt. Nach zuletzt ein paar Tagen in der alten Heimat London hat er sich via Social Media bei den Fans zurückgemeldet und verkündet, es werde weiter hart für Erfolg gearbeitet.

Zum Wiederbeginn nach der Länderspielpause steht für die AS Rom das Spiel beim CFC Genua an. Für Mourinho bedeutet dies ein unerwartetes Wiedersehen. Denn neuer Trainer des Tabellenviertletzten ist Andrij Schewtschenko. Der einstige Fußballer des Jahres in Europa war beim FC Chelsea Spieler unter Mourinho. Das Verhältnis war nicht einfach. Mourinho befand auch Schewtschenko, damals einer der weltbesten Stürmer, manchmal als nicht gut genug, um bei ihm in der ersten Elf zu stehen. Der Ukrainer sagt, er würde sich freuen, das Spiel am Wochenende zu gewinnen.