Inter Mailand auf dem Weg zum Titel: Erfolg statt Schönheitssalon

Antonio Conte bejubelt das Führungstor von Romelu Lukaku

Serie A

Inter Mailand auf dem Weg zum Titel: Erfolg statt Schönheitssalon

Von Jörg Seisselberg

Inter Mailand steht nach elf Siegen in Folge vor dem Gewinn der Meisterschaft - für ihre Spielweise wird die Mannschaft in Italien aber nicht geliebt.

Ein Jubelschrei. Und noch einer, und noch einer, und noch einer. Immer wieder stößt Trainer Antonio Conte die geballten Fäuste nach vorne und schreit seine Freude heraus. 1:0 in Cagliari gewonnen, der elfte Sieg in Folge, elf Punkte Vorsprung in der Serie A für Inter Mailand. Spieltag um Spieltag wächst die Gewissheit, dass der Scudetto in dieser Saison an das Conte-Team geht.

Zwar gilt Inter traditionell als die Dramaqueen der Serie A, immer in der Lage, schon sicher Geglaubtes noch zu verspielen. Derzeit aber treten die "Nerazzurri" derart dominant auf, dass nur noch Leute mit zu viel Geld auf einen anderen Meister als Inter Mailand tippen.

Viel Respekt, wenig Zuneigung für Inter

Erstaunlich angesichts der eindrucksvollen Siegesserie, die in Cagliari fortgesetzt wurde: In Italien hat sich das Team Respekt, aber nur wenig Zuneigung erarbeitet. Denn der Fußball, den Conte verordnet, polarisiert. Der "Corriere della Sera" bringt es auf die Formel: Inter Mailand spiele so hässlich, dass es schon wieder schön ist.

Was Italiens größte Tageszeitung meint, war exemplarisch vergangene Woche gegen Sassuolo Calcio zu sehen. Das auf Kurzpässe setzende Sassuolo hatte 70,3 Prozent Ballbesitz, Inter ganze 29,7 Prozent. Sassuolo spielte 1.044 Pässe, Inter 555. Trotzdem gewannen die Mailänder am Ende souverän mit 2:0 und erlaubten den Tiki-Taka-Kickern aus Sassuolo nur zwei Torchancen.

Mit einer Defensivarbeit, wie von Conte auf die Taktiktafel gemalt: Bei gegnerischen Angriffen stehen fünf Spieler in einer Reihe, ungefähr auf der Höhe des Elfmeterpunkts, weitere drei Inter-Akteure davor an der Strafraumgrenze. Durchkommen mit Kombinationsfußball? Schwer möglich.

Conte: Die Meisterschaft ist wichtig, die Ästhetik nicht

Zur Kritik, Inter spiele erfolgreich, aber hässlich, zuckt Conte die Schultern. Nicht die Ästhetik sei wichtig, entgegnet der Trainer, sondern dass am Ende der Meistertitel steht. Um bissig nachzuschieben: "Für die Ästhetik werden wir in einen Schönheitssalon gehen und uns ein Lifting machen lassen".

Der derzeitige Inter-Erfolg trägt in jeder Facette die Handschrift Contes. Eine "Weiter-immer-weiter"-Mentalität, Siegeswillen, höchste Disziplin, hundertprozentige Konzentration von der ersten bis zur letzten Minute. Aber halt auch Catenaccio 2.0.

Womit Conte im Grunde Inter-Traditionspflege betreibt. Helenio Herrera, Inters argentinischer Erfolgstrainer der 1970er Jahre, machte den Catenaccio berühmt und führte die Mailänder zu drei Meister- und zwei Europacuptiteln. Später gelang Inter Mailand unter Giovanni Trapattoni eine Saison der Rekorde und unter José Mourinho das Triple aus Champions League, Meisterschaft und Pokal. Zwei Trainer, die ebenfalls nicht für Champagner-Fußball stehen.

Orientierung an der Urform des Catenaccio

Was den derzeitigen Erfolg Inters bemerkenswert macht: Conte orientiert sich an der Urform des Catenaccio, die alles andere als stures Verteidigen war. Das Schlagwort Catenaccio liegt auf der Zunge, wenn eine italienische Mannschaft sich auf die Defensive konzentriert. Contes 3-5-2-System ist mehr.

Es ist ein bisschen wie in den 1960er Jahren, als Inter mit dem legendären Giacinto Facchetti die Rolle des offensiven Außenverteidigers quasi erfunden hat. Denn der artenreine Catenaccio lebt, außer von einer verlässlichen Abwehr, von schnellen Außenbahnspielern, temporeichem Umschaltspiel und schnellen, treffsicheren Stürmern. Es ist die Blaupause des Conte-Teams 2020/21, das sich anschickt, nach elf Jahren für Inter wieder den Meistertitel zu gewinnen.

Inter funktioniert als gut organisiertes Kollektiv

Stefan de Vrij klärt ein brenzlige Situation gegen Cagliari Calcio

Wie Conte-Fußball in der Offensive funktioniert, war ebenfalls zu sehen im erwähnten 30:70-Ballbesitzspiel in Sassuolo. Etwa beim Tor zum 2:0. Direktspiel aus dem eigenen Strafraum über drei Stationen in neun Sekunden, zack, zack, zack, erfolgreicher Abschluss inklusive. Oder das Siegtor in Cagliari: Ebenfalls eine schnelle Kombination, dann stehen die beiden Außenverteidiger plötzlich als vorderste Stürmer im gegnerischen Fünf-Meter-Raum, Hakimi legt ab, Damian schiebt aus kurzer Distanz ein. 1:0, Partie entschieden.

Starkes Sturm-Duo und verbesserte Youngster

Inter funktioniert in erster Linie als gut organisiertes Kollektiv, Conte hat aber auch die Qualität, Spieler besser zu machen. Sogar seine Stars Romelu Lukaku und Lautaro Martinez, mit zusammen 36 Toren derzeit eines der erfolgreichsten Sturmduos in Europa. Lukaku (21 Treffer) spielt die vielleicht stärkste Saison seines Lebens, Lautaro hat Kontinuität gefunden.

Die Jungen profitieren ebenfalls. Der ehemaliger Dortmunder Achraf Hakimi (22) hat einen weiteren Entwicklungssprung gemacht, Nicolo Barella (24) ist zum besten Mittelfeldspieler Italiens gereift, Abwehrmann Alessandro Bastoni (21) zu einer Stütze des Nationalteams aufgestiegen.   

Dass dabei ein Fußball herauskommt, der nicht immer schön anzusehen ist, lässt den schwarzblauen Teil Mailands kalt. Aldo Serena, ehemaliger Torjäger mit Inter-DNA, sagt trocken: "Fußball ist keine Zirkusvorstellung".

Stand: 12.04.2021, 08:00

Darstellung: