Fanforscher Robert Claus im Interview

Querdenken in Leipzig: Fußball-Hooligans entscheidend an Ausschreitungen beteiligt

Niklas Schenk

Fußball-Hooligans in der ersten Reihe: Anhänger aus Leipzig, Chemnitz oder Cottbus haben entscheidend zu den Ausschreitungen in Leipzig am Wochenende beigetragen, sagt Fanforscher Robert Claus. Querdenken-Unterstützer feiern die Hooligans euphorisch.

Wegen der Hooligans hätten sich die Polizisten zurückgezogen, sagen Fanforscher Claus und weitere Szenekenner, die vor Ort das Szenario beobachtet hatten. "Die Hooligans haben nicht das erste Mal das Gewaltmonopol des Aufmarsches gestellt", sagt Claus. Ohne die Hooligans hätte der Demonstrationsmarsch über den Leipziger Ring nicht stattgefunden. Die Hooligans wären in erster Reihe vorweggegangen und hätten als "Wellenbrecher" den Weg durch die Welle an Polizisten freigemacht. Nachdem die Polizisten sich daraufhin zurückzogen, wurde der Marsch durch die Leipziger Innenstadt möglich.

Die Polizei hatte die überwiegend friedliche Hauptversammlung am Leipziger Augustusplatz am Samstagmittag (07.11.2020) zunächst aufgelöst, da sich viele Teilnehmer nicht an die Maskenpflicht oder den Mindestabstand gehalten hatten.

Fan-Forscher Robert Claus: "Wir reden von einer professionalisierten Gewaltszene" Sportschau 11.11.2020 07:12 Min. Verfügbar bis 11.11.2021 Das Erste

Mehrere hundert Personen hatten sich seit Mittag in der Nähe des Hauptbahnhofs aufgehalten – unter ihnen nach Sportschau-Informationen überwiegend Kampfsportler und bekannte Hooligans aus dem Fußballumfeld. Nachdem Pyrotechnik auf die Polizei geworfen worden war und Straßensperren eingerissen wurden, kam es zunächst zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, ehe sich diese – zahlenmäßig den Hooligans weit unterlegen – zurückzog.

"Hooligans haben euch die Ärsche gerettet"

Dem anschließenden Marsch über den Leipziger Ring schlossen sich neben den Hooligans und Kampfsportlern tausende Teilnehmer der Querdenken-Demo an. In sozialen Netzwerken und Telegramgruppen der Querdenken-Initiative wird den Hooligans für ihren Einsatz euphorisch gedankt. So schreibt ein Unterstützer der Bewegung: "Ohne unsere Hooligans hätte der Spaziergang nicht stattgefunden. Die haben euch die Ärsche gerettet. Mit Meditation und Yoga kommt an der Polizeiabsperrung keiner durch."

Robert Claus, der sich als Buchautor mehrfach kritisch mit der Hooliganszene auseinandergesetzt hat, war am Samstag in Leipzig selbst vor Ort. Er schätzt, dass eine hohe dreistellige Anzahl an Hooligans und Kampfsportlern vor Ort war. "Laut meinen Erkenntnissen waren Anhänger von Lokomotive Leipzig da, vom Chemnitzer FC, vom FSV Zwickau, vom Halleschen FC und, dafür gibt es etwas weniger Belege, von den Vereinen aus Rostock und Cottbus." Auf Fotos des Instagramprofils der extrem rechten "GruppaOF" schreiben die Hooligans selbst, dass Anhänger diverser ostdeutscher Fußballklubs vor Ort gewesen seien.

Claus: Klare Arbeitsteilung bei Demos

Seit Anfang August würden sich Hooligans verstärkt der Querdenken-Initiative anschließen, so Experte Claus. Ihnen ginge es weniger um Kritik an den Corona-Maßnahmen: "Rechte Hooligans stellen selten die Redner, sie organisieren auch nicht die Informationstische, sondern sie stellen die Muskelkraft. Wenn es darum geht, eine Polizeikette durchzubrechen oder den politischen Gegner anzugreifen, ist genau das ihre Aufgabe. Die Arbeitsteilung konnte man in Leipzig zur Perfektion sehen."

Zahlenmäßig stellten die Hooligans zwar nur einen kleinen Anteil der zehntausenden Teilnehmer an der Demonstration. Mit ihrer Funktion, die Polizeiabsperrung zu durchbrechen, hätten sie jedoch eine entscheidende Aufgabe eingenommen. Trotzdem marginalisierte Michael Ballweg, Organisator der Querdenken-Demonstration, die Vorfälle anschließend: Wenn ein Prozent der Teilnehmer rechtsextrem seien, würde er nicht von einer "maßgeblichen Beeinflussung" sprechen.

2018 waren Hooligans in Chemnitz beteiligt

Schon in der Vergangenheit waren Fußball-Hooligans an Ausschreitungen maßgeblich beteiligt, etwa bei den Überfällen auf den Leipziger Stadtteil Connewitz 2016 oder den Legida-Protesten 2015. Fußballkonflikte treten dann für die Hooligans in den Hintergrund – um politische Gewalt auszuleben, tun sich auch ansonsten verfeindete Fangruppen schon mal zusammen. 2018 hatte die Chemnitzer Fangruppe "Kaotics" öffentlich zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen und so einen großen Anteil daran, dass es später zu "Hetzjagden" durch die Stadt kam.

Im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern der Querdenken-Demonstration hatten viele Hooligans am Wochenende eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen. Auf Instagram-Einträgen der Hooligans-Gruppe "GruppaOF" sind eindeutig Hooligans zu erkennen, die zunächst zusammen posieren und später die Polizei attackieren.

Die Sportschau hat umfangreiches Bildmaterial der Ausschreitungen vor Ort ausgewertet. Definitiv anwesend waren Hooligans von Lok Leipzig, unter ihnen auch Personen, die 2016 bei den Überfällen im Leipziger Stadtteil Connewitz beteiligt waren. Auch Anhänger der Chemnitzer Fangruppe "Kaotics", die 2018 bei den Protesten in Chemnitz eine Hauptrolle gespielt hatte, waren in Leipzig vor Ort.

Wohl keine Lazio-Hooligans vor Ort

Auf Fotos sind zudem Hooligans in Fanklamotten des Halleschen FC erkennbar. Einige Anhänger von Lok Leipzig tragen einen Mundschutz mit Verweis auf ihren Fußballverein. Ein Banner mit der Aufschrift "Coronawahnsinn stoppen!", das zuletzt bei Spielen von Energie Cottbus im Stadion zu sehen war, wurde von Teilnehmern auch auf der Leipziger Demo präsentiert. Ob tatsächlich, wie zunächst angenommen, auch Hooligans von Lazio Rom nach Leipzig gereist waren, erscheint inzwischen fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass lokale Leipziger Hooligans Klamotten des bei Rechtsextremen verehrten Lazio trugen.

Seit Wochen hatten antirassistische Organisationen wie das "Jüdische Forum" oder "Democ" vor einem solchen Szenario in Leipzig gewarnt. Szenekenner kritisieren deshalb die Polizei für das zu geringe Aufgebot und die Politik für das Ignorieren der Warnsignale im Vorfeld. Auch Sachsens Innenminister Roland Wöller steht dafür in der Kritik, dass er auf einer Pressekonferenz die Vorfälle vom Wochenende heruntergespielt haben soll.

Fußball: Versäumnisse vor allem in der Vergangenheit

Und auch der Fußball hat seinen Anteil und wird kritisiert. "Wenn man sich die Hooliganszene in Ostdeutschland anguckt, sprechen wir nicht mehr von unorganisierten Straßenschlägern, sondern wir reden von einer professionalisierten Gewaltszene, die sich über Jahrzehnte etabliert hat", sagt Hooligan-Experte Robert Claus. Diese hätten sich nur deshalb so etablieren können, weil "manche Fußballvereine dagegen über Jahrzehnte nichts gemacht" hätten.

In den vergangenen Jahren habe bei manchen Vereinen ein Umdenken eingesetzt, so engagieren etwa Energie Cottbus und der Chemnitzer FC inzwischen Anti-Rassismus-Beauftragte oder arbeiten mit Schulen an Präventionsangeboten. Diese müssten langfristig weitergeführt werden, sagt Claus. Die Versäumnisse lägen vor allem in der Vergangenheit, wo sich Hooligans "jahrzehntelang ohne Gegenwehr" hätten radikalisieren können.

Junge Männer können über den Sport rekrutiert werden

Neben Fußball seien auch die Rechtsrock-Szene und der Kampfsport beliebte Milieus, um Hooligans anzuwerben. "Fußball bietet eine große Öffentlichkeit und eine breite Masse an jungen Männern, wo man rekrutieren kann", sagt Fanforscher Claus. Glücklicherweise würde im Fußball gegen diese Entwicklung inzwischen mehr unternommen als etwa im Kampfsport. "Der DFB kann seine Aktivitäten schon noch steigern, aber es ist ja auch erstmal positiv, dass es überhaupt einen Anti-Diskriminierungs-Preis gibt", sagt Claus.

Was bleibt von den Ausschreitungen in Leipzig? In Chatgruppen kennt die Freude über die durchbrochene Polizeiabsperrung und den anschließenden symbolträchtigen Marsch über den Leipziger Ring keine Grenzen. "Die Jungs haben uns den Weg geebnet", schreibt ein Querdenken-Unterstützer in einer Telegram-Gruppe bezugnehmend auf die Fußball-Hooligans. Die Hooligans selbst prahlen in den Chats damit, dass sie "den Weg frei geboxt" hätten und dafür "von den Bullen auch einiges einstecken" mussten.

Lübcke-Mord als warnendes Beispiel?

In Leipzig habe es "Szenen der Selbstermächtigung" gegeben, sagt Fanforscher Robert Claus. "Die Szene feiert diese gewalttätigen Erfolge und zieht daraus weitere Motivation. Politische Kräfte, die dies nun kleinreden, tragen dazu bei, dass die Neonazis zu weiteren Demonstrationen kommen und die Gewalt weiter eskaliert."

Heike Kleffner, freie Journalistin und Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, warnte auf Twitter vor einer zunehmenden Radikalisierung. Im Prozess zum Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke habe einer der angeklagten Neonazis ausgesagt, dass der Tatentschluss nach der Massenmobilisierung 2018 in Chemnitz gefallen sei.