Werner beim FC Chelsea - ein Spieler, zwei Gesichter

Timo Werner im Spiel gegen West Ham United

Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid

Werner beim FC Chelsea - ein Spieler, zwei Gesichter

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Timo Werner erlebt beim FC Chelsea eine schwierige erste Saison. Sein Formanstieg zuletzt wird immer noch durch Chancenverschwendung getrübt. Die Lösung soll mehr Gelassenheit sein.

Am Samstag (24.04.2021) gab es Timo Werner doppelt. Er schoss den FC Chelsea mit seinem Treffer kurz vor der Pause zum 1:0-Erfolg bei West Ham United, einem direkten Konkurrenten um die Champions-League-Teilnahme, und bescherte der Mannschaft damit eine gelungene Generalprobe für das Halbfinal-Hinspiel in der aktuellen Ausgabe der Königsklasse bei Real Madrid an diesem Dienstag.

Der Torjäger, der in wichtigen Spielen den Unterschied ausmacht – das ist der eine Timo Werner, der, für den Chelsea im Sommer 53 Millionen Euro an RB Leipzig überwiesen hat.

Gegen West Ham war aber auch der andere Werner zu besichtigen – der, der beste Gelegenheiten auslässt und sich damit in seiner ersten Saison in der Premier League den Ruf des Chancentods erarbeitet hat. Nach der Pause setzte er einen Abstauber aus wenigen Metern am Ziel vorbei und brachte seinen Trainer Thomas Tuchel damit wieder eimal zur Verzweiflung. "Ein Tor ist genug. Zwei Tore wären zu viel gewesen", sagte Werner, 25, hinterher und schob zur Sicherheit nach: "Nein, ich scherze nur."

Mal Chancentod, dann wieder Torjäger

Natürlich hätte der deutsche Nationalstürmer lieber zwei Treffer erzielt, aber schon das eine Tor muss als Erfolg gelten, schließlich beendete er damit eine mehr als zwei Monate lange Leidenszeit, in der er überhaupt nicht getroffen hatte in der Premier League. In diese Periode fällt auch sein absurder Fehlschuss bei der 1:2-Niederlage der DFB-Elf gegen Nordmazedonien.

Werner, der Chancentod, ist gerade deutlich öfter zu besichtigen als der Torjäger Werner. Die Statistiker der Premier League führen den Ex-Leipziger in der Kategorie "Vergebene Großchancen" an Rang zwei, nur Patrick Bamford von Leeds United ließ noch mehr dieser Gelegenheiten aus (21) als Werner (17). Dem gegenüber stehen sechs Treffer – erst sechs Treffer, muss man sagen. Die Erwartungen an Werner sind natürlich höher, und auch sein Einstand machte Hoffnung auf mehr. In den ersten acht Premier-League-Spielen traf er vier Mal.

Werner über die Premier League: "Monster in der Abwehr"

Warum es seitdem nicht läuft wie geplant – darüber sprach er gerade in einem Podcast des FC Chelsea, demonstrativ offen und sichtlich entspannt. Die Eingewöhnung bei einem neuen Verein, in einem neuen Land und in einer neuen Stadt – und das alles während einer Pandemie – nannte er ebenso als Grund für seine Schwierigkeiten wie die Qualität der Premier League ("die beste Liga der Welt, Monster in der Abwehr"), den selbst auferlegten Druck ("verrücktes Zeug in meinem Kopf") und Pech im Abschluss.

Der letzte Punkt lässt sich statistisch nachweisen. Mit fünf Pfosten- und Lattentreffern belegt Werner in der Aluminium-Wertung Rang vier in der Premier League. Geht es nach den sogenannten Expected Goals (xG), müsste er bei fast doppelt so vielen Treffern stehen wie seinen tatsächlich erzielten sechs.

Tuchel lobt Werner - auch wenn der gerade nicht trifft

Timo Werner (l) mit Thomas Tuchel

Oft wird bei Angreifern darauf verwiesen, dass es unfair sei, sie einfach nur daran zu messen, wie oft sie den Ball im Netz unterbringen. So ist es auch bei Werner. Tuchel lobte ihn nach dem Erfolg bei West Ham für seinen ganzheitlichen Auftritt: "Er hat gut den Ball verteilt, hat sich von seiner Neuner-Position zurückfallen lassen und den Ball gehalten. Er hatte ein gutes Timing mit seinen Läufen hinter die Abwehr und war in viele Chancen und Halbchancen involviert."

In der Tat wird es Werner nicht gerecht, nur auf seine mäßige Treffer-Bilanz zu schauen. Neun Vorlagen hat er in dieser Premier-League-Saison schon geleistet. Er ist Chelseas Profi mit den meisten Torbeteiligungen. Sein Beitrag zum Gesamtwerk ließ sich exemplarisch beim 1:0-Erfolg über Englands Übermannschaft Manchester City im FA-Cup-Halbfinale vor zehn Tagen besichtigen: Mit seinen Tempoläufen auf halblinker Seite hinter die hochstehende Verteidigung machte er dem Gegner immer wieder Probleme und bereitete so auch Hakim Ziyechs Siegtreffer vor.

Im Idealfall wäre Werner Chelseas Mann für die Effizienz

Unter Tuchels Vorgänger Frank Lampard fand sich Werner oft im Exil auf dem Flügel wieder, wo er in Dribblings gezwungen wurde – ein Stil, der ihm nicht liegt. Unter dem deutschen Coach kommt er in der Regel als Mittelstürmer zum Einsatz und kann sein Tempo besser ausspielen. Außerdem schafft er Räume für die Kollegen. In einem System, das mit fünf Verteidigern erstmal auf Sicherheit in der Defensive ausgerichtet ist, ist Werner entscheidend für die Effizienz im Angriff, zumindest im Idealfall. Einen Stammplatz garantiert das allerdings nicht. Dafür ist das Angebot im Sturm zu groß.

Werners Hauptkonkurrent um den Platz im Zentrum ist sein Landmann Kai Havertz, vor der Saison für mehr als 80 Millionen Euro aus Leverkusen gekommen – und ebenfalls mit Adaptionsproblemen. Dieser zeichnet sich dadurch aus, das Offensivspiel aus einer etwas tieferen Position zusammenzuhalten, während Werner die direktere Variante ist.

Damit es für Werner künftig besser klappt mit dem Toreschießen, hat er sich übrigens mehr Gelassenheit vorgenommen. Im Vereinspodcast zitierte er einen Vergleich, der ihm von einem Mitarbeiter des Trainerstabs angetragen worden sei und vermutlich für originell gehalten wird im Männerfußball-Milieu: "Wenn man in die Disko geht und ein Mädchen will, bekommt man keins. Wenn man einfach nur an der Seite steht, kommen plötzlich 100 Mädchen." Soll heißen: Wenn man unverkrampft ist und zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dann gelingen die Tore irgendwann automatisch.

Stand: 27.04.2021, 11:00

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